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Leere Versprechen

Wie spanische Pflegekräfte ausgenutzt werden

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Leere Versprechen - Spanische Pflegekräfte werden ausgenutzt | Video verfügbar bis 18.08.2016

Ein Brief von der Arbeitsagentur, der Hoffnung macht mitten in der spanischen Rezession. Im Sommer 2014 erhalten Maria Arias und zwei weitere Kolleginnen ein Angebot aus Deutschland. Die examinierten Krankenschwestern sollen in einem Wiesbadener Pflegeheim arbeiten. Arias erzählt: "Ich hab geglaubt, das wäre eine gute Möglichkeit. Ein unbefristeter Vertrag, ein gutes Gehalt und dazu auch noch die Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Und das Zimmer am Anfang für umsonst." Auch der Prospekt vom deutschen Heimbetreiber Interpares sieht gut aus.

Eine alte und eine junge Hand
Viele spanische Pflegekräfte kehren enttäuscht zurück

Ein schönes WG-Zimmer wird versprochen, sogar kostenfrei für die ersten Monate soll es sein. Außerdem ein teurer Deutsch-Kurs am Goethe-Institut. Das Gehalt beträgt zunächst 1.600 Euro, nach anerkanntem Sprachdiplom 2.200 Euro. Ein Glücksgriff, glauben die drei Spanierinnen. Schließlich kommt das Angebot über Eures, das Vermittlungsportal der europäischen Arbeitsagenturen.

Ernüchternde Ankunft in Deutschland

Und so wirbt Eures seit drei Jahren gezielt spanische Pflegekräfte an. Sie sollen in Deutschland dem Pflegenotstand abhelfen: "Ich bin Mercedes und das ist mein Kollege Daniel. Wir sind zwei Krankenpfleger aus Spanien und haben noch nicht viel Berufserfahrung. Wir haben unsere Lebensläufe an das Eures Portal geschickt und mit Hilfe eines Beraters einen Job in einem Altenheim in Deutschland gefunden."

Nach einer aktuellen Studie des ZEW ist Spanien das Land, in dem die deutschen Pflegebetriebe in den vergangenen drei Jahren am häufigsten Arbeitskräfte gesucht haben. Dort seien 61 Prozent aller Unternehmen mit internationaler Rekrutierungserfahrung aktiv gewesen. Dahinter folgen nach Angaben des ZEW Polen mit 19 Prozent, Kroatien mit 16 Prozent, Rumänien mit 14 Prozent, Italien mit 13 Prozent und Griechenland mit 12 Prozent.

Präsentiert wird im Werbevideo das Bild von deutschen Pflegeeinrichtungen als perfekte Arbeitgeber. Die Spanier, die solche Videos nach Deutschland bringen sollen, sind hochqualifizierte Fachkräfte. Die Realität in deutschen Heimen sieht aber oft anders aus, das müssen auch die Spanierinnen feststellen. Die Ankunft in Wiesbaden ist ernüchternd. Die Zimmer sind Pflegezimmer, sie kosten 250 Euro im Monat. Und von Deutschkurs spricht zunächst niemand.

Wir treffen Maria und ihren Mann in Barcelona. Sie ist inzwischen zurückgekehrt.Sie erzählt, dass sie auch nach mehreren Wochen noch immer keine Deutschkurse bekommen hatten. Das sollte offenbar vor dem Heimbetreiber verschwiegen werden.Immer wenn der Chef aus Berlin da ist, dürfen die Spanierinnen ihre Zimmer nicht verlassen: "Immer wenn der Chef kam,  waren wir wie im Gefängnis. Von morgens 9 Uhr bis 6 Uhr abends, weil der Chef nicht wissen durfte, dass wir kein Deutsch konnten."

Husch, husch ins Zimmer!

Auch Marias Kollegin ist wieder zuhause auf Gran Canaria. Sie schreibt "Plusminus" über die Vorfälle in Wiesbaden: "Die Koordinatorin brachte uns Ordner, Hefte und Notizen und schickte uns zum Lernen auf unsere Zimmer. Ich sprach kein Wort deutsch, weshalb ich die Papiere nicht verstand." Immer wieder kommen Handynachrichten wie diese: "Bleibt in Eurem Zimmer oder der Bibliothek zwischen 8:30 oder 18 Uhr aber lasst Euch nicht sehen." Im Zimmer verstecken, Lohnabzug kein Deutschkurs:  "Plusminus" konfrontiert den Heimbetreiber. Der will von den Problemen aber keine Kenntnis haben:

"Ab 01.08.2014 haben wir nach Rücksprache mit den spanischen Kräften eine Kostenbeteiligung erhoben. Die Pflegekräfte konnten und können sich jederzeit frei im Haus bewegen. Nach unserem Kenntnisstand kam es nie zu Unstimmigkeiten über die avisierten Deutschkurse. Diese fanden selbstverständlich in vollem Umfang statt."

