SENDETERMIN Mi, 15.11.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Gefährliche Klinikkeime

Wenn mangelnde Hygiene krank macht

Gefährliche Klinikkeime – Mangelnde Hygiene macht krank | Video verfügbar bis 15.11.2018

Im ARD-Film "Götter in Weiß" kämpft die kleine Lea um ihr Leben – krank durch multiresistente Krankenhauskeime, in Deutschland tausendfache Realität. Im Film ist die Klimaanlage im OP der Krankheitsverursacher. Doch der größte Keimverbreiter im Krankenhaus ist der Mensch.

Prof. Klaus-Dieter Zastrow, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene
Prof. Klaus-Dieter Zastrow

Prof. Klaus-Dieter Zastrow, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene erläutert: "Das Hygienebewusstsein fehlt, die Leute merken nicht, dass sie Fehler machen und was daraus geschieht. Und das zweite ist, dass wir auf Intensivstationen, da wo wir die schwerwiegendsten Infektionen haben, auch mit tödlichem Ausgang, dass wir dort noch zu wenig Personal haben."

Infektion während Hüft-OP

Hygieneprobleme, weil es an Personal mangelt und das Bewusstsein fehlt, für die Patienten eine Gefahr: Das musste auch Walter W. erleben. Er war sportlich, spielte Fußball. Heute ist schon ein Spaziergang eine große Belastung für ihn. Auslöser war eine lebensgefährliche Infektion in seiner Hüfte, mit Krankenhauskeimen. Er berichtet: "Ich habe dann sehr starke Arzneimittel bekommen, hatte natürlich dadurch eine Deformation vom ganzen Körper gekriegt, vom Aufbau, von der Figur, viel Schmerzen, viel Schmerzmittel nehmen müssen." Seine Ehefrau ergänzt: "Das war also eine schreckliche Zeit, das kann man auch nicht nacherzählen, das muss man tatsächlich erleben, es war furchtbar!"

Eigentlich sollte es nur ein Routineeingriff sein. Walter W. soll eine Hüftprothese eingesetzt bekommen. Doch bei dieser OP setzen sich vermutlich Keime fest. Einige Zeit später entzündet sich das Hüftgelenk, insgesamt drei Mal muss die Hüfte aus- und wieder eingebaut werden, stapelweise Arztberichte, über vier Jahre Leidenszeit. Gegen die aggressiven Keime muss Walter W. ständig verschiedene Antibiotika schlucken.

"Es war so ein Gefühl, dass du ohnmächtig bist, weil du wirst befallen, dein Körper ist befallen von Keimen, wo man schon viel drüber gehört hat und dass du jetzt der Betroffene bist in dem Falle, das war im ersten Moment schon ein Thema, wo du dann erstmal nachdenken musst", berichtet er von seiner Leidenszeit.

Dazu kommen noch Existenzängste. Das Ehepaar ist selbstständig, hat eine Maschinenbaufirma. Als Walter W. wegen seiner Krankheit ausfällt, wird es schwierig. Ehefrau Ursula W. berichtet: "Das hat für mich bedeutet, dass ich manchmal Tag und Nacht gearbeitet habe, am Tag im Krankenhaus und nachts dann hier."

Immer wieder gravierende Hygienemängel

Nun klagen sie gegen das Krankenhaus. Entschieden ist das Verfahren noch nicht. Für ihren Rechtsanwalt sind solche Fälle leider Alltag: Seit 20 Jahren ist Burkhardt Kirchhoff auf Krankenhausinfektionen spezialisiert. Er erklärt: "Jede Klinik behauptet von sich, alle Hygienegesetze zu respektieren. Wenn aber dann mal genau nachgeschaut wird vor Ort, dann bekommen wir immer wieder Gutachten auf den Tisch, die teilweise wirklich gravierende Hygienemängel offenbaren."

Schwester sortiert OP-Besteck
Das OP-Besteck muss gründlich sterilisiert sein

Zum Beispiel bei der Sterilisation von OP-Besteck, solche Fälle gibt es immer wieder: Etwa 2011 in Fulda und nahe Pforzheim, 2012 in Stuttgart, 2015 in Mannheim. Und manche Fälle werden nicht einmal öffentlich bekannt.

