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Thermomix: Wie erklärt sich der Hype um ein Küchengerät?

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Thermomix: Wie erklärt sich der Hype um ein Küchengerät? | Video verfügbar bis 25.01.2018

Inhalt in Kürze:
– Die teure Thermomix-Küchenmaschine kann auch kochen und wird nur über Partys und nicht im Handel vertrieben.
– Die vorführenden Repräsentantinnen erhalten Provision.
– Um den Thermomix hat sich ein Hype entwickelt und die Fans reagieren empfindlich auf Kritik.
– Am Thermomix-Hype wollen beispielsweise auch Verlage und konkurrierende Hersteller verdienen.
– Tipps, ob ein Thermomix im Haushalt sinnvoll ist.

Auf einer Thermomix-Party in der Nähe von Stuttgart sind die Gäste neugierig, was der Thermomix alles kann. Sie lassen sich das angebliche Wundergerät von einer "offiziellen Thermomix-Repräsentantin" vorführen. Zu Beginn herrscht noch Skepsis bei manchen Teilnehmerinnen.

Vertriebssystem über Partys

Thermomix-Display mit Auswahlmöglichkeiten
Über das Thermomix-Display können u.a. Wochenpläne erstellt werden

Die Repräsentantin bekommt für jedes verkaufte Gerät Provision. Sie schwärmt von den Vorzügen der Luxusmaschine, zum Beispiel von den digitalen Rezepten, die den Kunden das Denken abnehmen sollen. So könne man einen Wochenplan erstellen, mit Einkaufsliste, die man aufs Mobiltelefon schicken kann. Kaufen kann man das Gerät nur bei einer solchen Thermomix Party. Im Laden oder online ist die Maschine nicht erhältlich.

Für den Marketingprofessor Florian Kraus von der Universität Mannheim ist das ein cleverer Zug: "In der Regel ist es die Begeisterung für das Produkt: Oftmals sind es die Kundinnen, die so begeistert sind von dem Produkt, dem Thermomix, dass sie dann zu Verkäuferinnen werden."

Auf der Party bei Stuttgart zeigt die Repräsentantin, wie sie in 30 Sekunden Getreide zu Vollkornmehl mahlt. Die Zeitersparnis hat einen stolzen Preis: Rund 1.300 Euro kostet der Thermomix mit WLAN-Chip. Warum geben Kunden so viel Geld für eine Küchenmaschine aus?

Trend- und Zukunftsforscher Eike Wenzel meint, der Thermomix passe gut in die Zeit: "In den letzten Jahren ist die Bedeutung der Küche aufgewertet worden. Leute geben immer mehr Geld für Küchen aus. Küche ist im Grunde so etwas wie ein Statussymbol. Früher war das Porsche oder Daimler, heute ist das vor allen Dingen auch die Küche."

1,3 Millionen verkaufte Geräte in 2016

Beim Hersteller Vorwerk klingeln dabei die Kassen. Allein im Jahr 2016 hat Vorwerk 1,3 Millionen Exemplare des Thermomix verkauft. Weltweit vertreiben 42.000 Repräsentantinnen das Gerät, in über 70 Ländern. Und das ohne große Werbung. Dafür sorgt die Community nämlich größtenteils selbst, zum Beispiel auf YouTube.

Neben unzähligen Rezept-Videos kursiert dort inzwischen sogar ein Thermomix-Song. Vorwerk will damit nichts zu tun haben, angeblich sind das alles begeisterte Thermomix-Fans.

Thermomix
Thermomix bei einer Verkaufsshow

Empfindliche Fans der Küchenmaschine

Wer dem Hype mit kritischen Fakten begegnet, kann sich auf etwas gefasst machen. Stiftung Warentest hat verschiedene Küchenmaschinen verglichen. Der Thermomix bekam gerade mal die Note "befriedigend". Hauptkritikpunkt: Die Lautstärke, die das Gehör wirklich beinträchtigen könne, so die Projektleiterin.

Doch nach dem nur durchschnittlichen Testurteil musste Stiftung Warentest erfahren, wie empfindlich viele Thermomix-Anhänger sind. Es habe sehr viele negative, emotionale Reaktionen gegeben, was bei Haushaltsgeräten sonst selten der Fall sei. Die Fans identifizieren sich offensichtlich voll mit ihrer Küchenmaschine.

Wettbewerber und Mitverdiener

An dem Thermomix-Hype wollen inzwischen auch andere mitverdienen, zum Beispiel im Zeitschriftenmarkt. FalkeMedia war der erste Verlag mit einer eigenen Thermomix-Zeitschrift: "Mein Zaubertopf". Bevor irgendjemand die erste Ausgabe in der Hand halten konnte, hatten bereits 6.000 Facebook-Fans ein Abonnement abgeschlossen.

Thermomix-Zeitschriften
Die Auswahl an Thermomix-Zeitschriftenist groß

Von diesem Erfolg wollten auch andere Verlage profitieren. Die Folge: Inzwischen füllen Thermomix-Zeitschriften ein ganzes Kiosk-Regal.

Konkurrenzkampf auch bei den Küchenmaschinen selbst: Die Discounter Lidl und Aldi greifen den Thermomix mit ähnlichen Maschinen für deutlich günstigere Preise an.

In Wuppertal, dem Deutschland-Sitz von Vorwerk, macht man sich deshalb schon Gedanken, wie sich der Thermomix auch künftig von der Konkurrenz abgrenzen kann. Doch Konkretes will Chef-Designer Uwe Kemker dazu nicht preisgeben. Die Weiterentwicklung des Thermomix scheint fast schon ein Staatsgeheimnis.

