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Aloe-Vera-Hype: Wundermittel oder Abzocke

Aloe-Vera-Hype: Wundermittel oder Abzocke  | Video verfügbar bis 01.11.2018

– Saft oder Gel aus der Aloe Vera-Pflanze steckt in vielen Hautpflege- oder Kosmetikartikeln.
– Milliarden-Umsätze mit geheimnisvollen Kräften
– Oft ist nur ein Prozent Natur in Aloe-Vera-Produkten enthalten.
– Niedrig dosiert können Pflanzenstoffe gar nicht wirken.
– Verbraucherzentrale fordert Deklarationspflicht.

Die Aloe-Vera-Pflanze. Hersteller versprechen, sie pflege und beruhige die Haut und sei reich an Vitaminen und Mineralien. Was ist dran am Aloe-Vera-Hype? Wir kaufen ein – in Drogerien, Supermärkten und im Internet. Besonders oft finden wir Aloe Vera in Kosmetik- und Hautpflegeprodukten. Und inzwischen sogar als Saft zum Trinken. Selbst in manchen Kopfkissen soll der Extrakt drinstecken. Überall werben die Hersteller mit den geheimnisvollen Kräften der Grünpflanze. Und das kommt bei vielen Kunden an.

Milliardenumsätze mit der stacheligen Schönheit

Aloe Vera ist längst kein Nischenmarkt mehr, sondern Big Business. Experten schätzen den jährlichen Umsatz mit dem angeblichen Wunder-Gewächs auf 13 Milliarden Euro. Heimisch ist die stachelige Schönheit im Mittelmeerraum und auf den Kanaren. Sie speichert viel Wasser. Und deshalb enthält ihr Mark bis zu 99 Prozent davon. Prof. Dr. Christiane Bayerl, Direktorin der Helios Klinik Dermatologie in Wiesbaden, untersucht seit Jahren die Wirkung von Pflanzenstoffen wie Aloe Vera.

"Aloe Vera wird generell eingesetzt, weil es anti-entzündlich wirkt und weil es das Immunsystem unterstützt in der bakteriellen Abwehr ... wünschenswert ist natürlich, da es anti-entzündliche Wirkungen und immunanregende hat, dass möglichst viel dieser Wirksubstanz enthalten ist in dem Produkt."

Nur Ein Prozent Natur in machen Aloe-Vera-Produkten

Aber – wieviel ist wirklich drin? Vorne auf der Packung machen alle groß mit Aloe Vera auf. In der Packung gibt es dann große Unterschiede. Was schätzen denn die Kunden so? Ein Blick auf die Inhaltsstoffe verrät nur: Je weiter vorne Aloe Vera steht, desto mehr ist drin, wie bei dieser Creme. Steht es weiter hinten, ist nur wenig davon enthalten. Beispiel: Die Palmolive-Seife. Vorne groß beworben. Dagegen auf der Rückseite: Im Kleingedruckten steht Aloe Vera nur an 17. Stelle. Wir fragen bei der Verbraucherzentrale nach. Die hat verschiedene Produkte untersucht. Aloe Vera – oft nur schöner Schein? Silke Schwartau, Verbraucherzentrale Hamburg: "Die ganze Aufmachung mutet nach Naturkosmetik an, grün, sie finden hier eine große Abbildung, das Blatt. Und tatsächlich sind nur 2,5 Prozent drin, also da wird man als Verbraucher schon über den Tisch gezogen."

Niedrig dosiert können Pflanzenstoffe gar nicht wirken

Und wir finden heraus: In der Garnier After Sun Creme ist noch weniger drin. Aloe Vera steht bei den Inhaltsstoffen noch hinter dem Konservierungsstoff Phenoxyethanol. Und von dem darf laut Kosmetikverordnung nur maximal ein Prozent drin sein. Weniger als ein Prozent Aloe Vera? Für Kunden ist das enttäuschend und Augenwischerei.

Prof. Dr. Christiane Bayerl, Dermatologin und Allergologin: "Was wir von Studien wissen ist, dass wir höhere Konzentrationen von Aloe Vera brauchen, damit die Substanz wirken kann, damit sie anti-entzündlich wirken kann und mit ein paar Prozenten nix zu erreichen ist." Auch bei anderen Produkten taucht Aloe Vera bei den Inhaltsstoffen erst ganz hinten auf. Bei der Frosch Spül-Lotion zum Beispiel wird Aloe Vera sogar erst unter "Weitere Inhaltsstoffe" genannt“.

Verbraucherschützer fordern genaue Deklaration. Silke Schwartau, Verbraucherzentrale Hamburg: "Leider gibt es da eine Lücke im Gesetz, es muss der prozentuale Anteil nicht angegeben werden, bei Wasch- und Reinigungsmitteln – da gibt es eine allgemeine Deklaration, da dürfen auch verschiedene Stoffe unter "Weitere Inhaltsstoffe" deklariert werden, sodass man da noch weniger Durchblick hat.

Jetzt fragen wir die Hersteller direkt, wieviel Aloe Vera in den Produkten steckt. Bei Palmolive heißt es: Keine Angabe – Firmengeheimnis! Und die anderen mauern ebenso. Außerdem bemängeln nicht nur Ärzte, sondern auch Pharmakologen wie Gerd Glaeske, dass es nicht genügend Studien zur Wirksamkeit gibt. Prof. Dr. Gerd Glaeske, Pharmakologe: "Es ist sozusagen keine Pflanze, bei der man richtig gute wissenschaftliche Studien findet. Und wenn man nur wenige Prozente hat, dann kann man eigentlich nicht unbedingt davon ausgehen, dass es die Wirkung erfüllt. "Noch am ehesten könnte laut Experten ein hochdosiertes Gel eine hautberuhigende und kühlende Wirkung bei Sonnenbrand entfalten. Ein Effekt, den aber auch andere Gels haben.Trotzdem: das Aloe Vera-Business boomt. Und das nicht nur in der Kosmetik.

Auch Trinkgel gibt es inzwischen zu kaufen. Oft mit einem hohen Aloe-Vera-Anteil. Dafür aber sehr teuer. Dabei besteht Aloe Vera selbst bis zu 99 Prozent aus Wasser. Doch die Wirkungen auf die Haut sind fraglich. Und Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen. Prof. Dr. Christiane Bayerl, Direktorin Helios Klinik Dermatologie Wiesbaden: "Das ist ein bisschen kritisch. Wir erinnern uns an Fälle, Berichte einer Leberentzündung, einer Hepatitis unter Aloe Vera, insofern ist man da sehr vorsichtig." Gerd Glaeske, Pharmakologe: "Ich würde grundsätzlich darauf verzichten, weil man viel zu wenig weiß, wie sich das Mittel dann entsprechend auswirkt, wenn ich es schlucke."

Aloe Vera Kissen – Werbegag oder Wundermittel?

Und der letzte Hype: Aloe Vera im Kissen. Der Hersteller behauptet sogar, damit könne man die Abwehrkräfte und den Stoffwechsel stimulieren. Silke Schwartau, Verbraucherzentrale Hamburg: "Ich meine, schön wär ́s, aber das wird mit großer Sicherheit nicht funktionieren und auch das halte ich für einen Werbegag." Auf unsere Anfrage antwortet der Kissenhersteller übrigens nicht. Was bleibt: Aloe Vera kann zwar beruhigend auf die Haut wirken. Aber nur, wenn mehr als ein paar Prozent drin sind und es bei den Inhaltsstoffen weit vorne steht. Ansonsten ist es leider oft nur Marketing.

Ein Beitrag von Patrick Jauß

Stand: 02.11.2017 09:53 Uhr

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