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Bisphenol A

Warum die umstrittene Chemikalie nicht verboten wurde

PlayGrafik: Beschichtetet Konservendose
Bisphenol A weiter im Einsatz | Video verfügbar bis 21.02.2019 | Bild[1]: SWR

  • Bisphenol A steckt in Plastik und in Konservendosen.
  • Studien haben nun gezeigt: Die Chemikalie gelangt aus den Konservendosen auch in unsere Lebensmittel.
  • Bisphenol A ist gesundheitsschädlich und steht im Verdacht, Krebs zu erregen.
  • Experten fordern schon lange, die Chemikalie in Lebensmittelverpackungen zu verbieten.
  • Statt Bisphenol A in Lebensmittelverpackungen zu verbieten, hat die EU nun lediglich den Grenzwert herabgesetzt, wie es die Industrielobby gefordert hat.

Bisphenol A steckt in Trinkflaschen, Frischhalteboxen und Dosen mit Fertiggerichten. Es wird eingesetzt, um Konservendosen zu beschichten und Plastik zu härten. Jeden Tag kommen wir damit in Kontakt, wenn wir solche Produkte nutzen. Dabei geht Bisphenol A in Lebensmittel über und gelangt so auch in unseren Körper. Das ist gefährlich, denn die Chemikalie wirkt wie ein Hormon, schränkt die Fruchtbarkeit ein und steht im Verdacht, Krebs zu erregen.

Mehr als die Hälfte der Lebensmittel aus Dosen belastet

Verschiedene Lebvensmittelkonserven
Lebensmittel in Konservendosen können Bisphenol aus der Kunststoffbeschichtung aufnehmen | Bild: SWR

Wie viel Bisphenol A tatsächlich in Lebensmitteln aus Dosen steckt, wollte der BUND in Berlin herausfinden. Die Umweltorganisation hat 26 Produkte aus dem Supermarkt untersuchen lassen. Mehr als die Hälfte war mit der gefährlichen Chemikalie belastet, wie Manuel Fernandez vom BUND erläutert: "Überrascht waren wir über den Umfang der Belastung. Wir wissen seit Jahren, dass Konserven innen beschichtet werden mit einem speziellen Kunststoff, mit Epoxidharz. Und Bisphenol A ist eine Chemikalie, die Bestandteil bei der Herstellung dieser Kunststoffe ist."

Wer solche Lebensmittel konsumiert, isst also definitiv auch Bisphenol A.

Gesundheitsgefahren bereits seit langem bekannt

Wie groß die Gefahr für die Gesundheit ist, erforscht Prof. Karin Michels schon seit Jahren, erst an der Elite-Uni Harvard, jetzt an der Uni Freiburg. Unzählige Urinproben hat sie mittlerweile auf Bisphenol A untersucht. Als erste Wissenschaftlerin wies sie so nach, dass sich die Konzentration der Chemikalie durch Nahrung aus Konserven enorm erhöht. Sie erläutert außerdem: "Eigentlich sollte natürlich so ein Stoff nicht in Lebensmittelverpackungen sein. Bisphenol A gehört zur Gruppe der endokrin oder hormonell wirksamen Substanzen und bringt damit unseren Hormonhaushalt durcheinander. Das hat möglicherweise Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit, die ja hormonell bedingt ist, und auch andere hormonell bedingte Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes, Übergewicht, auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden Erhöhungen festgestellt und möglicherweise auch Entwicklung und Pubertätsbeginn bei Kindern."

Niedrigere Grenzwerte statt Verbot

Seit Anfang 2017 befindet sich Bisphenol A deshalb auf der EU-Liste der gefährlichsten Chemikalien.

Bisphenol A sei ein "hormonell wirksamer Stoff" mit "möglicherweise gravierende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit". Er soll die "Fortpflanzung schädlich beeinflussen". Die gesundheitlichen Folgen seien "dauerhaft und unumkehrbar".

Plastik mit Bisphenol
Bisphenol A ist oft in Plastik enthalten | Bild: SWR

Wegen dieser Gefahren forderte das EU-Parlament schon 2016 die Chemikalie in Lebensmittelverpackungen vollständig zu verbieten. Doch statt einem Verbot sollen jetzt lediglich die Grenzwerte abgesenkt werden. Damit darf weniger Bisphenol A ins Lebensmittel übergehen. Eine Entscheidung, die die Gefahr nicht bannt. Die Grenzwerte seien Augenwischerei, sagen Wissenschaftler wie Prof. Karin Michels, Uniklinik Freiburg: "Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Grenzwerte von Bisphenol A, die sicher sind. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass gerade niedrige Dosen von Bisphenol A gesundheitsschädlich sind, insbesondere bei Kindern und Neugeborenen. Von daher ist für mich ein Grenzwert, der von der EU oder anderweitig ermittelt wurde, eigentlich aus der Luft gegriffen."

