SENDETERMIN Mi, 15.11.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Lahme Leitung

Langsamer Netzausbau gefährdet Standort Deutschland

Langsamer Netzausbau gefährdet Standort Deutschland | Video verfügbar bis 15.11.2018

Das schnellste Netz der Welt – das hatte die Bundesregierung vor vier Jahren schon einmal versprochen, doch getan hat sich wenig. Das deutsche Netz gehört zu den langsamsten weltweit. "Plusminus" hat sich auf eine Reise quer durch Deutschland gemacht und zahlreiche frustrierte Verbraucher und Unternehmer getroffen, die das langsame Internet sogar zum Umzug zwingt. Inzwischen schlägt auch die Wirtschaft Alarm, denn der schleppende Netzausbau gefährdet den Standort Deutschland. Das digitale Netz hinkt der digitalen Industrie längst hinterher, auch weil die Politik notwendige Maßnahmen versäumt hat.

Eine Straße, unterschiedliche Leistung

Die "Plusminus"-Reise durch das digitale Deutschland startet in Nordrhein-Westfalen. Dort sei das Internet am besten ausgebaut, sagt die Statistik.

Grafik: Internet im Schneckentempo
Internet im Schneckentempo

Alfred B. lebt gerne in Grefrath, doch vom schnellen Internet spürt er wenig. So wartet er beim erstellen eines Fotobuchs mit 150 Bildern sechs Stunden am Rechner. Wenn gar nichts mehr geht, muss er zu seinem Schwager. Der wohnt direkt gegenüber und hier funktioniert alles einwandfrei: Fotos verschicken, Videos laden, alles kein Problem. Für Alfred B. ist es nervig, bei größeren Dateien immer rüber zu laufen. Dabei zahlt er das gleiche, bei deutlich weniger Leistung.

Der Technologie-Experte Bernd Beckert vom Fraunhofer Institut für Innovationsforschung hat eine Studie zum Netzausbau gemacht und festgestellt: Deutschland hat beim Breitband enormen Nachholbedarf, aus mehreren Gründen: In den erfolgreichen Ländern habe die Politik den Breitbandausbau mit Nachdruck begleitet. In Deutschland sei das bisher noch nicht passiert. Das Thema hat keine strategische Priorität und heute sehe man die Ergebnisse, so der Experte.

Bei der Netzgeschwindigkeit ist die Industrienation Deutschland gerade mal Mittelmaß in Europa, sogar hinter Ländern wie Rumänien, Tschechien oder Bulgarien.

Stau auf der Datenautobahn

Das langsame Internet hierzulande ist für Privatleute ärgerlich, für Unternehmen jedoch existenzbedrohend.

Unsere nächste Station ist Lichtenfels in Nordhessen, mitten in Deutschland. Hier sitzt die Firma von Lars Dörrbecker. Er vermietet LKW mit Spezialaufbauten an Firmen im In- und Ausland. Doch auf der Datenautobahn steht er meist im Stau, etwa, wenn einer seiner rund 200 LKW gewartet werden muss. Dafür muss er für jedes Modell das aktuellste Diagnoseprogramm des Herstellers herunterladen. Bei seinen Mitarbeitern heißt es dann erstmal warten: "Ein Update mit unserer Datenverbindung dauert eine Stunde bis anderthalb, was normal wäre in fünf Minuten. Wenn die Datenverbindung gut genug wäre, würden wir auch nicht mit einer Offline-Version arbeiten, sondern Online, auf den Servern vom Anbieter der Software, und hätten diese ganzen Probleme nicht", erklärt der Geschäftsführer der Firma Trucktat.

Glasfaserkabel wird verlegt
Glasfaserkabel sollen schnelles Internet möglich machen

Auch Werbefilme online zu stellen ist im Büro unmöglich. Das versucht Lars Dörrbecker gar nicht erst, um nicht den Betrieb lahmzulegen, sondern erledigt das am Abend zu Hause, mit Glasfaseranschluss. Da lässt sich alles in zeitgemäßem Tempo erledigen.

