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Abgasskandal

Mehr deutsche Hersteller betroffen

PlayGrafik: Abgasskandal und Daimler
Abgasskandal – Mehr deutsche Hersteller betroffen | Video verfügbar bis 13.06.2019 | Bild: SWR

Eine Milliarde Euro hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig heute gegen VW verhängt, eine der höchsten Geldstrafen, die je in Deutschland gegen ein Unternehmen verhängt wurden. Ein neuer Paukenschlag im Abgas-Skandal und der dürfte auch den Daimler-Managern in Stuttgart in den Ohren klingen. Denn auch der schwäbische Autobauer soll manipuliert haben. Hunderttausende Diesel-Fahrzeuge mit dem Stern müssen zurückgerufen werden, wegen unzulässiger Abgas-Technik. So hat es am Montag Bundes-Verkehrsminister Andreas Scheuer angeordnet. Der Skandal nimmt einfach kein Ende und die Bundesregierung hat daran einen gehörigen Anteil.

Die Autofahrer haben inzwischen genug: "Sich so gegenüber den Kunden zu verhalten, das ist einfach eine Riesensauerei."

Seit drei Jahren Diesel-Skandal und kein Ende in Sicht

VW-Werk Wolfsburg
Zuerst betroffen: VW | Bild: SWR

Zuerst dunkle Wolken nur über VW. In Wolfsburg nimmt der Abgas-Skandal im September 2015 seinen Anfang. Nach Ermittlungen der amerikanischen Behörden gibt VW zu, bei Diesel-Fahrzeugen manipuliert zu haben. Rund 1,5 Millionen Autos mit dem VW-Logo muss das Unternehmen zurückrufen, allein in Deutschland. Der deutsche Verkehrsminister dagegen beschwichtigt, macht Absichtserklärungen.

"Wir sind dabei, mit unserem Kraftfahrtbundesamt sowohl die Modelle der Volkswagen AG als auch anderer Hersteller aus dem Ausland wie auch aus Deutschland zu prüfen", sagte Alexander Dobrindt, der ehemalige Bundesverkehrsminister (CSU) am 28.09.2015.

Dabei lagen dem Kraftfahrt-Bundesamt zu diesem Zeitpunkt schon länger Hinweise über Abgasmauschelein bei deutschen Herstellern vor. Die Politik habe geschlafen, findet Autoexperte Prof. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach. Und auch danach reagierte sie nur zögerlich: "Es ist jetzt 2,5, bald drei Jahre her nach Aufdeckung des Betrugs bei Volkswagen und die Dieselaffäre ist immer noch nicht aufgeklärt. Aus meiner Sicht hat das Verkehrsministerium zu langsam agiert um aufzuklären."

Immer mehr Hersteller im Abgas-Sog

Wenige Wochen nach VW räumt auch Audi ein, betrogen zu haben. Zunächst geht es nur um Autos in den USA. Erst mehr als ein Jahr später, im Frühjahr 2017, muss Audi in Deutschland Fahrzeuge zurückrufen. Auch gegenüber Porsche gibt es in den USA bereits frühzeitig Manipulationsvorwürfe. Doch in Deutschland dauert es noch eineinhalb Jahre, bis der Bundesverkehrsminister Konsequenzen zieht, erste Rückrufe anordnet. Er verließ sich zunächst lieber auf die Autofirmen.

So sagte der ehemalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt am 22. April 2016: "Alle betroffenen deutschen Hersteller mit Typzulassungen in Deutschland haben schriftlich erklärt, dass sie geeignete Optimierungen durchführen werden."

Dabei wäre für die Kontrolle das Kraftfahrtbundesamt zuständig, das dem Verkehrsminister unterstellt ist. Doch das war gar nicht in der Lage, gründlich zu kontrollieren.

Ein Fahrzeugmotor in der Produktion
Software steuert Motor und Abgasanlage | Bild: SWR

Prof. Stefan Bratzel meint dazu: "Es ist tatsächlich so, dass das Verkehrsministerium frühzeitiger Geld, auch personelle Ausstattung erhöhen hätte können beim Kraftfahrtbundesamt, wenn die Bedeutung der Kontrolle auch im Abgasbereich eine große Bedeutung gehabt hätte. Das hat es nicht gehabt. Entsprechend war das Kraftfahrtbundesamt auch nicht dazu ausgestattet, hier breit kontrollieren zu können oder zu dürfen."

Rechtsanwalt Ralph Sauer vertritt rund 35.000 betroffene Dieselfahrer. Inzwischen klagt er auch gegen die Bundesrepublik Deutschland: "Nach all dem, was wir wissen, hat die Bundesregierung schon seit vielen Jahren Kenntnis davon, dass die realen Abgaswerte dieser Fahrzeug weit entfernt sind von den theoretischen in den Papieren enthaltenen Abgaswerten, also gehen wir davon aus, dass auch die Bundesregierung viel früher hätte reagieren können und verhindern hätte können, dass solche Fahrzeuge verkauft werden."

Jochen R. ärgert sich darüber. Als der Skandal damals bei VW losging, hat er sich statt für einen VW extra für einen Mercedes entschieden: “Ich weiß noch gut, wo wir das Auto abgeholt haben, wie der Verkäufer noch gesagt hat, da haben sie ja die richtige Entscheidung getroffen. Ja beim Mercedes, bei uns wird es so etwas nicht geben.”

Sein Vito muss nun in die Werkstatt und Jochen R. will gegen Daimler klagen.

Auch Daimler im Visier

Daimler-Stern
Autos mit dem Stern sind nun auch betroffen | Bild: SWR

Spätestens seit Montag hat auch der schwäbische Konzern kräftige Kratzer im Lack. Konzern-Chef Zetsche wird öffentlich ins Ministerium einbestellt. Der neue Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) demonstriert scheinbar Härte und sagt am 11.6. 2018: "Der Bund wird für deutschlandweit 238.000 Daimler-Fahrzeuge wegen unzulässiger Abschalteinrichtungen unverzüglich einen amtlichen Rückruf anordnen."

Wieder Rückrufe. Immer mehr Autobesitzer sind betroffen. Warum jetzt diese vermeintliche Härte, nachdem Behörden und Politik jahrelang zugeschaut haben? Die Autos waren schließlich alle geprüft und zugelassen.

Prof. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach sagt dazu: "Ich denke, dass es eine Art Wegschauen des Verkehrsministeriums gab, weil man die Wichtigkeit und Bedeutung der Automobilindustrie sehr hoch einschätzte, was ja grundsätzlich richtig ist. Auf der anderen Seite hat man dadurch ein sehr willfähriges Ausnutzen der Grauzonen von Gesetzen eigentlich Vorschub geleistet."

Auch als der Dieselskandal bekannt wurde, gab es lange keine Sanktionen. Dadurch sind jetzt alle Verlierer: Die Politik, die Hersteller und vor allem die Autofahrer.

Stand: 14.06.2018 08:53 Uhr

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