Sogar die Europäischen Chemikalienagentur ECHA sieht Grenzwerte bei Bisphenol A kritisch:

»Die Datengrundlage zeigt, dass deutliche Unsicherheiten bestehen, […] sichere Grenzwerte einzuführen.«

Gezielte Einflussnahme auf Parlamentarier

Wieso also wurden nur die Grenzwerte abgesenkt und die Chemikalie nicht komplett verboten, so wie es das Parlament schon 2016 gefordert hatte? Wir treffen den Grünen-Abgeordneten im Europäischen Parlament Martin Häusling. Auch er ist schockiert über diese Entscheidung und meint: "Eigentlich haben wir ja in Europa, und da halten wir auch große Stücke drauf, das Vorsorgeprinzip. Das heißt, wenn ein Stoff im Verdacht steht, gefährlich zu sein, Schäden auszulösen, dann müsste er eigentlich selbstverständlich vom Markt genommen werden. Deshalb haben wir gesagt, nur konsequent kann man sein, in diesem Punkt. Und die Konsequenz ist halt: Das Zeug muss aus dem Verkehr gezogen werden, nur dann haben wir einen wirklich klaren Gesundheitsschutz."

Über das Verbot von Bisphenol A durfte das Parlament aber gar nicht entscheiden. Ihm wurde von der Kommission nur eine Absenkung der Grenzwerte zur Abstimmung vorgelegt. Deswegen legt Häusling Veto gegen den Kommissionsvorschlag ein, zunächst unterstützt von anderen Parteien. "Das Ziel dieses Vetos war, dass wir den Kommissionsvorschlag, der sich statt für ein Verbot für einen Grenzwert ausgesprochen hat, zu Fall zu bringen", so der Grünen-Abgeordnete.

Doch die anderen Parteien, die anfangs auch für ein Veto gewesen waren, seien umgefallen. Deshalb kommt der Vorschlag durch.

Plusminus-Recherchen zeigen, was dahintersteckt: Mitglieder der EU-Kommission für Gesundheit nahmen vor der Abstimmung gezielt Einfluss auf Parlamentarier. Mehrere Insider berichten uns von Gesprächen hinter verschlossenen Türen. Dabei hätten die Kommissionsmitglieder klargemacht: Sollten die neuen Grenzwerte abgelehnt werden, werde sich bis 2021 gar nichts ändern. Entweder das Parlament stimme zu oder es müsse weiter mit den hohen Grenzwerten leben. Das Prinzip: Friss oder stirb!

Martin Häusling meint dazu: "Natürlich versucht die Kommission ihre Sachen auch durchzusetzen, aber so ein intensives Lobbying von Seiten der Kommission, dass sie ihren Entwurf durchbekommt, das war schon extrem ungewöhnlich. Das habe ich so vorher nicht erlebt und andere Kollegen mit Sicherheit auch nicht."

Industrielobby unterstützt den Vorschlag der EU-Kommission?

Plusminus liegt ein gemeinsames Papier der Verpackungs- und Chemieindustrie vor. Darin fordern sie die Abgeordneten auf, für die geringeren Grenzwerte zu stimmen und argumentieren ähnlich wie die Kommission:

"Die Ablehnung des Kommissionsvorschlags würde zu einem geringeren Schutzniveau für die menschliche Gesundheit und für Kleinkinder führen."

Das Industrie-Interesse klar: Besser Grenzwerte, als auf den Stoff ganz verzichten zu müssen und für viel Geld Produktionsprozesse umzustellen.

Andere Länder verzichten bereits auf die Substanz

Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick ins Ausland. In Japan werden in Konservendosen statt Bisphenol A bereits seit 20 Jahren unbedenkliche Ersatzstoffe verwendet. 

In Frankreich ist der Stoff in allen Lebensmittelverpackungen seit 2015 verboten.

Verpackung mit Symbol BPA frei
Kunststoffe müssen kein Bisphenol A enthalten | Bild: SWR

In Deutschland dagegen müssen nur Babyflaschen und nach der neuen Richtlinie auch Schnabeltassen für Kleinkinder ohne Bisphenol A produziert werden. Aber selbst das bringt keine absolute Sicherheit wie Prof. Karin Michels von der Uni Freiburg erklärt: "Bisphenol A-frei heißt ja nicht Bisphenol-frei es kann also durchaus, insbesondere bei Plastikflaschen, sehr häufig noch Bisphenol A durch Bisphenol S oder andere Bisphenole ersetzt sein. Leider hat sich gezeigt, dass auch diese anderen Bisphenole ähnliche Gesundheitsprobleme machen und damit haben wir eigentlich sehr wenig gewonnen. Eigentlich müsste man Bisphenol generell aus dem Verkehr ziehen."

Symbole auf Plastik, Dreiecke mit 2, 4 und 5, ohne Bisphenol
Dreieckige Symbole auf Plastik, die bisphenolfreie Produkte anzeigen | Bild: SWR

Wer den gefährlichen Stoff vermeiden möchte, sollte beim Kauf das Dreiecksymbol mit einer 7 meiden und eher zu Kunststoffen mit dem Dreieckssymbol und einer 2, 4 oder 5 greifen, denn sie wurden definitiv ohne gesundheitsgefährdende Stoffe hergestellt.

Bei Konserven dagegen gibt es gar keine Sicherheit. Die Politik lässt die Verbraucher alleine. Schützen kann man sich derzeit nur selbst. 

Stand: 21.02.2018 23:32 Uhr

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