Inhalt.
Hauptnavigation.
Suche.
In vielen Städten entstehen seit einiger Zeit neue, große Einkaufszentren nicht mehr am Stadtrand, sondern in der Innenstadt. Die Betreiber behaupten, das belebe die Stadtzentren. PLUSMINUS untersucht, ob das wirklich der Fall ist.
Bild vergrößern bzw. verkleinern
Bildunterschrift:
Wem nützen die schönen Konsumtempel?
]
Glitzernde Konsumwelt - hell, freundlich, einladend. Einkaufszentren liegen im Trend und die Kunden strömen. Doch hinter den strahlenden Fassaden steckt ein knallhartes Geschäft. Es geht um jede Menge Geld. Um Einfluss. Um einen eiskalten Konkurrenzkampf gegen die traditionellen Einkaufsstraßen.
Welche Folgen das vielerorts hat, zeigt das Beispiel Wetzlar in Hessen.Mitten in der Stadt hat 2005 der riesige Shoppingtempel "Forum Wetzlar" eröffnet. Die Hoffnung damals: Dass die schwächelnde Innenstadt belebt wird. Doch davon ist heute nichts zu sehen. Die ehemaligen Einkaufsmeilen: Nicht belebt, sondern erst recht herunter gekommen.
"Früher war es hier schon wesentlich belebter, viel schöner und angenehmer die Atmosphäre. Man sieht ja selbst, was hier passiert ist, es sind 1-Euro-Läden." "Die kleinen Geschäfte, die eigentlich den Charme ausgemacht haben in Wetzlar sind weg." - „Mit dem Forum – dieses Riesending. Da zieht alles hin und rundherum ist nicht mehr viel los. Traurig.“ "Heute, egal, wann ich rausschaue. Links keiner, rechts keiner."
So dramatisch will man das im Rathaus nicht sehen.
Harald Semler, Wirtschaftsdezernent Wetzlar: "Diese Entwicklung - da bin ich mir sicher - würden wir genauso haben, vielleicht noch schlimmer, wenn das Center nicht direkt im Anschluss entstanden wäre."
Kein Wunder, schließlich hat die Stadt das Zentrum gewollt. Hat den großen Versprechen geglaubt, dass das Einkaufszentrum mehr Kunden nach Wetzlar holt.
Ein Versprechen, das Entwickler solcher Zentren immer wieder machen - aber nur selten halten, sagt die Hamburger Ökonomin Monika Walther. Sie hat mehr als 60 deutsche Städte untersucht und festgestellt: Meist profitieren nur die Center selbst, die Innenstädte leiden.
Monika Walther, HafenCity Universität Hamburg: "Das führt dann dazu, dass die gewachsenen Einkaufsstraßen an Umsatz, an Kunden verlieren und es dadurch über kurz oder lang zu Geschäftsaufgaben und Leerständen kommt. Das gilt insbesondere für kleinere Städte."
Betreiber der meisten Einkaufszentren ist die Hamburger Firma ECE, Teil des Otto-Imperiums. Sie ist der europaweite Marktführer - baut einen Konsumtempel nach dem anderen. Ein Milliardengeschäft.
ECE ist auch an den Umsätzen der Center beteiligt. Welches Interesse sollte das Unternehmen also daran haben, die Innenstädte zu stärken? Schließlich bedeutet jeder Euro, der draußen ausgegeben wird, weniger Geld für ECE.
Doch das Unternehmen verkauft sich trotzdem gern als Retter der Innenstadt. Schreibt uns:
"Wir freuen uns, dass in den allermeisten Fällen Bürger, Stadtverwaltungen, Gutachter und Medien unseren Einkaufsgalerien bestätigen, dass sie die jeweilige Innenstadt gestärkt haben."
Innenstädte stärken. Dass ECE eigentlich ein anderes Ziel verfolgt, sieht man allein schon am Bau vieler Center. Das Unternehmen plant sie bewusst so, dass die Kunden lange bleiben, nur noch hier einkaufen. Ein riesiges Sortiment, Gastronomie, die beliebten, großen Ketten - wer einmal drin ist, wird geschickt zu einem Rundlauf animiert.