Lars Dörrbecker hat sogar schon darüber nachgedacht, mit seiner Firma wegzuziehen. Dabei ist das schnelle Internet gar nicht so weit weg. Unter der Wiese direkt hinter der Firma gibt es eine Glasfaserleitung, doch er hat keine Möglichkeit, daran teilzuhaben. Es gibt keinen Anschluss: Das schnelle Internet – ganz nah und doch unerreichbar. 

Anschluss verpasst?

In den kommenden Jahren werden die Datenmengen rasant zunehmen. Mit der Industrie 4.0 wird funktionierendes Internet für die Unternehmen zur Überlebensfrage, wie Iris Plöger vom Bundesverband der Deutschen Industrie betont: "Schnelles Internet ist ein wichtiger Standortfaktor und die Bedeutung wird immer wichtiger. Wir müssen nicht nur an die richtige Anbindung an Straße und Schiene denken, sondern eben auch die Anbindung an ein Glasfasernetz haben."

Doch viele Internetleitungen in Deutschland sind noch alte Kupferleitungen, stammen aus der Zeit der Bundespost, gemacht fürs Telefonieren, nicht um große Datenmengen zu transportieren.

Am Kupfernetz hält die Telekom weiterhin fest, rüstet es mit einer komplizierten Technik auf, für ein bisschen schnelleres Internet. Zwar verlegt die Telekom Glasfaserkabel bis zu den Verteilerkästen, danach jedoch bleibt es bei den alten Kupferleitungen.

Ein Flaschenhals für die Netzgeschwindigkeit, sagen Experten. Das Festhalten an den alten Kupfernetzen sei kontraproduktiv, meint Dr. Bernd Beckert vom Fraunhofer Institut für Innovationsforschung: "Sie verhindert, dass Investitionen direkt in Glasfasernetze getätigt werden. Wir sehen, dass die einzige zukunftsfähige Technologie die Glasfaser ist. Und von daher ist das, was wir im Moment haben, eine Brückentechnologie, von der manche sagen, es ist eine überflüssige Brückentechnologie."

Für die Telekom ist das jedoch günstiger, deshalb will sie von diesem Vorwurf nicht wissen. Philipp Blank, Pressesprecher der Deutschen Telekom, erklärt: "Wenn man direkt nur auf Glasfaser bis zu den Haushalten setzen würde, könnte man nur in den Ballungsgebieten ausbauen und nicht in den ländlichen Gebieten. Es muss jede Straße vor jedem Haus aufgerissen werden, um Glasfaser bis zu den Haushalten zu bringen. Das kostet sehr viel Zeit und das kostet sehr viel Geld."

Deshalb sind bei den Glasfaser-Anschlüssen andere Länder vorn: In Japan, Schweden, Spanien, selbst in Mexiko gibt es prozentual weitaus mehr Anschlüsse als in Deutschland. Das hat Auswirkungen, nicht nur auf dem Land.

International ohne Internet

Wir fahren weiter in die deutsche Hauptstadt. In Berlin-Mitte sitzt die international tätige PR-Agentur Clarity. Ihre Kunden sind Technologie-Unternehmen aus der ganzen Welt. Die Agentur hat auch Büros in London und New York. Ohne Internet geht nichts. Und genau deshalb musste die Agentur auch umziehen. Bis vor wenigen Monaten hatte sie ihr Büro noch nahe dem Alexanderplatz, zentral, aber ohne verlässliches Internet. "Geäußert hat sich das eigentlich von Anfang an, dass wir Probleme hatten, Videokonferenzen entsprechend durchzuführen. Für unsere Kolleginnen und Kollegen in London oder in New York war das noch weniger zu begreifen, wenn Videokonferenzen ausgefallen sind, oder wenn wir mitten im Telefonat teilweise auch mit Kunden, plötzlich nicht mehr teilnehmen konnten", berichtet Miriam Graf von der PR-Agentur Clarity.

Ohne schnelles Internet wird Deutschland abgehängt. Die Wirtschaft verliert die Geduld, meint auch Iris Plöger vom Bundesverband der Deutschen Industrie: "Die Politik muss deutlich ambitionierter vorgehen als in der letzten Legislaturperiode. Wir haben große Erwartungen an die neue Bundesregierung und hoffen, dass wir dort massiv an Tempo gewinnen."

Stand: 16.11.2017 09:13 Uhr

Sendetermin

Mi, 15.11.17 | 21:45 Uhr
Das Erste