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Terror-Finanzierung: Wie Attentäter mit Wirtschaftskriminalität an Geld kommen

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Terror-Geld durch Zigarettenschmuggel und Produktpiraterie | Video verfügbar bis 24.08.2017

Terroristen finanzieren mit Produktpiraterie Anschläge. Ob Al Qaida, Hamas, Hisbollah oder der sogenannte Islamische Staat: Sie alle tauchen in Behördenakten weltweit als Produzenten, Händler oder Endverkäufer von gefälschten und geschmuggelten Waren auf. Auch der deutsche Zoll in Berlin hat einen Zigarettenschmuggler, der mit einem IS-Gefährder in Deutschland in Kontakt stand, verhaftet. Attentäter, die in Europa zuletzt Anschläge verübten, sind den Behörden bekannte Produktpiraten und Schmuggler.

Blühende Schwarzmärkte

Terror-Finanzierung durch Zigarettenschmuggel
Wer verdient am Zigarettenschmuggel?

Das einfachste Rezept diese Form der Terrorfinanzierung zu stoppen wenden die Sicherheitsbehörden jedoch nicht an: Schwarzmärkte und Straßenhändler entschieden zu bekämpfen. Der Kauf von Fälscherware und Schwarzmarktzigaretten ist europaweit problemlos möglich.

Ob an den Stränden in Spanien, Italien oder Frankreich: Deutsche Urlauber erwartet ein schier unerschöpfliches Angebot an gefälschten Markenprodukten: Turnschuhe, Sonnenbrillen, Handtaschen. Was deutsche Behörden öffentlich nicht sagen: Verfolgt man die Spuren der Fälscherware, findet man im kleinkriminellen Milieu Verbindungen zu den jüngsten Anschlägen islamistischer Terroristen in Europa.

Leicht verdientes Geld

So wie das blutige Attentat im Januar 2015 auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und den koscheren Supermarkt in Paris. Zwei der drei Attentäter sind polizeibekannte Produktpiraterie-Händler und Zigarettenschmuggler.

Terror-Gelder durch Zigarettenschmuggel und Produktpiraterie
Gefälschte Brillen bringen schnelles Geld für Terroristen.

Der international renommierte Terrorismusforscher Jean-Charles Brisard vom CAT (Centre d´Analyse De Terrorisme) in Paris hat die Finanzierung von zahlreichen Terrororganisationen analysiert. Seit 20, 30 Jahren schon verdienten sie mit illegalem Handel, mit Schmuggel und Produktpiraterie Geld, so Jean-Charles Brisard: "Weil das so leicht geht. Und weil das hyper-rentabel ist. Man kann damit sehr leicht Margen erreichen von fünf oder zehn Mal so viel. Und das Ausgangsmaterial steht ja zur Verfügung. Bekleidung, Zigaretten, der Schmuggel. Das alles existiert."

Einblick ins Straßenverkäufer-Milieu

In Barcelona recherchiert "Plusminus" zusammen mit "BR Recherche" im Straßenhändler Milieu. Die Reporter wollen erfahren, wie die kleinkriminelle Szene der Piraterie-Dealer gestrickt ist. Denn aus solchen Milieus in Paris, Brüssel und Nizza stammten die Attentäter der letzten Anschläge.

Pape Diop, selbst ernannter Sprecher der Straßenverkäufer gefälschter Markenware in Barcelona, gibt im Interview unumwunden zu, dass ihm Gesetze völlig egal seien. Auf die Frage, ob auch Extremisten im Geschäft mitmischen, antwortet Pape Diop den Reportern vor laufender Kamera: Er sei gläubiger Muslim und das einzige, was illegal sei, sei nicht an Gott zu glauben.

Abends, wenn die offiziellen Läden geschlossen sind, bieten er und seine Kumpanen ihre illegale Ware an. Die Polizei schaut weg. Doch ab und zu finden dennoch Razzien statt – zum Beipsiel dort, wo die Piraterieware lagert.

Spanien gibt Terrorbezug zu

Im Juli gibt die spanische Polizei, die Policía Nacional, öffentlich preis, dass es einen Terrorbezug gibt. Unter zuletzt verhafteten Pirateriehändlern seien Kämpfer, die auf den offiziellen Terrorlisten stehen, erklärt man. Das spanische Innenministerium, bei dem der Fall mittlerweile unter "Terrorermittlung" einsortiert ist, will auf Anfrage keine weiteren Auskünfte geben.

Fall in Deutschland

Auch in Deutschland stoßen wir auf einen Fall mit Terrorbezug. Anfang des Jahres ermittelt der Berliner Zoll in einem Schmuggelfall, bei dem ein Bezug zum sogenannten Islamischen Staat auffällt. Der in Syrien geborene Haupttäter mit deutschem Pass hat Kontakte zu einem IS-Gefährder in Norddeutschland.

Terror-Gelder durch Zigarettenschmuggel und Produktpiraterie
Der deutsche Zoll beschlagnahmt Millionen geschmuggelter Zigaretten.

Am 11. Februar beschlagnahmen in Berlin über 100 Sicherheitskräfte einen Container mit rund sieben Millionen geschmuggelten Zigaretten der Marke Richman auf einem stadtnahen Gewerbegelände.