Monika Walther, Ökonomin: "In baulicher Hinsicht passiert das eben, dass möglichst wenig Eingänge und Anknüpfungspunkte an die Innenstadt hergestellt werden und der Kunde oft schlüssig vom Parkdeck über die verschiedenen Ebenen des Centers im Center bleibt und hier seine Einkäufe tätigt."
Draußen wird es dadurch leerer und leerer. Und die Zahl der Einkaufscenter wächst weiter.
Auch in Kaiserslautern soll im Herbst 2014 auf dem ehemaligen Karstadt-Areal ein neues ECE-Center öffnen. Axel Ulmer hat die Planungen von Anfang an kritisch begleitet und hat beobachtet, wie geschickt ECE die Lokalpolitiker für sich gewonnen hat.
Axel Ulmer, Bürgerinitiative gegen ECE-Center: "ECE ist ein hochprofessionelles Unternehmen, das mit schönen bunten Bildern, mit dem Ausmalen der Vorteile eines solchen Centers zunächst mal allen Widerstand platt macht, um es klar zu sagen. Und da fühlt sich natürlich eine Stadt wie Kaiserslautern auch geschmeichelt, dass so ein hochprofessioneller Anbieter auf diesem Sektor hier ankommt."
Bunte Bilder, detaillierte Pläne, Gutachten mit großen Versprechen. ECE weiß genau, wie man Lokalpolitiker um den Finger wickelt, sagt Stadtplaner Holger Pump-Uhlmann. Perfekte Lobbyisten haben mit oftmals naiven Verantwortlichen leichtes Spiel.
Holger Pump-Uhlmann, ECE-Kritiker: "Das ist für sie Tagesgeschäft - das Einlullen von öffentlichen Entscheidungsträgern zu ihren Zwecken. Aber diesen öffentlichen Entscheidungsträgern ist vorzuwerfen, dass sie eigentlich nicht die Interessen ihrer Städte vertreten, sondern die Interessen eines Entwicklers."
Doch ECE belässt es nicht nur bei cleveren Versprechen, sondern betreibt auch Lobbyarbeit hinter den Kulissen. Ein wichtiges Instrument dabei: Die Stiftung "Lebendige Stadt". Gegründet von ECE-Chef Alexander Otto mit der offiziellen Zielsetzung: Innenstädte zu verschönern und zu beleben.
Erstaunlich aber: Im Stiftungsrat sitzen kaum Experten und Stadtplaner, sondern vor allem politische Entscheidungsträger. Bürgermeister, Ministerpräsidenten, Minister.
Die Organisation Lobby-Control kritisiert: ECE nutze die scheinbar unabhängige Stiftung, um wichtige Kontakte zu knüpfen und das eigene Image zu pflegen.
Ulrich Müller, LobbyControl - Initiative für Transparenz und Demokratie:
"Die Stiftung ist zugleich eben abhängig von ECE. Also sie hat eigentlich nicht genug eigene Finanzmittel und die entscheidenden Positionen sind mit ECE-Leuten besetzt. Insofern kann sie eigentlich nicht unabhängig agieren."
Geld an Politiker zahlt die Stiftung zwar nicht - umgarnt sie aber anders. Ein Beispiel: Der Bürgermeister des ostfriesischen Städtchens Leer war 2010 auf einen pompösen Stiftungskongress in München eingeladen. Durfte dort zum Beispiel gegen die FC Bayern Allstars kicken. Nicht schlecht für einen Lokalpolitiker. Ob es Zufall ist, dass ECE in Leer gerade ein neues Center bauen wollte?
Zumindest die Stiftung selbst betont ihre Unabhängigkeit.
Stiftung Lebendige Stadt: "Die Stiftung befasst sich bewusst nicht mit dem Thema "Handel". Somit ist ein Interessenskonflikt ausgeschlossen."
Ulrich Müller, LobbyControl: "Der wichtige Punkt ist, dass selbst wenn es bei den Themen leichte Unterschiede gibt, die Personen, die sie damit erreichen, eigentlich die gleichen sind. Das heißt, über das Thema Stadtentwicklung erreichen sie die gleichen Leute, die auch für die Entscheidung über Shoppingcenter von Interesse sind."
Solange sich Politiker von solcher Lobbyarbeit einlullen lassen, bleiben Einkaufscenter ein lukratives Geschäft. Aber nur für ECE. Die deutschen Innenstädte haben so sicher keine blühende Zukunft.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 23.01.2013. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.