Laut einem Gutachten, zu dem "Plusminus" exklusiv Informationen vorliegen, soll es auch in einem Krankenhaus in Limburgbis mindestens 2015 Probleme bei der Sterilisation gegeben haben. OP-Bestecke seien verschmutzt gewesen, die Reinigungsmaschinen falsch eingeräumt, die Lüftungsgitter im Sterilisationsraum verdreckt, für die Patienten ein enormes Risiko.

Mit diesen konkreten Vorwürfen konfrontieren wir das Krankenhaus. Doch hier behauptet man, das Gutachten nicht zu kennen: "Basis unseres gesamten Hygienemanagements sind die gesetzlichen Vorgaben [...]. Diese Vorgaben werden umgesetzt und von der Führung bis zu den Mitarbeitern gelebt."

Nach unseren Informationen wurde die Sterilisation der Klinik vom Gesundheitsamt zumindest 2011 kontrolliert, doch keiner der beschriebenen Mängel wurde damals aufgedeckt.

Das ist für Hygieneexperten wie Prof. Klaus-Dieter Zastrow nicht verwunderlich, denn die Hygienekontrollen durch die Gesundheitsämter seien unzureichend: "Uns fehlen die Kontrolleure vor Ort. Das heißt, die Forderung an die Politik lautet: Bessere personelle Ausstattung der Gesundheitsämter! Und wir brauchen natürlich auch noch jedenfalls in Sachen Hygiene besser ausgebildete Leute im Gesundheitsamt."

"Plusminus" fragt beim Bundesgesundheitsministerium nach. Hier schiebt man den schwarzen Peter weiter: Zwar sehe man ebenfalls die Notwendigkeit für besser ausgebildetes Personal, doch zuständig seien die Länder.

Schlamperei und Zeitdruck

Schlampereien auf dem Rücken von Patienten würden häufig nicht aufgedeckt, kritisieren Experten. Ärgerlich, denn eigentlich seien die Hygienegesetze sehr gut, meint auch Prof. Klaus-Dieter Zastrow, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene: "Dennoch ist es so, dass das Personal nicht alle Regeln kennt, das heißt, die Verbreitung der Hygiene im Krankenhaus hängt oft noch. Es kann auch vorkommen, dass zum Beispiel mal in einem Krankenhaus Desinfektionsmittelspender überall auf dem Flur angebracht worden sind, aber nicht ein einziger Spender war im Badezimmer, dann braucht man sich natürlich über ganze Ausbruchsituationen nicht zu wundern."

Händedesinfektion
Vor jedem Patientenkontakt sollten die Hände desinfiziert werden

Vor jedem Patientenkontakt sollten die Hände desinfiziert werden. Es dauert 30 Sekunden, bis alle Keime abgetötet sind. Doch viele Pfleger kritisieren: Dafür bleibe gar keine Zeit.

Ursache ist die Vielzahl an Patienten, die jeder Pfleger versorgen muss. Die liegt in Deutschland im Durchschnitt bei über zehn Personen, im internationalen Vergleich sind das enorm viele. Was bedeutet das für die Hygiene?

Wir treffen einen Pfleger. Aus Angst um seinen Arbeitsplatz möchte er nicht erkannt werden. Seit Jahren arbeitet er auf der Intensivstation einer Uniklinik: "Es gibt Tage, da erstickt man fast in Arbeit, weil es viel zu viele Patienten sind. Da muss man Abstriche machen, und das leider sehr häufig bei der Hygiene. Zum Beispiel Verbandswechsel: Die muss man eigentlich regelmäßig frisch machen, sonst sammeln sich da Keime an, aber dafür ist keine Zeit. Dadurch werden Patienten manchmal höchst gefährdet."

Grafik: Überlastete Pfleger
Pfleger müssen sich im Vergleich um zu viele Patienten kümmern

Wie kann das sein? Am Rande der weltgrößten Medizinmesse Medica fragen wir bei Georg Baum, Geschäftsführer der deutschen Krankenhausgesellschaft, nach: "Es ist nicht die Regel, sondern das sind Extremsituationen, Ausnahmesituationen, die auf Grund eben von Engpässen im Personal, da werden mal drei Pfleger über Nacht krank und sonstiges, aber es ist nicht der Regelfall."

Doch von Ausnahmen könne gerade auf Intensivstationen keine Rede sein, widersprechen Pfleger und Experten. Patienten seien gefährdet.

Walter W. hat bis heute große Probleme mit seiner Hüfte. Die Folgen der Infektion mit Krankenhauskeimen werden ihn sein Leben lang einschränken.

Stand: 17.11.2017 08:33 Uhr