Treffen mit dem Haupttäter

"Plusminus" und das Team von "BR Recherche" schauen sich dieses Gelände genauer an. Große Lagerhallen, nicht einsehbar von der Straße, anonymer Publikumsverkehr. Doch die Reporter bekommen einen Tipp und treffen den Berliner Haupttäter des Schmuggels während seines Hafturlaubes in Berlin-Neukölln. 

Der in Syrien geborene Palästinenser mit deutschem Pass erzählt, er sei von einem Freund am Bau gefragt worden, ob er beim Zigarettenschmuggel mitmachen wolle. Für wen genau, wisse er nicht. Aber er sagt den Reportern auch: "Das läuft schon lange, die verdienen damit Millionen." Auch er hätte "vier Container im Monat machen sollen." 

Terrorbezug – ja oder nein?

Terror-Gelder durch Zigarettenschmuggel und Produktpiraterie
Waffen für Terroristen – Kommt das Geld aus der Wirtschaftskriminalität?

Der Schlüsselfrage aber weicht er aus: Was hat er mit Terror zu tun? "Nichts, mit Zigaretten und Terror. Wenn Sie meine Meinung hören möchten zu Terror: Das ist Quatsch, das gibt es nicht. Das was in Frankreich passiert ist, ich denke mal, das ist von der Behörde gemacht." 

Obwohl der Mann Kontakt zu einem IS-Gefährder hatte und obwohl klar sein müsste, dass ein internationales Netzwerk den Schmuggel eingefädelt und den Container vorfinanziert hat, sieht die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Berlin in diesem Fall keinen Terrorbezug.

Und auch dem Bundesinnenministerium liegen "keine Erkenntnisse vor, wonach terroristische Gruppierungen in größerem Umfang unmittelbar in Produktpiraterie und Schmuggel entsprechender Produkte involviert sind", trotz "engem Kontakt mit internationalen Partnern und deren Erkenntnissen."

Belegte Fälle weltweit

Erstaunlich, denn "Plusminus" und "BR Recherche" stoßen weltweit – in Polizeidokumenten, Studien und Gerichtsurteilen – auf dutzende belegte Fälle, bei denen Terroristen mit Zigarettenschmuggel und Produktpiraterie Geld machen. Schon IRA und ETA setzten darauf. Später auch: Hamas, Hisbollah, Al Qaida und IS. 

Hier nur zwei weitere Beispiel: Der Anführer eines algerischen Al Qaida Ablegers, auch "Mr. Marlboro" genannt,  finanziert seine Organisation seit Jahrzehnten mit Zigarettenschmuggel. Laut Interpol finanziert die Hisbollah im Libanon mit gefälschten deutschen Bremsbelegen ihren Terrorkampf.

US-Terrorexpertin warnt

Die US-Terrorexpertin Louise Shelley ist US-Terrorexpertin. Sie hat schon zwei Mal als Expertin für Terrorfinanzierung durch Zigarettenschmuggel und Produktpiraterie vor dem US-Kongress im Homeland Security Comittee ausgesagt. Anders als deutsche Behören warnt sie: Endlich müsse man mögliche Bezüge zwischen Terrorismus und scheinbar harmloser Kleinkriminalität ins Visier nehmen, denn IS, Al Qaida und andere Terrorgruppen setzten gezielt auf illegalen Handel. 

Terror-Gelder durch Zigarettenschmuggel und Produktpiraterie
US-Terrorexpertin Louise Shelley

Sie betont, dass es einen sehr starken Bezug zwischen Kleinkriminalität und Terrorfinanzierung gebe. 95 Prozent der Täter der jüngsten Terroranschläge in Europa hatten einen kriminellen Hintergrund, so Shelley. Sie haben Zigaretten geschmuggelt und gefälschte Markenwaren verkauft.

Mangelhafter Kampf gegen Schwarzmarkt?

Terror-Gelder durch Zigarettenschmuggel und Produktpiraterie
Urlauber finanzieren unbewusst Terror, wenn sie billige Ware auf dem Straßenmarkt kaufen.

Ein Informant, der die internationale Piraterie- und Zigarettenschmuggler bestens kennt, ist entsetzt, wie wenig die europäischen Behörden gegen die Schwarzmärkte unternehmen. Denn: Dies sei für Jihadisten eine geradezu ideale Art sich in lokaler Währung ihren so genannten Heiligen Krieg ganz autonom zu finanzieren, erklärt er. Dass Bürger, "die mal eine billige Packung gefälschter Kippen oder gefälschte Nike-Turnschuhe kaufen, Terroristen damit unterstützen, ist perfide."

Seine Forderung: Insbesondere die deutschen Behörden sollten diesen Zusammenhang endlich öffentlich machen. An alle europäischen Länder richtet er den Appell, jeden Piraterieverkäufer und Zigarettenschmuggler in einer Datenbank zu registrieren, um Terrorbezüge schneller enttarnen zu können.

(Bericht: Sabina Wolf / Wolfgang Kerler)

Stand: 08.11.2016 16:22 Uhr