SENDETERMIN Mi, 11.04.18 | 21:45 Uhr

Falsche Obdachlosenzeitungen

Kasse machen mit dem Mitleid

PlayMiese Geschäfte mit angeblichen Obdachlosenzeitungen
Falsche Obdachlosenzeitungen | Video verfügbar bis 11.04.2019 | Bild: SWR

Vor einem Supermarkt in Darmstadt beobachten wir einen Mann. Er verkauft neben der seriösen Darmstädter Obdachlosenzeitung "Straßengazette" auch an ein anderes Magazin: "Streetworker". Das Blatt, "von Obdachlosen für Jedermann", erweckt den Eindruck, wirklich Bedürftige zu unterstützen. Der Verkäufer erzählt uns, er würde rund 90 Cent pro verkauftem Exemplar bekommen.

Verlag im Imbiss?

Doch wer steckt hinter diesem Obdachlosenmagazin? Wir fahren zu der im Impressum angegebenen Adresse in Darmstadt. Dort finden wir allerdings nur eine Dönerbude. Der Verkäufer bestätigt tatsächlich, der Herausgeber der Zeitung zu sein. Über Verkauf oder Umsatzzahlen seines Zeitungsgeschäfts möchte er jedoch nichts verraten. Er betont stattdessen, dass seine Verkäufer sogar Verhaltensregeln unterzeichnen müssten und dass alles ganz seriös sei.

Nach unseren Recherchen vertreibt er aus seiner Dönerbude den "Streetworker" und das bundesweit.

Rheinland-Pfalz hat ihm schon 2014 den Verkauf verboten. Trotzdem tauchen auch dort immer noch Verkäufer mit dem Blättchen auf. Die zuständige Aufsichtsdirektion hat den Herausgeber seit Jahren im Visier, wie Sven Brauers von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz erklärt: "Der Streetworker ist keine klassische Obdachlosenzeitung, weil kommerzielle Zwecke verfolgt werden. Die Gestaltung der Zeitung jedoch vermittelt den Eindruck, dass auch soziale Projekte in der Obdachlosenhilfe unterstützt werden, aber tatsächlich geht es um kommerzielle Absichten."

Wirkungslose Maßnahmen

Immer wieder verhängt die Aufsichtsbehörde Zwangsgelder gegen Herrn A. und Bußgelder gegen seine Verkäufer. Sven Brauers erläutert weiter: "Wir stufen den Verkauf der Zeitung als Sammlung im Sinne des Sammlungsgesetzes ein und deswegen haben wir hier auch sammlungsrechtliche Maßnahmen eingeleitet, das heißt, ein Sammlungsverbot für Rheinland-Pfalz ausgesprochen."

Das Problem: Ein solches "Sammlungsverbot", mit dem unrechtmäßige Spendensammlungen verhindert werden, gibt es als landesweite Regelung nur noch in Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Thüringen.

Obdachlosenzeitung Trott-war
Obdachlosenzeitung Trott-war | Bild: SWR

Überall anders muss jede einzelne Gemeinde separat entscheiden, ob sie einen Verkauf duldet, so wie in Stuttgart. Auch dort taucht immer wieder der "Streetworker" des Dönerverkäufers auf. Die dort etablierte seriöse Obdachlosenzeitung "trott-war" bekommt das sofort zu spüren. Die Verkaufszahlen gehen zurück, eine ernstzunehmende Konkurrenz für den sozialen Verein, der "Trott-war" herausgibt. Dessen Geschäftsführer Helmut H. Schmidt berichtet: "Sie kopieren dann eben auch 'Trott-war‘, die haben sich dann auch rote Überwürfe gemacht und einen ähnlichen Verkaufsausweis."

