SENDETERMIN Mi, 27.09.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Langzeitarbeitslose für immer abgehängt?

Öffentlich geförderte Arbeitsverhältnisse (ÖGB) scheitern an Befristung

Langzeitarbeitslose für immer abgehängt?  | Video verfügbar bis 27.09.2018

– Die Wirtschaft brummt. Trotzdem finden viele seit Jahren keine Arbeit. Gesucht werden Fachkräfte und im Helferbereich sehr leistungsfähige und flexible Mitarbeiter.
– Menschen mit geringer Qualifikation und gesundheitlichen Einschränkungen haben da kaum eine Chance.
– Auch sie brauchen Arbeit, die ihnen gesellschaftliche Anerkennung zuteil werden lässt und es ihnen ermöglicht, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Sinnvolle und "marktnahe" Beschäftigung

Wir fahren zur Aufbaugilde in Heilbronn. Hier werden Waren für mehrere Unternehmen verpackt und kommissioniert. All ihre Beschäftigten waren jahrelang arbeitslos. Barbara P. erzählt: "Das ist schwer für mich, was zu kriegen. Ich kann keine acht Stunden stehen. Ich muss im Wechsel sitzen und stehen. Das wird arg schwer, eine Firma zu finden, wo das geht." Die Aufbaugilde ist ein Sozialtunternehmen; seine Mitarbeiter bekommen einen Lohnzuschuss vom Jobcenter – als Ausgleich für ihre geringere Leistungsfähigkeit.

Langzeitarbeitslose brauchen eine Perspektive

Aber: Die Förderung gibt es für maximal zwei Jahre. Wer dann keinen ungeförderten Job gefunden hat, steht wieder auf der Straße.

Arbeitsagentur in Köln
Langzeitarbeitslose dürfen nicht sich selbst überlassen werden. Sie brauchen dauerhaft geförderte Jobs.

Reiner Knödler von der Aufbaugilde Heilbronn erklärt: "Viele schaffen es aber nicht, weil einfach ihre Einschränkungen zu groß sind. Die brauchen eine längerfristige Förderung, vielleicht auch dauerhaft – eben so lange sie diesen Bedarf haben."

Kurzfristige Maßnahmen führen zu Frust und Resignation

Barbara P. macht sich große Sorgen, was nach dem Ende der Förderung kommt. "Wenn man lauter Absagen kriegt, was soll man denn machen? Sich weiter bewerben. Habe ich auch gemacht. Und lauter Absagen. Immer Absagen, Absagen, Absagen."

Auch Manfred S. gefällt die Arbeit. Er hat Diabetes und ist schwerbehindert (Behinderungsgrad 60). Mit über 50 macht er sich keine Hoffnung mehr, noch einmal Arbeit zu bekommen. Er würde gerne bis zur Rente bleiben.

Aber nur wenige werden gefördert. Und die zeitliche Befristung kann am Ende sogar kontraproduktiv sein, beobachten die Gewerkschaften. Die Folge dieser Maßnahmen sei in der Regel nicht eine Annäherung an den Arbeitsmarkt, sondern eine ganz hohe Frustration bei den Menschen. Dies führe dann eher dazu, dass sie sozusagen vom Arbeitsmarkt noch weiter wegkommen.

Langfristig geförderte Beschäftigung rechnet sich für die ganze Gesellschaft.

Der Fehler im System: Es wird immer nur das Budget des Jobcenters betrachtet. Und das hat fatale Folgen. Reiner Knödler, Aufbaugilde Heilbronn, dazu: "Das sind die Kosten für die Bezuschussung der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverträge und die Kosten der Betreuung. Wenn man das mit anderen Maßnahmen vergleicht, während derer die Teilnehmer weiter Hartz IV beziehen, dann kosten die zunächst mal nur die Betreuung. Was völlig außer Acht bleibt ist, dass da die Kosten für den Lebensunterhalt, für die Sozialversicherung und die Unterkunft weiterbezahlt werden müssen. Was völlig außer Acht bleibt ist, dass bei sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung Gelder an die öffentlichen Kassen zurückfließen und im Lauf der Zeit auch die Kosten für die Betreuung reduziert werden können oder ganz entfallen. In Wirklichkeit wäre eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsförderung billiger."

Arbeit statt Nichts-Tun finanzieren

Hinzu kommt: Die Menschen haben eine Beschäftigung, die ihnen Bestätigung verschafft, die sie glücklicher und zufriedener macht und sie gesünder hält. Sogar die örtlichen Arbeitgeber sind für eine dauerhafte Förderung: Besser Arbeit finanzieren, statt Menschen zum Nichtstun zu verdammen.

Rolf Blättner, Geschäftsführer von Südwestmetall: "Auch wir als Arbeitgeberverbände bekennen uns zur sozialen Marktwirtschaft und uns sind die Menschen in diesem Land auch wichtig. Auch die, die nicht direkt unser Klientel sind. Auch um diese Menschen muss man sich kümmern."

Integration statt Ausgrenzung

Gerade nach den Wahlergebnissen vom Sonntag ist es höchste Zeit, neu über eine langfristige Förderung von Arbeitsverhältnissen nachzudenken. Denn die Teilhabe an Arbeit und gesellschaftlichem Leben ist das humanste und wirksamste Mittel gegen Wut und politische Frustration.

Ein Beitrag von Ingo Blank

Weiterführende Informationen

Aufbaugilde Heilbronn: Arbeit statt Hartz IV
http://www.aufbaugilde.de/index.php/hilfeangebote-sie-suchen-hilfe/arbeitslosenhilfe.html

O-Ton Arbeitsmarkt … die alternative Berichterstattung
http://www.o-ton-arbeitsmarkt.de/

Stand: 29.09.2017 11:52 Uhr

Sendetermin

Mi, 27.09.17 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.