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Geringverdiener

Reinigungsfirmen umgehen Mindestlöhne

Putzgeräte am Boden Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Viel Arbeit, wenig Lohn ]
Obwohl im Reinigungsgewerbe mittlerweile Mindestlöhne gelten, umgehen viele Arbeitgeber diese Regelung. PLUSMINUS zeigt im Anschluss an die ARD-Komödie zum Konkurrenzkampf im Reinigungsgewerbe, wie die Realität aussieht.

Unterwegs mit versteckter Kamera. Diese Frau ist Angestellte einer Reinigungsfirma und putzt in deren Auftrag Hotelzimmer. Erkannt werden möchte sie nicht, aus Angst um ihren Arbeitsplatz. Obwohl sie an dem kaum etwas verdient. Unterm Strich erhält sie brutto knapp 5,20 € die Stunde.

Dabei soll sie laut Arbeitsvertrag den gesetzlichen Mindestlohn von 8,82 € pro Stunde erhalten.

„Ich fühle mich ausgebeutet und ausgenutzt. Obwohl wir mindestens sechs bis sieben Stunden arbeiten am Tag, verdienen wir kaum 300 €, d.h. für nichts, nicht mal für Miete reicht uns das Geld."

Ein trauriger Einzelfall? Leider nicht. Niedriglöhne im Reinigungsgewerbe.

Auch ein Thema im ARD-Spielfilm "BlitzBlank": "Wir bekommen zu wenig Lohn!“ - „Wir bezahlen doch nach Tarif, oder?“ - "Wie bezahlen 9 €... „Ja, aber wir bekommen kein Geld für die Überstunden“ -„Das ist die typisch deutsche Arbeitnehmer-Einstellung! In Japan machen die Leute Überstunden aus Freude und Loyalität und zum Arbeitgeber.“

In Deutschland machen Menschen unbezahlte Überstunden aus Angst, weiß Thomas Kreten von der zuständigen Gewerkschaft. Gerade in der Reinigungsbranche. Er berät betroffene Mitarbeiter. Auch Ramona Wahrheit hat für ihre Arbeit im Hotel nicht den vorgeschriebenen Mindestlohn erhalten.

"511 € hätten sie kriegen müssen, normalerweise, und bekommen haben Sie brutto 142 €, das ist gerade mal ein Drittel von dem, was Ihnen tatsächlich dann zugestanden hätte."

Eine enorme Differenz. Ramona Wahrheit erklärt uns, wie es dazu kommen kann: "Ich habe nur die Zimmer bezahlt bekommen, die ich geschafft habe. Also wenn ich sechs Zimmer am Tag geschafft habe, habe ich auch nur die sechs Zimmer bezahlt bekommen, egal ob ich nur vier Stunden da war oder sechs, acht Stunden gebraucht habe dafür."

Ein glatter Verstoß gegen die geltenden Tarife der Branche. Denn nach Zimmern abzurechnen ist unzulässig, wenn dadurch der Mindestlohn unterlaufen wird.

Thomas Kreten, IG Bauen Agrar Umwelt: "Die Vorgehensweise wie hier in diesem Fall, die ist also Gang und Gäbe. Und die Frauen haben Angst, irgendetwas dagegen zu unternehmen, weil in der Regel sind sie auf ihren Job angewiesen, brauchen das Geld, und das wird von den Firmen schamlos ausgenutzt."

Wir konfrontieren das Hotel und die Reinigungsfirma mit den Vorwürfen. Das Hotel will den Sachverhalt prüfen. Die Reinigungsfirma streitet alles ab. Belege, die unsere Unterlagen entkräften, bekommen wir aber nicht zu sehen.

Niedriglöhne gibt es nicht nur in der Reinigungsbranche. Bundesweit arbeiten 4,1 Millionen Beschäftigte für weniger als 7 € brutto in der Stunde, 1,4 Millionen davon sogar für weniger für als 5 €.

Für Menschen wie sie bedeutet das: Der Verdienst reicht nicht zum Leben. Ihr bleibt trotz Arbeit nur eine Möglichkeit: Hartz IV.

"Ich finde, dass das sehr ungerecht ist, dass so was eben mitten in Deutschland passieren kann."

Mehr als 1,3 Millionen Menschen in Deutschland müssen ihr mageres Gehalt durch Geld vom Staat aufbessern. Alleine 2011 zahlten die Arbeitsagenturen 8,7 Milliarden € an diese sogenannten „Aufstocker“ aus.

