SENDETERMIN Mi, 11.04.18 | 21:45 Uhr

Wohnungsgenossenschaften

Warum fragwürdige Anbieter leichtes Spiel haben

PlayGrafik: Geldanlage in Wohnungsgenossenschaften
Wohnungsgenossenschaften und fragwürdige Anbieter | Video verfügbar bis 11.04.2019 | Bild: SWR

Wohnungsgenossenschaften werben mit einer guten und sicheren Geldanlage. Doch: "Sie nutzen den guten Ruf, den die Genossenschaften haben und machen dann ihre miesen Geschäfte damit," meint Gabriele Schmitz von der Verbraucherzentrale Hamburg. Laxe Kontrollen machen es schwarzen Schafen einfach.

Dr. Birte Eckardt, Fachanwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht, sagt dazu: "Es wird hier meines Erachtens massenhafter Betrug begangen."

Falsches Vertrauen

Eine Frau blättert in einem Eventus-Prospekt
Eventus versprach hohe Rendite | Bild: SWR

Genossenschaften hat Almut U. immer vertraut. Sie lebt sogar in einer Genossenschaftswohnung. Deshalb zögert die 72-jährige auch nicht lange, als ihr von einer anderen Wohnungsgenossenschaft ein unschlagbares Angebot gemacht wird. Die "Eventus eG" verspricht fast vier Prozent Zinsen pro Jahr. Um ihre Rente aufzubessern, steigt Almut U. mit 50.000 Euro ein. Sie dachte, eine Genossenschaft sei eine seriöse Sache.

Doch die schönen Zinsen bleiben ein leeres Versprechen. Denn im vergangenen September muss die Eventus eG Insolvenz anmelden. Das Geld der Genossenschaftsmitglieder ist wohl verloren, insgesamt mehr als 10 Millionen Euro. Auch das Geld von Almut U. ist vermutlich weg. Sie berichtet: "Ich habe das einfach nicht begreifen können. Und ich habe nächtelang nicht geschlafen, weil mir das gar nicht aus dem Kopf rausging."

Was Almut U. beim Verkaufsgespräch nicht klar wurde: Sie schließt keinen Sparvertrag ab, sondern kauft Genossenschaftsanteile, eine riskante Unternehmensbeteiligung, bei der im schlimmsten Fall der Totalverlust droht, warnen Verbraucherschützer wie Gabriele Schmitz von der Verbraucherzentrale Hamburg: "Wenn die Laufzeit abgelaufen ist, dann guckt man sich praktisch den Jahresabschluss an und stellt dann fest, hat die Genossenschaft Gewinne oder Verluste erwirtschaftet. Hat sie nur Verluste erwirtschaftet, dann haftet der Genosse mit seiner Einlage und erhält leider kein Geld zurück."

Doch diese Risiken werden gerne verschwiegen. Und noch dreister: Wohnungsgenossenschaften werben sogar damit, besonders sicher zu sein. Auch Eventus-Vorstandschef Marco T. hat damit Anleger geködert. In einem Youtube-Video von "Der Aktionär TV" verkündete er: "Genossenschaften sind seit jeher die insolvenzsicherste Gesellschaftsform."

Genossenschaft als Schneeballsystem?

Inzwischen sitzt Marco T. in Untersuchungshaft. Gegen ihn und seine Frau, die ehemalige Eventus-Aufsichtsratsvorsitzende, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Untreue und Betrug.

Insolvenzverwalter Tibor Braun hegt den Verdacht, dass Marco T. mehrere Millionen Euro veruntreut hat, um mit den Geldern der Anleger sich und seiner Frau ein Luxusleben zu ermöglichen: Eine Märchenhochzeit in Wien, exklusiver Schmuck, die Anzahlung für einen Aston Martin und auch rund 100.000 Euro Grunderwerbssteuer für den Kauf von zwei Wohnungen in bester Stuttgarter Lage, alles bezahlt vom Konto der Eventus.

Dr. Tibor Braun hat festgestellt: "Letztendlich war es aber aus heutiger Erkenntnis ein großes Schneeballsystem, das hier aufgezogen worden ist. Man hat hier Gelder eingesammelt von Mitgliedern und letztendlich mit dem neu eingesammelten Geld dann die Löcher der Vergangenheit gestopft."

Fehlte die Kontrolle?

Firmenschild vbw
Die VBW sollte die Eventus eG prüfen | Bild: SWR

Wie konnte es bei einer Genossenschaft so weit kommen? Was viele Anleger nicht wissen: Für Genossenschaften gelten Ausnahmeregelungen. Sie unterliegen nicht der staatlichen Finanzaufsicht. Stattdessen sind Prüfverbände zuständig, bei Eventus der Verband der Baden-Württembergischen Wohnungs- und Immobilienunternehmen VBW.
Wir bekommen die Prüfberichte zugespielt. Aus ihnen wird klar: Im Fall Eventus hatte der VBW mehrfach schwerwiegende Mängel festgestellt. Unter anderem sei die Buchführung nicht ordnungsgemäß und es gebe hohe Verwaltungsaufwendungen, beispielsweise für Provisionszahlungen.

