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Mikroplastik

Die gefährlichen Folgen der unsichtbaren Kunststoffe

Mikroplastik – Gefährliche Folgen unsichtbarer Kunststoffe | Video verfügbar bis 15.11.2018

Feinstrumpfhosen, Augenpflege und Sonnenschutzspray haben etwas gemeinsam, den Kunststoff Nylon. In Bauschaum, Handreiniger und Wimperntusche steckt Polyurethan, ebenfalls ein Kunststoff. Und in Cremes kann Silikon enthalten sein.

Mikroplastik in allen Lebensbereichen vorhanden

Mikroplastik
Mikroplastikteilchen sind kleiner als 5 mm

Mikroplastik bezeichnet Plastikteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind. Die winzigen Partikel werden industriell hergestellt und kommen häufig in Kosmetik vor. Und zwar nicht nur in fester, sondern auch in flüssiger Form. Schon lange stehen sie in der Kritik. Prof. Gesine Witt, Expertin für Umweltchemie und Ökotoxikologin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg, erläutert: "Wenn Mikroplastik einmal in die Gewässer gelangt, zum Beispiel über die Kläranlagen, sammelt es dann im Wasser schwimmend, die Schadstoffe an und die können bis zum 100.000-fachen in der Mikroplastik im Vergleich zum Wasser angereichert sein und wenn die Muscheln das aufnehmen und wir die Muscheln essen, landet das wieder in unserem Magen."

Freiwillige Selbstverpflichtung mit beschränkter Wirkung

Auch das Bundesumweltministerium sah sich zum Handeln gezwungen und vereinbarte 2015 mit der Kosmetikindustrie den Ausstieg aus der Mikroplastik, allerdings freiwillig und nur für sogenannte "rinse-off"-Produkte, das heißt abwaschbare Kosmetik.

Inzwischen ist festes Mikroplastik zwar aus den meisten Zahnpasten und vielen Gesichtspeelings verschwunden. Doch beispielsweise in Cremes oder Haarspray darf es immer noch drin sein. Und die anderen Produkte sind deshalb noch lange nicht plastikfrei.

Die Meeresbiologin Sandra Schöttner von Greenpeace erläutert: "Das Hauptproblem ist, dass die Kosmetikindustrie sich am Begriff Mikroplastik orientiert und diesen Begriff nur auf feste Mikrokunststoffe bezieht, all die flüssigen, gel- und wachsartigen Mikrokunststoffe fallen nicht darunter."

Inhaltsangaben In Körperpflegeprodukt
Acrylat Crosspolymer und Polyquaternium in Kosmetik

So werde beispielsweise im Peeling das Polyethylen zwar nach und nach durch natürliche und umweltverträglichere Alternativen ersetzt. Es würden jedoch noch immer Acrylat Crosspolymer, Polyquaternium und viele andere Mikrokunststoffe gefunden, die in solchen Produkten nichts zu suchen hätten, so die Expertin.

Ob Produkte von Unilever, Beiersdorf, Henkel, L’Oreal, Procter & Gamble: Trotz der Selbstverpflichtung verzichtet keiner der Branchenriesen wirklich auf die Stoffe. Rund 250 verschiedene Kunststoffe kommen nach wie vor zum Einsatz.

Nimmt die Industrie ihre Selbstverpflichtung nicht ernst? Wir haken nach beim Industrieverband für Körperpflege und Waschmittel e.V. (IKW). Dort hält man die flüssigen Kunststoffe für unproblematisch:

"Gelöste Polymere sind von festen Kunststoffen zu unterscheiden ... Anders als feste Kunststoffpartikel tragen sie nicht zu einer Verschmutzung der Meere bei."

Außerdem würden keine wissenschaftlichen Studien vorliegen, dass die eingesetzten Stoffe das Ökosystem schädigen.

Feste und flüssige Gifte

Dabei warnen sogar die Chemikalienhersteller auf den Produktblättern mancher, auch flüssiger, Stoffe vor der Giftigkeit für Wasserorganismen.

Aus Kosmetik gefilterte Mikroplastik-Partikel
Mikroplastik-Partikel aus Kosmetik gefiltert

Dass flüssige Kunststoffe ebenfalls gefährliche Folgen für die Natur haben, davon ist Umweltchemikerin Prof. Gesine Witt überzeugt: "Flüssiger Kunststoff ist ja den Fetten sehr ähnlich, was bedeutet, dass er sich nicht einfach in Wasser löst. Man kann sich das wie bei der Milch vorstellen, dass ist ja auch eine Fett-Wasser Emulsion und niemand würde behaupten, dass sich dieses Fett in Wasser auflöst. Und deshalb ist es Haarspalterei hier zwischen flüssigem Kunststoff und partikulärem zu unterscheiden, die sind beide ähnlich gefährlich."

Warum greift dann der Gesetzgeber nicht durch und verbietet sowohl die festen als auch die flüssigen Kunststoffe? Anscheinend weiß man hier nicht mal so genau, was alles in die Kosmetik gemischt wird.

Stephan Gabriel Haufe, Pressesprecher des Bundesministeriums für Umwelt, erklärt gegenüber "Plusminus": "Bei flüssigen Kunststoffen reden wir über eine große Menge an chemischen Substanzen, wir reden über eine große Menge an Chemikalien, ich kann Ihnen heute keine Aussage machen, welche Chemikalien wirklich alle in den Kosmetika eingesetzt werden und welche Eigenschaften diese Chemikalien alle im Detail haben."

In einem Brief an den Verband der Kosmetikindustrie, der "Plusminus" vorliegt, lobt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks vielmehr die beeindruckenden Erfolge bei der Reduzierung der festen Kunststoffpartikeln.

Den Schulterschluss zwischen Bundesregierung und Industrie sieht Jurist Prof. Martin Heger von der Humboldt-Universität Berlin kritisch: "Im Moment scheint es zwischen der Regierung und den Unternehmen einen Deal zu geben, dass man Plastikpartikel weiterhin verwendet, die Anzahl aber langsam absenkt. Aus der Sicht des Umweltstrafrechtes ist das aber sehr problematisch, denn es handelt sich eben nicht um eine Genehmigung der Verwendung solcher Partikel, sondern um eine bloße Duldung. Diese ändert aber nichts daran, dass die Gewässerverunreinigung unbefugt und damit strafbar bleibt.“

"Plusminus"-Tipps

Solange der Gesetzgeber nicht durchgreift, haben Verbraucher nur eine Wahl: Sie müssen kritisch darauf achten, welche Produkte sie kaufen.

Bei Naturkosmetik beispielsweise kann man sicher sein, dass sie kein Mikroplastik enthält, weder fest noch flüssig.

Besitzer von Smartphones können inzwischen verschiedene Apps nutzen, um auch Kosmetikprodukte auf ihre Inhaltsstoffe zu überprüfen: Einfach Barcode scannen und sehen, was drin ist. Diese Apps, wie beispielsweise Codecheck und die ToxFox-App vom BUND, sind für die üblichen Plattformen verfügbar.

Stand: 16.11.2017 08:57 Uhr