Wie viel bei der Zeitung "Streetworker" dagegen bei Bedürftigen ankommt, konnte die Behörde nicht feststellen. Der "Trott-war"-Geschäftsführer befürchtet: "…, dass es sehr eigennützig betrieben ist, mit dem Unterschied zu so etwas wie 'Trott-war'. Wir reinvestieren direkt in sozial benachteiligte Menschen, mindestens ein Drittel und der Rest letztendlich auch indirekt unsere Leute."

Straßenmagazine als gutes Geschäft

Das gute Geschäft mit den Straßenzeitungen entdecken immer mehr und nutzen das soziale Gewissen der Käufer aus. Auch das Hochglanz-Straßenmagazin "Charity München" zielt darauf ab. Es wirbt sogar mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Christian Ude und alles klingt "richtig sozial". In einem Werbevideo auf der Internetseite von "Charity München" mit Christian Ude heißt es: "Vom Kaufpreis bleibt nämlich die Hälfte beim Verkäufer oder der Verkäuferin. Personen, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken".

"Charity München" wirbt auch mit einer bedürftig aussehenden Rentnerin, der man gerne helfen möchte. Pikant: Bei der Konkurrenz, dem offiziellen Münchner Obdachlosenmagazin "BISS" darf sie nicht mehr verkaufen, denn dort hat man festgestellt, sie sei zu reich. Wir entdecken die Rentnerin auf der Münchner Leopoldstraße. Die Menschen kaufen ihr gerne das Magazin ab. Das Kalkül scheint aufzugehen.

Sie berichtet, vor zwei Jahren mit dem Verkauf angefangen und seither rund 5.000 Exemplare verkauft zu haben.

Ungewöhnliche Strukturen

Obdachlosenzeitungen
Obdachlosenzeitungen locken Geschäftemacher | Bild: SWR

Hinter dem Projekt "Charity München" steckt ein Verein, Biloxi e.V. Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Vereinssatzung und Sitzungsprotokoll sind zwar rechtens, aber für einen angeblich sozial tätigen Verein ungewöhnlich, meinen Spendenexperten wie Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI). Er erläutert: "Der Vorstand besteht aus nur einer Person. In der Regel sind es eigentlich mehrere Personen, um auch eine Vielfalt und eine Diversität herbei zu führen. Der Mitgliedsbeitrag pro Jahr beträgt 10.000 Euro. Auch die Amtsdauer des Vorstandes, auf zehn Jahre wird er gewählt, ist unüblich hoch und insofern macht die Satzung dieses Vereins eher den Eindruck eines kleinen Unternehmens, als einer auf breite Vernetzung zielende, zivilgesellschaftliche Organisation."

Doch das ist nicht die einzige Ungereimtheit bei "Charity München". Wofür die Spendengelder genau verwendet werden, wollen sie uns nicht verraten.

Wir fahren zur angegebenen Vereinsadresse von Biloxi e.V., doch niemand öffnet. Schriftlich teilt man uns erst nach der dritten Anfrage mit:

»Bei "Charity München" handelt es sich nicht um eine Obdachlosenzeitung. Insofern danken wir vielmals für die Anfrage, halten unser Zeitungsprojekt jedoch als nicht für Ihren Bericht geeignet.«

Doch die Vertriebswege der "Charity München" erwecken sehr wohl den Anschein einer Obdachlosenzeitung. Sind deswegen viele Prominente bereit, für das Magazin ihr Gesicht herzugeben? Wissen sie, worauf sie sich einlassen? Wir haken bei den Promis nach und Christian Ude antwortet uns: "Einen Herrn K., einen Verein Biloxi, dessen Vorstand und Mitarbeiter und Mitglieder und Hilfsprojekte kenne ich nicht..."

Wer sicher gehen will, dass er wirklich eine seriöse Obdachlosenzeitung kauft, sollte skeptisch sein, wenn plötzlich ein neues Blatt auftaucht. Seriöse Obdachlosenzeitungen machen sich gegenseitig keine Konkurrenz.

Stand: 12.04.2018 09:16 Uhr