Die drei Spanierinnen sind kein Einzelfall. Wir sind in Berlin bei der Gewerkschaft verdi. Sie schätzt, dass über 1.000 spanische Pfleger in Deutschland arbeiten. Probleme seien an der Tagesordnung, nicht nur wegen der Deutschkurse. Für den Gewerkschafter Tiny Hobbs deshalb wichtig: "…dass die Kollegen bevor Sie hier in das Arbeitsleben einsteigen, eine vernünftige Ausbildung für die deutsche Sprache haben, dass sie die beherrschen. Dass sie ihre Berufsausbildung aus Spanien hier1:1 anerkannt werden und das die Versprechen die Ihnen gemacht werden, ganz einfach von den Arbeitgebern eingehalten werden."

"Geldstrafen bis zu 12.000 Euro"

"Weil das so oft nicht klappt, wollen viele spanische Pflegekräfte schnell wieder nach Hause. Anders als Maria und ihre Kolleginnen können sie das aber häufig nicht. Der Grund sind die Klebeverträge, die sich manche Heimbetreiber unterschreiben lassen. Wer innerhalb der ersten drei Jahre kündigt, dem drohen hohe Geldstrafen, bis zu 12.000 Euro. Das Argument sind die teuren Deutschkurse. "Plusminus" hat mit einem Betroffenen gesprochen. Er möchte anonym bleiben: "Ich frage mich, wie sie auf diese Summen kommen. Wir haben nie richtige Sprachkurse besucht, wir hatten nicht mal Bücher. Ein Lehrer kam ohne alles in der Hand ein paar Stunden am Tag. Ich habe seit der zweiten Woche voll gearbeitet."

Eine Kollegin erzählt: "Ich kann nichts davon machen, was ich gelernt habe. Ich mache nur Arbeiten, die sonst keiner machen will. Aber woher soll ich das Geld nehmen, um gehen zu können? Meine Eltern in Spanien sind beide arbeitslos."

Illegale Verträge?

"Der Arbeitsrechtler Friedrich Reinelt hat für "Plusminus" Verträge aus drei verschiedenen Einrichtungen geprüft. Seiner Ansicht nach enthalten sie Verstöße in fast allen Bereichen des Arbeitsrechts. Sie sind so in Deutschland illegal:

"Die Beschäftigten sind völlig schutzlos dem Arbeitgeber ausgeliefert, wenn sie sich an diese Verträge so halten. Aber wahrscheinlich wird der Arbeitgeber genau mit diesen Verträgen den Druck ausüben. Und letztendlich können die Beschäftigten ihre Rechte nur über den Weg des Arbeitsgerichts erfolgreich beschreiten."

Der Gang vors Gericht ist für die spanischen Kräfte allerdings utopisch. Auch in Spanien hat sich inzwischen die Gewerkschaft eingeschaltet. Sie sieht dringenden Handlungsbedarf. Wir sprechen mit Ricard Bellera: "Das Problem ist fehlende Vorbereitung. Das Problem ist fehlende Begleitung und das Problem ist, dass überhaupt nicht nachrecherchiert wird, was nach der Vermittlung in Deutschland passiert." Um Hilfe für Migrationswillige bemüht sich die spanische gemeinsam mit der deutschen Gewerkschaft nun intensiv.

Maria darf schließlich irgendwann einen Deutsch-Kurs für Fortgeschrittene besuchen. Sie versteht kein Wort, aber das Sprachdiplom ist nötig, um in Deutschland als Pflegekraft anerkannt zu werden. Die Situation eskaliert. Maria wird schließlich gekündigt, noch heute leidet sie darunter. Sie arbeitet heute als Urlaubsvertretung in einem spanischen Altenheim. Der Traum vom großen Glück in Deutschland hat sich für sie und viele andere spanische Pfleger nicht erfüllt.

Autorin: Diana Löbl

Redaktioneller Hinweis:

In einer früheren Fassung dieses Begleittextes hieß es in Bezug auf  die hohen Vertragsstrafen: "Solche Klebeverträge haben auch andere Pfleger unterschrieben". Hierzu möchten wir klarstellen, dass damit nicht die Pflegekräfte des Heimbetreibers "inter pares" gemeint sind. Die Verträge von "inter pares" sehen keine Vertragsstrafen bei Eigenkündigungen vor. Um Missverständnisse zu beseitigen, haben wir den Text  nachträglich entsprechend geändert.

Stand: 01.09.2015 11:35 Uhr

Sendetermin

Mi, 19.08.15 | 21:45 Uhr
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Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.