Die Prüfer stellen fest: Marco T. hat im Januar 2014 so viel abgerechnet, dass er dafür durchschnittlich 79 Stunden pro Tag hätte arbeiten müssen.

Wir fragen beim Prüfungsverband VBW wegen eines Interviews an. Doch das wird von der Direktorin Sigrid Feßler kurzfristig wieder abgesagt. Weshalb ihr Verband trotz der offensichtlichen Ungereimtheiten keine weiteren Konsequenzen zog, erklärte sie im November 2017 noch so: "Das liegt an der uns als Prüfungsverband aufgegebenen Verschwiegenheitspflicht. Und der Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht ist für den jeweiligen Prüfer ein Straftatbestand."

Doch die Verschwiegenheitspflicht betrifft nicht die Mitglieder der Genossenschaft. Die hätte der Verband angesichts der festgestellten Mängel schon informieren dürfen, meint Insolvenzverwalter Dr. Tibor Braun: "Er hätte entweder selbst eine Generalversammlung einberufen können, das wäre eine Möglichkeit oder schlicht und ergreifend sagen, ich bin hier nicht weiter bereit als Pflichtprüfungsverband tätig zu werden, sucht euch einen anderen."

Der Insolvenzverwalter klärt nun, ob Schadensersatzansprüche gegenüber dem Verband geltend gemacht werden können.

Gibt es Interessenkonflikte?

Doch das eigentliche Problem liegt im System. Genossenschaften haben ihre eigenen Prüfverbände. Sie suchen sie selbst aus und bezahlen sie auch.

Gabriele Schmitz von der Verbraucherzentrale Hamburg meint dazu: "Wir befürchten dort eine Interessenskollision. Wir fürchten, dass die nicht wirklich genau hingucken. Und jedenfalls nicht nach außen dringen lassen, wenn sie denn irgendwelche Probleme feststellen."

Schon lange fordern Experten eine staatliche Kontrolle, denn Eventus ist kein Einzelfall.

Auch das Ehepaar S. glaubte an eine sichere Geldanlage. Es hat bei der Wohnungsgenossenschaft "Grundwerte eG" in 12 Jahren rund 12.000 Euro eingezahlt.

Claudia S. berichtet: "Im Grunde hat man uns nur gesagt, dass man da ganz viel Geld rausholen kann, dass es eine ganz tolle Sache ist und man hat uns nie gesagt, mit welchem Risiko das behaftet ist."

Firmenschild Grundwerte eG
Auch die Grundwerte eG versprach eine gute Geldanlage | Bild: SWR

Ihr Rechtsanwalt Christian Thum vertritt mehrere Mitglieder der "Grundwerte eG". Bei keinem wurde das angesparte Geld bislang ausbezahlt. Der Rechtsanwalt erläutert: "Bei der Familie S. gehe ich nicht davon aus, dass sie noch große Chancen haben, ihr Geld wieder zu sehen. Es wird ein Auseinandersetzungsguthaben zu dem Stichtag gemacht, zu dem man ausscheidet und da war die Bilanz negativ und deshalb werden sie von ihrem Geld nichts mehr sehen."

Auch hier ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen mehrere Beschuldigte: "Die Staatsanwaltschaft München I führt ein Verfahren wegen des Vorwurfs des Betruges im Zusammenhang mit der Wohnungsgenossenschaft Grundwerte eG" (Quelle: Staatsanwaltschaft München I), und zwar seit 2013. Die hier handelnden Prüfer, der VDW Verband in Niedersachsen und Bremen, zog jedoch erst rund zwei Jahre später die Reißleine: "Grundwerte eG" wurde aus dem Verband ausgeschlossen, wogegen die Genossenschaft klagte. Bis der Fall entschieden ist, darf sie weiter Geschäfte machen. Anleger erfahren davon nichts.

Rechtsanwältin Birte Eckardt vertritt Mitglieder mehrerer Genossenschaften. Sie kritisiert, dass Verbraucher selbst bei fragwürdigen Genossenschaftsmodellen nicht besser geschützt werden. Dr. Birte Eckardt, Fachanwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht, sagt dazu: "Ich sehe das als großen Systemfehler an. Es wird hier, meines Erachtens massenhafter Betrug begangen. Die Anleger müssten auch darüber informiert werden, was die Prüfungsverbände festgestellt haben, insbesondere müssten sie über Mängel aufgeklärt werden."

Das Ehepaar S. fürchtet, dass sie kein Geld zurückbekommen werden. Dann wollen auch sie klagen.

Und Almut U. würde heute jeden warnen, wenn von einer angeblich sicheren Geldanlage bei Genossenschaften die Rede ist. Ihr Vertrauen in die Eventus hat sie 50.000 Euro gekostet.

Stand: 12.04.2018 09:05 Uhr