SENDETERMIN Mi, 09.09.15 | 21:45 Uhr | Das Erste

Giftiges Glyphosat per Internet

Unkontrollierter Online-Handel

PlayGärtner
Giftiges Glyphosat per Internet | Video verfügbar bis 08.09.2016

Werner Heidemann ist seit über 30 Jahren passionierter Gärtner. Im westfälischen Lünen baut er Obst, Gemüse und Zierpflanzen an. Ein ständiger Begleiter: so genannte Wildkräuter, besser bekannt als "Unkraut". Die chemische Industrie verspricht  dagegen ein Allheilmittel: Glyphosat, ein Pflanzengift, das von verschiedenen Herstellern angeboten wird. Die Werbung verspricht Abhilfe.

"Sie lieben Ihren Garten, aber sie kennen ja das Problem mit dem Unkraut, eine echte Plage. Statt immer wieder mühsam zur Hacke greifen zu müssen, sorgt das Mittel bei nur einmaliger Anwendung für Unkrautfreiheit."

Gärtner Werner Heidemann sieht das anders: „Auf diesen kleinen und engen Bereichen ist es jedem zumutbar, sich mal zu bücken und mit den Händen ins Beet zu greifen. Und es gibt da ja auch einfach gesundheitliche und ökologische Bedenken."

Nabu warnt seit Jahren

Ökologische Bedenken hat man auch beim Naturschutzbund Deutschland. Das vermeintliche Allheilmittel gegen Unkraut steht hier schon lange in der Kritik: "Es gibt Untersuchungen an Fischen, an Amphibien, aber auch an Wasserflöhen, die deutlich deutlich, dass dieses Mittel für erhebliche Probleme bei der Reproduktionsfähigkeit von Wasserorganismen verantwortlich ist," erklärt Florian Schöne vom Nabu.

Verkauf trotz Warnung

Aber auch für Menschen steht Glyphosat unter Verdacht, gesundheitsgefährdend zu sein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Mittel im Frühjahr als "wahrscheinlich Krebs erregend" eingestuft. In der Landwirtschaft wird es trotzdem weiter eingesetzt. Und  der Verkauf - auch an Hobbygärtner - geht bislang ungehindert weiter. Für Florian Schöne vom Nabu ein Unding:

»Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die meisten Privatanwender sich der Risiken überhaupt nicht bewusst sind und nach dem Prinzip 'Viel hilft viel' handeln. Und wenn dann der Giersch, die Quecke oder die Kratzdistel Überhand nehmen auf der Garageneinfahrt, dann wird einfach mal das Konzentrat richtig drauf geschüttet, damit endlich Ruhe im Karton ist und das kann es nicht sein.«

Erste Anbieter nehmen Glyphosat vom Markt

Mit einer E-Mail Kampagne forderte der Nabu Baumärkte und Gartencenter auf, das Mittel aus den Verkaufsregalen zu nehmen. Mit Erfolg. Bauhaus zum Beispiel beendet das Geschäft mit dem umstrittenen Unkrautvernichter.

»Wir haben noch einen Rest anwendungsfertiger Produkte von Glyphosat, die Konzentrate haben wir schon seit längerem aus dem Sortiment genommen. Den Rest werden wir bis zum 30. September auch abverkaufen und dann wird es bei uns kein Glyphosat mehr geben,«

erläutert Helmut Rödiger von Bauhaus.

Ausschluss eines Top-Sellers

Auch die toom-Märkte aus der REWE-Gruppe listen Glyphosat-Produkte aus. Genauso wie OBI. Und bei Hornbach hat man zumindest die Konzentrate verbannt, verkauft aber verdünnte Lösungen weiter. Damit verschwindet bei vielen Baumärkten der Umsatzbringer Nummer eins beim Pflanzenschutz aus den Regalen - und aus den Bilanzen.