Thermomix-Produktion in Wuppertal
Thermomix-Produktion in Wuppertal

Die Teilnehmerinnen der Thermomix-Party bei Stuttgart sind vom Hauptgericht, einer vegetarischen Gemüseplatte, angetan. Und wenn nur ein oder zwei das teure Gerät kaufen, hat sich die Sache für Vorwerk schon wieder gelohnt. Und vielleicht wird eine von ihnen ja die nächste Thermomix-Repräsentantin?

Tipps für Interessenten

Die folgenden Punkte können Ihnen dabei helfen, herauszufinden, ob ein Thermomix oder eines der Konkurrenzprodukte auch etwas für Sie wäre:

Will oder brauche ich eine Küchenmaschine mit Kochfunktion?

Als erstes sollte überlegt werden, für welche Zwecke die Küchenmaschine genutzt werden soll. Der entscheidende Unterschied zwischen einem Thermomix und handelsüblichen Küchenmaschinen ist nämlich seine Kochfunktion. Daher ist es wichtig zu klären, ob eine Küchenmaschine mit Kochfunktion überhaupt in Frage kommt. Die meisten Funktionen eines solchen Gerätes können nämlich auch mit herkömmlichen Küchengeräten ähnlich schnell erledigt werden.

Stören mich die Geräusche der Maschine?

Küchenmaschinen sind generell eher laute Geräte, so auch die Küchenmaschinen mit Kochfunktion, denn die Geräte rühren meist während des Kochvorganges weiter, damit das Essen nicht anbrennt. Das Rührgeräusch dabei ist aber deutlich lauter als das händische Rühren im Topf auf dem Herd. Bei einem Test von Stiftung Warentest landete beispielsweise der Thermomix TM 5 nur auf dem vierten Platz, da er unter anderem als zu laut beurteilt wurde. Wen laute Geräusche stören, der sollte noch eimal nachdenken, ob eine Küchenmaschine mit Kochfunktion das richtige ist.

Habe ich genug Platz?

Wer einen Thermomix oder eine andere Küchenmaschine mit Kochfunktion kaufen möchte, sollte aber noch eine weitere grundlegende Fragen klären: Habe ich in meiner Küche überhaupt genügend Platz für das Gerät? Thermomix und Co. sollten nämlich einen festen Stand haben und es sollte rundherum genug Platz vorhanden sein, um das Gerät problemlos zu bedienen und mit Zutaten zu befüllen. Wer die Dampfgar-Funktion nutzen möchte, sollte das Gerät außerdem aufgrund des Wasserdampfes nicht direkt unter einen Hängeschrank stellen.

Habe ich einen sicheren Standort?

Neben der Platzfrage sollten auch Fragen zur Sicherheit geklärt werden. Denn die Messer in den Geräten sind scharf und drehen sich schnell. Wer zum Beispiel Kinder zuhause hat, sollte bei der Standortwahl sicher stellen, dass die Kinder keine Möglichkeit haben, an Thermomix und Co. zu gelangen und bei laufendem Motor in die Einfüllöffnung zu greifen. Außerdem sollte ein Standort gewählt werden, bei dem die Kinder das Gerät mit heißem Inhalt nicht von der Arbeitsfläche ziehen können.

Für wie viele Personen koche ich in der Regel?

Wer eine Küchenmaschine mit Kochfunktion kaufen möchte, der sollte auch darüber nachdenken, für wie viele Personen er in der Regel kocht. Denn der Mixtopf vom Thermomix und seinen Konkurrenten hat meist nur ein begrenztes Fassungsvermögen. In einen Thermomix TM 5 passen beispielsweise grob zwei Liter – die gekochte Menge reicht somit für circa vier Personen. Wer also regelmäßig für mehrere hungrige Esser kocht, für den sind klassische Küchenutensilien möglicherweise besser geeignet.

Was möchte ich kochen?

Ein wichtiger Aspekt ist auch: Was wird in der Regel gekocht? Denn zu den Küchenmaschinen mit Kochfunktion gehört meist nur ein einziger Topf. Wenn Gerichte zubereitet werden, die in getrennten Töpfen gekocht werden müssen, müssen diese hintereinander zubereitet werden. Nur der Einsatz des Dampfgarers kann es ermöglichen, mehrere Bestandteile eines Gerichtes gleichzeitig, aber räumlich getrennt zuzubereiten.

Muss es immer ein Thermomix sein?

Inzwischen gibt es zahlreiche Küchengeräte mit Kochfunktionen, welche dem Thermomix Konkurrenz machen – beispielsweise günstige Geräte von den Discountern Aldi und Lidl. Diese unterschieden sich jedoch in manchen Funktionen vom Thermomix. Daher sollte man sich vor dem Kauf die Frage stellen, welche Eigenschaften und Funktionen das Küchengerät unbedingt haben sollte. Wer beispielsweise keine integrierte Waage benötigt, der kann auch zu den günstigeren Konkurrenzprodukten greifen.

Unterschiede zwischen den Maschinen können beispielsweise sein:

  • integrierte Waage
  • ein Touchdisplay mit Rezeptanzeige (Guided Cooking)
  • Rühr- und Häckselfunktion (Linkslauf der Messer)
  • Fassungsvermögen des Topfes
  • Heizleistung
  • Motorleistung
  • Größe und Gewicht des Geräts
  • zusätzliches Zubehör

Stand: 26.01.2017 16:35 Uhr