SENDETERMIN Mi, 11.04.18 | 21:45 Uhr

Avocado-Wahnsinn

Die Schattenseiten des Hypes um die Superfrucht

PlayGrafik: Avocado
Avocado-Wahnsinn – Die Schattenseiten der Superfrucht | Video verfügbar bis 11.04.2019 | Bild: SWR

Es gibt sie in jedem Supermarkt und Discounter. Avocados sind der Trend im Obst- und Gemüseregal. Auch in den sozialen Netzwerken boomt die Frucht. Kaum ein Motiv wurde im vergangenen Jahr so oft fotografiert und verlinkt wie sie. Denn neben dem Geschmack überzeugt die Avocado mit Inhaltsstoffen wie Vitamin A und E, gesunden Fettsäuren, Folsäure und Kalium. 

Die Marketingstrategie

Aufgeschnittene Avocado
Avocados sollen viele gesunde Inhaltstoffe enthalten | Bild: SWR

Der Hype um die Avocado ist kein Zufall, erzählt uns der Marketingsoziologe Oliver Errichiello: "Das Entscheidende beim Erfolgszug der Avocado war mehr oder weniger eine sehr durchdachte Strategie, wo sich die Produzenten von Avocados zusammengetan haben, aus unterschiedlichen Ländern, mehr oder weniger klar gemacht haben, um welche Besonderheit es bei der Avocado geht, dass sie nämlich gesund ist, dass man damit nichts falsch machen kann und dass sie ein super trendiges, man könnte auch sagen sexy Produkt ist."

Seit 2008 hat sich der Konsum allein in Deutschland vervierfacht. Mittlerweile importieren wir rund 71.000 Tonnen.

Der Lobby-Verband "World Avocado Organization" steckt jährlich drei Millionen Euro in die Werbung der Superfrucht, allein in Europa. Auch wenn sie das eigentlich gar nicht nötig habe, wie der Vorsitzende des Verbandes, Xavier Equihua, meint: "Avocados verkaufen sich ganz von selbst: Weil sie gut für uns sind."

Deshalb sollen in den nächsten fünf Jahren 120 Prozent mehr Avocados auf deutschen Tellern landen. Das ist zumindest das Ziel der "World Avocado Organization

Anbau mit katastrophalen Folgen

Importiert werden die Früchte hauptsächlich aus Mittel- und Südamerika. In Ländern wie Mexiko und Chile sind die Temperaturen für die Bäume optimal. Die weltweit steigende Nachfrage sorgt dafür, dass mit der Avocado viel Geld verdient werden kann. Also werden immer mehr Plantagen angepflanzt. Mengen, die die Natur längst nicht mehr alleine versorgen kann: Es fehlt an Wasser!

Grafik: Wasserbedarf von Avocados
Der Wasserbedarf von Avocados ist enorm | Bild: SWR

Für die Produktion eines Kilogramms Avocados sind rund 1.000 Liter Wasser nötig, circa sieben Badewannen für drei Früchte. Zum Vergleich: Ein Kilo Tomaten braucht rund 200 Liter Wasser.

Für die Menschen in den Anbauländern werden die Avocados deshalb zunehmend zum Problem, erzählt uns die Sprecherin der chilenischen Umweltorganisation RAP-Chile, María Elena Rozas: "Den Gemeinden in der Nähe von Avocado-Plantagen, fehlt es nicht nur an der Oberfläche an Wasser, sondern auch an Grundwasser. Das Wasser ist lebensnotwendig für sie. In den vergangenen Jahren trockneten sehr viele Brunnen aus. Die Lage hat sich dramatisch verschlechtert."

Rund um die Plantagen herrscht Trockenheit, doch bei der "World Avocado Organization" wird das Problem offenbar als weniger gravierend beurteilt. Xavier Equihua, CEO der "World Avocado Organization", sagt dazu: "Lassen Sie uns nicht nur darüber sprechen. Sehr viel Wasser ist Regenwasser, also Wasser, das vom Himmel fällt."

Für den Verband ist die Avocado vor allem eins, ein Wirtschaftsfaktor. "Die gesamte Produktionskette profitiert. Eine Win-Win-Situation für alle," meint ihr Vorsitzender.

