SENDETERMIN Mi, 11.04.18 | 21:45 Uhr

Unternehmenssteuern

Schlechte Karten für den Standort Deutschland

PlayGrafik: Unternehmenssteuern
Unternehmenssteuern – Schlechte Karten für den Standort | Video verfügbar bis 11.04.2019 | Bild: SWR

Qualität Made in Germany. Das mittelständische Unternehmen Ziehl-Abegg liefert seine High-Tech-Ventilatoren für Gebäude in alle Welt. Die Firma beschäftigt rund 4.000 Mitarbeiter, die meisten davon in Baden-Württemberg. Doch die Steuerpolitik in den USA setzt das Unternehmen unter Druck. Deshalb überlegt Vorstandsvorsitzender Peter Fenkl, Arbeitsplätze zu verlegen: "Grundsätzlich würden wir ganz gern in Deutschland bleiben, hier produzieren. Allerdings durch die Rahmen-Parameter und insbesondere auch durch höhere Steuersätze, die uns nicht mehr wettbewerbsfähig machen, müssen wir uns überlegen, ob wir dann ins Ausland gehen und stärker in den USA produzieren werden."

Hohe Steuerlast in Deutschland

Grafik: Steuerbelastung
Unternehmenssteuern 2018 | Bild: SWR

Bei der effektiven Steuerbelastung für Unternehmen gehörte Deutschland bisher schon zur Spitzengruppe. Die USA haben ihre Abgaben für Unternehmen nun drastisch gesenkt. Frankreich und andere europäische Länder werden schrittweise nachziehen. Mit seiner Steuerlast wäre Deutschland dann einsame Spitze.

Die hohen Unternehmenssteuern werden für Firmen wie Ziehl-Abegg zum gefährlichen Wettbewerbsnachteil. Acht von zehn Ventilatoren gehen ins Ausland. Wichtigster Markt ist dabei die USA. Peter Fenkl, Vorstandsvorsitzender Ziehl-Abegg, berichtet dazu: "Wir haben jetzt ein Steuer-Missverhältnis von circa 10 Prozent, also ein Steuer-Nachteil für deutsche Unternehmen, die in Deutschland produzieren und nach USA exportieren. Das heißt mit anderen Worten, dass die amerikanischen Unternehmen oder Unternehmen, die in den USA produzieren, eben einen circa zehnprozentigen Steuervorteil haben und das macht sich natürlich bei engen Margen direkt bemerkbar und man muss eben sehen, wie man das in irgendeiner Form ausgleichen kann."

Politischer Handlungsbedarf

Während andere große Industrienationen bereits reagiert haben, tut sich in Deutschland nichts. Das Problem ist schon lange bekannt. Doch im Koalitionsvertrag sucht man vergebens nach einer Senkung der Unternehmenssteuer.

Fahrlässig finden das Industrieverbände. Holger Bingmann führt ein Medienlogistik-Unternehmen und ist Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel BGA. Vom Koalitionsvertrag ist er enttäuscht: "Wenn Sie anschauen, dass wir mit einem Unternehmenssteuersystem von 2008 leben und nun eigentlich in Richtung 2019/2020 gehen und eigentlich im Koalitionsvertag nichts Konkretes drinsteht, dann ist das gefährdend für den Standort Deutschland."

Er befürchtet, dass Firmen künftig im Ausland investieren werden und Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen könnten. Warum reagiert die Bundesregierung also nicht?

Wir fragen beim Finanzministerium nach. Dort heißt es lediglich: "An einem Wettlauf um die niedrigsten Steuersätze wird sich Deutschland nicht beteiligen."

Experten verlangen Reformen

Fatal, meinen führende Ökonomen. Deutschland müsse reagieren, sonst würde es die Zukunft verspielen. Eine Unternehmenssteuerreform sei unabdingbar.
Prof. Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, erläutert dazu: "Es ist ja nicht so, dass man am Ende Steueraufkommen verliert. Wenn die Unternehmenssteuern bei uns hoch sind, verlagern die Unternehmen Investitionen ins Ausland, sie gestalten ihren Gewinnausweis anders. Dadurch verlieren wir Steueraufkommen. Das heißt: Jetzt die Steuern wettbewerbsfähig zu halten in Deutschland führt nicht dazu, dass wir Steueraufkommen verlieren, sondern gerade, dass wir Steueraufkommen schützen und auch das Wirtschaftswachstum schützen.“

Auch das Argument, dass eine Absenkung der Unternehmenssteuer, die soziale Ungleichheit in Deutschland fördere, sei so nicht haltbar. Die ökonomische Last der Steuer geben die Unternehmen nämlich weiter, erklärt Prof. Clemens Fuest: "Bei der Unternehmenssteuer wird ein Teil der Last auf die Beschäftigten überwälzt. Wenn man einen Euro mehr mit Unternehmenssteuern einsammelt, dann sinken die Löhne um etwa 65 Cent. Das heißt, ein Teil der Last liegt ohnehin bei den Arbeitnehmern."

Produktion bei Ziehl-Abegg
Muss die Produktion ins Ausland verlagert werden? | Bild: SWR

Werden die Unternehmenssteuern in Deutschland nicht sinken, werden viele Firmen reagieren müssen, wenn sie mit ihren Produkten weiter wettbewerbsfähig bleiben wollen, so wie bei Ziehl-Abegg im baden-württembergischen Künzelsau. Vorstandsvorsitzender Peter Fenkl ergänzt: "Es ist die Frage, ob wir die Mitarbeiter in der Menge aufrechterhalten können, wenn wir doch von Deutschland aus die Produktion verlagern. Dann ist damit zu rechnen, dass wir natürlich auch an der Mitarbeiter-Schraube drehen müssen."

Damit Unternehmen weiterhin auf den Industriestandort Deutschland setzen, ist die Politik gefordert. Noch ist es nicht zu spät.

Stand: 12.04.2018 09:09 Uhr