Für den Arbeitsmarkt-Experten Prof. Stefan Sell, Hochschule Koblenz steckt eine perfide Logik dahinter:

"Die Unternehmen, die besonders mies bezahlen, und sich nicht an die Vorschriften halten, die werden unterm Strich sogar noch belohnt dadurch, dass der Staat ein Teil ihrer niedrigen Lohnkosten aufstocken muss. Währenddessen die Unternehmen, die sich fair verhalten, und an Recht und Gesetz halten, die kriegen keinen Auftrag, weil sie sozusagen preislich zu hoch angesetzt sind."

ARD-Spielfilm "BlitzBlank": "Konkurrenz belebt das Geschäft ... zahlt er euch denn schön den Tarif. Ah, ein Gewerbeschein. Bona siwa. Das hier sind rumänische Subunternehmer … umgeht man sehr schön den Gebäudereinigertarif."

In der Wirklichkeit versucht der Zoll, wie in diesem Bürogebäude, Verstöße gegen den Mindestlohn aufzudecken. Die Beamten tauchen unangemeldet auf, kontrollieren Angaben und Papiere. Oftmals ohne Erfolg.

Thomas Seemann, Hauptzollamt Stuttgart: "Das Traurige im Mindestlohnbereich ist natürlich, was uns die Arbeit auch erschwert, ist, dass der Betroffene, nämlich der Arbeitnehmer der zu wenig Geld erhält, uns oftmals sagt, er würde den aktuellen Mindestlohn im Reinigungsgewerbe erhalten. Und das macht die Sache regelmäßig schwierig, weil wenn derjenige, der wirklich zu wenig Geld erhält, dieses Spiel mitspielt, ist es für uns natürlich relativ schwierig, das nachzuweisen."

Die Arbeitnehmer schweigen, weil sie Angst um ihren Job haben. Denn die Firmen schüchtern ihre Mitarbeiter ein.

Ramona Wahrheit: "Die sagen wir waren zu langsam, wir sollen schneller werden. In anderen Hotels sei das Gang und Gäbe, dass das so schnell gehen würde. Aber was uns dann eigentlich verschwiegen wird ist, dass die Frauen und Männer auch länger brauchen, es nicht schaffen in der passenden Zeit."

Ramona Wahrheit wollte nicht mehr schweigen - und bekam die Kündigung. Nur Zufall?

Aber nicht nur die Reinigungsfirmen selbst sind verantwortlich. Auch deren Auftraggeber, zum Beispiel Hotels. Denn für die zählt oft nur der Preis.

Das kritisiert auch Jürgen Barz, selbst Geschäftsführer einer Reinigungsfirma in Ulm. Er zahlt nach Tarif. "Aber ich kenn‘ halt auch viele Auftraggeber, die greifen halt zum günstigsten Angebot. Und das ist der Nährboden genau für diese Firmen, die nachher letztendlich ein unseriöses Angebot abgegeben haben. Letztendlich sind alle beschissen dran. Wir genauso, weil wir den Auftrag dann nicht bekommen, obwohl wir wirklich seriös kalkuliert haben, nach Grundlage des Tarifvertrags."

Prof. Stefan Sell, Hochschule Koblenz: "Natürlich sind Auftraggeber in der Pflicht, Preise zu zahlen, mit denen man überhaupt nach Mindestlohn Zimmer reinigen könnte. Und die ziehen sich da immer aus Affäre, in dem sie in Verträge schreiben, der Auftragnehmer hat sich ans Gesetz zu halten und geben faktisch Preise vor, mit denen man niemals legal putzen könnte."

Zumindest im ARD-Film hat der Chef ein Einsehen.

ARD-Spielfilm "BlitzBlank":„(Also) Ich werde ihnen von nun an 12 € Stundenlohn zahlen und keiner schiebt mehr Überstunden.“ - „Cool!“ Schmatz."

Sie wäre schon mit dem Mindestlohn von 9 € zufrieden gewesen. Auch sie hat stattdessen von ihrer Reinigungsfirma die Kündigung erhalten.

Linktipps zum Thema Niedriglohn

=> Sozialpolitik aktuell in Deutschland: Niedriglohn - Mindestlohn

=> ARD-Komödie Blitz Blank

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 23.01.2013. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendetermin
Mi, 23.01.13 | 22:15 Uhr