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Wirtschafts-Studenten klagen über Einheitsbrei

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Wirtschafts-Studenten | Video verfügbar bis 02.06.2016
VWL-Studenten klagen über einseitiges Studium.
VWL-Studenten klagen über einseitiges Studium.

Viele Wirtschaftsstudenten in Deutschland sind unzufrieden mit dem, was sie lernen sollen. Zu theoretisch, zu formalistisch, zu wirklichkeitsfremd, sagen sie. Bundesweit haben sie sich inzwischen im Netzwerk „Plurale Ökonomik“ zusammengeschlossen, dem sich Gruppen von 24 Universitäten zwischen Hamburg und München angeschlossen haben.

„Ich hatte in fünf Jahren Studium hier nichts zum Geldsystem, keine Wirtschaftsgeschichte“, berichtet Lino Zeddies von der Fachschaft Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität (FU) Berlin. Zeddies ist dort der Sprecher der Studentengruppe „Plurale Ökonomik“. Auch mit der Finanzkrise habe man sich nicht auseinandergesetzt. Ein Kommilitone beklagt, dass das Fach Ethik beim Studium nicht vorkommt, und dass man über politische Zusammenhänge bei wirtschaftlichen Entwicklungen nichts erfährt. Außerdem wollen die angehenden Ökonominnen und Ökonomen mehr über Themen wie Hunger, Klimawandel und soziale Ungleichheit wissen

Der Background fehlt

„Wir können unglaublich viele Kurven hin- und herschieben und sagen, was das eigentlich bedeutet“, sagt eine Studentin, aber oft fehle der Background. Und es gebe „viele andere Wirtschaftstheorien, von denen man nichts hört.“ Das führe zu Unzufriedenheit, ergänzt ein Student, gerade im Zusammenhang mit der großen Finanzkrise. „Man versteht gar nicht, was los ist“.

Tatsächlich wird an den Universitäten im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften fast nur noch eine Denkschule vermittelt, die Neoklassik. Wirtschaftsliberale Theorien dominieren: Gut sind, grob gesagt, niedrige Steuern, niedrige Löhne, Privatisierung des öffentlichen Eigentums und der Altersvorsorge. Eher schlecht ist alles, was nach Sozialstaat riecht.

Auch fast alle Fernseh-Professoren, die durch die Talkshows reisen und hoch bezahlte Vorträge halten, vertreten die neoliberale Lehre. Dass genau diese Politik bei der Weltwirtschaftskrise millionenfaches Elend gebracht und den Nazis geholfen hat, das ist im Lehrplan bestenfalls ein Randthema. Dass die Lage in Südeuropa heute durchaus vergleichbar ist, fehlt oft genauso.

Volkswirtschaftsstudenten haben an etlichen Universitäten einen Aktionstag organisiert. An der Freien Universität in Berlin schmücken sie an diesem Tag den Fachbereich, machen die grauen Wände bunter. So bunt und vielfältig sollten auch die Lehrpläne sein, fordern sie. Verkleidet als Adam Smith, ein Ökonom aus dem 18. Jahrhundert, als Karl Marx, der im 19. Jahrhundert „Das Kapital“ geschrieben hat, und als John Maynard Keynes sind sie in Vorlesungen gegangen, um darauf aufmerksam zu machen, dass deren Theorien an der Uni gar nicht, kaum oder, wie im Falle von Adam Smith, falsch gelehrt würden.

Wir brauchen Theorievielfalt

Dabei habe Keynes in der Zeit der Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts seine wichtigsten Schriften verfasst, erklärt ein Student. Dies könne heute einiges zur Erklärung beitragen. „Wir brauchen Theorievielfalt, Methodenvielfalt“, fordert die Gruppe. „Wir brauchen Pluralismus und nicht solchen Firlefanz, den wir heute hier machen.“

Professor Michael C. Burda von der Humboldt-Universität Berlin weist die Vorwürfe der Studierenden – zumindest teilweise – zurück. „Es gibt Unzufriedenheit mit der Welt in diesen Zeiten, es gibt Unzufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik, es gibt auch Unzufriedenheit mit Ungleichheit. Aber es stimmt nicht, dass wir dies ignorieren.“

Doch einige Forderungen seien vernünftig, sagt der Ökonom, der von 2011 bis Ende 2014 Vorsitzender eines einflussreichen Zusammenschlusses deutschsprachiger Wirtschaftswissenschaftler war, des Vereins für Socialpolitik. So sollte man beim Studium mehr Beispiele benennen, sagt Burda und vielleicht einen Tick weniger formal vorgehen – gerade im Bachelor-Studium. Die deutschen Wirtschaftsprofessoren wollen jedenfalls bei der Tagung des Vereins für Socialpolitik im September über die studentischen Forderungen diskutieren.

Die Studierenden organisieren inzwischen eigene Vorlesungen, um zumindest einige Lücken zu schließen. An der FU in Berlin bekommen sie für ihr Alternativprogramm geeignete Räume gestellt; einige andere Universitäten verweigern dies.

Dirk Ehnts ist einer der Ökonomen, den die Studenten an die FU geholt haben. Er referiert über Geldtheorie. Der Dozent für Volkswirtschaftslehre arbeitet sonst an einer kleinen, gemeinnützigen Uni, dem Bard College Berlin. Auch Ehnts meint, dass in der Volkswirtschaftslehre zurzeit nur eine Schule vertreten werde. Andere Schulen zuzulassen „würde interessante Diskussionen hervorrufen“, sagt der Ökonom.

Richtungsstreit als Rap

Proteste gegen die Einseitigkeit in der Volkswirtschaftslehre gibt es auch in anderen Ländern. In den USA beispielsweise zanken sich die Ökonomen viel lebendiger und origineller als in Deutschland. Sogar im Videoportal Youtube. Die Ökonomen Friedrich August von Hayek und John Maynard Keynes treten dabei als Rapper auf. Dagegen setzen Studenten einen Clip. Sie rappen Zeilen wie: „Die Lehrbücher verderben eure Moral.“ Denn Empathie komme in den Büchern nicht vor. Nur Zahlen.

Der Student Lino Zeddies verweist auf Griechenland: „Wenn ich diese Auswirkungen sehe bei Griechenland, wie da die Menschen massenweise arbeitslos werden, keine Krankenversicherung mehr haben, dann brenne ich natürlich auch dafür, was zu verändern und sehe um so mehr, dass sich an der Lehre etwas ändern muss.“

Die VWL-Studenten von heute sind die Politiker, Konzernlenker und Journalisten von morgen. Wenn sie nur eine Denkschule kennen, wie sollen sie dann sozial ausbalancierte Ideen für die Zukunft entwickeln? Es sei denn, das wäre tatsächlich gar nicht gewollt.

Ein Beitrag von Hermann G. Abmayer

Stand: 03.06.2015 22:42 Uhr