»Durch den Verzicht auf diese Produkte, verzichten wir auf einen nicht ganz unerheblichen Umsatz. Diesen Ausfall versuchen wir natürlich durch Alternativen zu kompensieren. Wir vermuten, dass wir das nicht schaffen werden. Das Produkt ist einfach zu bekannt, die Verbraucher fragen danach, sie werden es bei uns nicht mehr finden und werden sich dann wahrscheinlich anderweitig orientieren,«

meint Helmut Rödiger von Bauhaus.

Handel reagiert, Hintertür Internet bleibt

Zum Beispiel im Internet. Beim Handelsriesen Amazon ist das Mittel in verschiedensten Ausführungen und beliebiger Menge ganz einfach per Mausklick erhältlich. Eine fachliche Beratung – wie im stationären Handel zwingend vorgeschrieben? Fehlanzeige. Warnhinweise werden - wenn überhaupt - im Fließtext versteckt. Dafür gibt es viele Bewertungen wie: "Alles tot!" oder "Einfach nur genial!" Auch bei anderen Onlineshops für Gartenprodukte kann das Mittel problemlos bestellt werden. Wenige Tage nach der Bestellung werden diverse Glyphosat-Produkte per Post geliefert. Auf unsere Nachfrage reagiert nur der Shop pflanzotheke, platziert immerhin einen Warnhinweis und schreibt per E-Mail.

»Der Kunde erhält auf jeder Produktseite in unserem Shop alle gesetzlich notwendigen Informationen, Sicherheitsdatenblätter und darüber hinaus nützliche Daten.«

Florian Schöne vom Nabu sieht das kritisch:

»Im Idealfall muss man noch zweimal anklicken, dass man noch etwas zur Kenntnis genommen hat, aber auch das findet nicht überall statt und deswegen, muss man wirklich sagen, wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Dem stationären Handel werden sehr hohe Auflagen gemacht, während der Onlinehandel machen kann, was er will.«

Ministerium setzt auf Broschüre

Nachfrage beim zuständigen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Warum sind Pestizide, die der stationäre Handel nur nach strengen Kriterien ausgeben darf oder sogar ganz aus den Regalen nimmt, im Internet frei verfügbar? Kein Interview zum Thema, schriftlich heißt es:

»Die Bund-Länder Arbeitsgemeinschaft ... bereitet derzeit eine Broschüre vor, welche speziell die Online- und Versandhändler nachdrücklich über die gesetzlichen Pflichten beim Verkauf von Pflanzenschutzmitteln informiert.«

Alternativen zur Chemiekeule

Und während das Ministerium „eine Broschüre vorbereitet“, läuft das  Millionengeschäft mit Roundup und Co per Internet ungebremst weiter.

Es geht auch ganz anders – zum Beispiel bei der Stadt Münster. Unter anderem mit der so genannten „Wildkrautbürste“. Chemische Hilfsmittel sind beim städtischen Grünflächenamt schon lange tabu.

Mit Gasbrenner, Pflugmaschinen oder ganz klassisch mit Harke rückt man dem Unkraut seit einem Vierteljahrhundert in Münster zu Leibe. Oder lässt es an manchen Stellen einfach wachsen. Franz-Josef Gövert: "Es gibt also keinerlei Einschränkungen, wir haben all die Dinge durch andere Maßnahmen in den Griff bekommen, wo man früher Herbizide eingesetzt hat."

Chemiefreies Gärtnern

Es geht also auch ohne Chemie, in der Stadt Münster und auch im Kleingartenverband Westfalen-Lippe, dem Werner Heidemann in Lünen angehört.

"So einen Garten, den muss ich ja anmieten. Dann gibt es Pachtverträge und da heißt es ganz klar in der Gartenordnung in Westfalen: Der Herbizideinsatz im Kleingarten ist verboten. Punkt." 

Ein Beitrag von Jörn Kersten

Stand: 10.09.2015 11:51 Uhr

Sendetermin

Mi, 09.09.15 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.