Ausgetrocknetes Land
Der Avocados-Anbau lässt die Umgebung vertrocknen | Bild: SWR

María Elena Rozas dagegen meint: Win-Win vor allem für die Plantagenbesitzer: "Das Avocado-Geschäft lohnt sich nur für wenige. Beim Anbau von Avocados werden nämlich zum Beispiel auch Pestizide verwendet, die sehr gefährlich sind. Die sind ein Risiko für die Gesundheit der Plantagen-Arbeiter. Viele der Pestizide, die auf den Feldern verwendet werden, sind wahrscheinlich krebserregend für den Menschen."

Sind unsere Avocados pestizidbelastet?

Pestizide können gravierende Auswirkungen haben. Doch kann das Gift auch auf unseren Tellern landen? Um das herauszufinden, bringen wir Früchte von Edeka, Rewe, Penny, Lidl, Aldi Nord und Aldi Süd zur Untersuchung ins Labor. 

Avocados im Labor
Im Labor können auf der Schale Pestizide nachgewiesen werden | Bild: SWR

Wir lassen vorschriftsmäßig die gesamten Früchte inklusive Schale und Kern auf Pestizide testen. Das Ergebnis: In vier Avocado-Proben können Pestizide nachgewiesen werden. Eine davon ist besonders auffällig, wie Lebensmittelexperte Jürgen Stellpflug erläutert: "Bei der Probe von Edeka fiel der Wert an Prochloraz auf, das ist ein Fungizid. Das wird aufgespritzt auf die Schale, damit die Avocados beim Transport nicht verschimmeln. Wenn man den Grenzwert betrachtet, ist das alles in Ordnung, wenn man aber die so genannte akute Referenzdosis betrachtet, das ist der Wert, der bei einmaliger Aufnahme schon schaden kann, dann ist diese akute Referenzdosis um über 160 Prozent überschritten."

Auf Nachfrage von "Plusminus" zu den hohen Prochloraz-Werten, teilt uns Edeka mit:

»Das Mittel ist in zahlreichen EU-Ländern zugelassen. […] Das Produkt ist absolut verkehrsfähig. Laut EU sind allein die gesetzlichen Rückstandshöchstgehalte entscheidend.«

Und die werden hier eingehalten.

In einer zweiten Untersuchung zeigt sich immerhin, dass die Pestizide nur auf der Schale sitzen. Das Fruchtfleisch ist in Ordnung, solange man das Pflanzenschutzmittel nicht beim Aufschneiden hineinbringt. Deshalb müssen konventionelle Avocados vor dem Verzehr unbedingt gut gewaschen und abgetrocknet werden.

Auch bei allen anderen von uns getesteten Produkten lagen die Ergebnisse unterhalb der EU-Grenzwerte. Trotzdem kann keine Entwarnung gegeben werden, meint der Lebensmittelexperte Jürgen Stellpflug. Die Grenzwerte seien viel zu hoch: "Durch diesen hohen Grenzwert kann die akute Referenzdosis, also die Menge, die schon bei einmaligem Kontakt Schaden hervorrufen kann, eben überschritten werden. Das Problem ist, dass dieses Prochloraz eine hohe akute Toxizität hat. Das heißt also, es ist spontan giftig."

Avocados sollten keine Massenware sein, auch wenn die Lobby es gerne hätte, denn sie sind längst nicht so super, wie viele ihrer Liebhaber glauben.

Tipps für den Avocadokauf

EU-Bio-Siegel
Das EU-Bio-Siegel - In Blattform mit 12 Sternen

Wer Avocados kaufen möchte, bei denen auf Pestizide und Wasserverbrauch geachtet wird und zudem die CO2-Bilanz etwas besser ist, sollte Früchte aus Israel oder Spanien mit dem EU-Bio-Siegel kaufen. Nur bei Avocados aus europäischen Ländern und Israel werden die Standards auch von der EU kontrolliert. Bei Früchten aus beispielsweise Südafrika oder Südamerika kann das Siegel ebenfalls auf Bio-Avocados auftauchen, die Standards sind dort jedoch trotzdem andere.

Stand: 12.04.2018 08:58 Uhr