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Hund und Katze krank

Wie Tierärzte Kasse machen

Wie Tierärzte Kasse machen | Video verfügbar bis 13.04.2018

- Einige Tierärzte verdienen Geld mit unnötigen Behandlungen.
- Kombi-Impfungen gelten als wahre Goldgrube.
- Grund dafür ist vor allem der wachsende Konkurrenzdruck.

Ihr Hund hinkt oder ihre Katze frisst nicht mehr? Ab zum Tierarzt. Aber wichtig: Fragen Sie vorher unbedingt nach den Kosten. Immer mehr Tierhalter fühlen sich beim Tierarzt übervorteilt, denn in vielen Praxen wird nicht nur ans Wohl der Patienten, sondern ans Geld gedacht. Der Umsatz bei Tiermedizin hat sich in Deutschland in den letzten 20 Jahren verdreifacht, auf 688 Millionen Euro. Einige Tierärzte und die Pharmaindustrie sind an diesem Trend nicht ganz unschuldig.

Unnötig und teuer

Perserkatze Tapsi
Perserkatze Tapsi wurde falsch und teuer behandelt.

Für ihre Tapsi würde Claudia Ballschmiedter alles tun. Die zutrauliche Perserkatze ist der einzige zuverlässige Begleiter im Leben der Altenpflegerin aus Leipzig. Deshalb ist sie umso aufgeregter, als Tapsi plötzlich das Futter verweigert und nichts mehr trinkt. Anderthalb Tage wartet sie, dann bringt sie ihren Liebling zum Tierarzt, wo Tapsi sofort eine Magensonde gelegt wird. Die Tierärztin diagnostiziert ein Problem mit der Bauspeicheldrüse und wartet nicht einmal die Ergebnisse aus dem Labor ab. "Mir standen die Tränen in den Augen, wo ich das gesehen habe", erinnert sich Claudia Ballschmiedter. Jeden Tag musste sie Tapsi künstlich ernähren, was nicht einfach für sie war.

Eine Frau sitzt mit ihrer Perserkatze auf dem Sofa.
Für die Behandlung ihrer Perserkatze Tapsi hat Claudia Ballschmiedter innerhalb von zwei Wochen 900 Euro bezahlt.

Auch nicht einfach war es, die Kosten zu tragen. Alle zwei Tage muss Tapsi wieder zum Arzt. Jedes Mal folgt eine Rechnung. Für mehrere Röntgenbilder, Ultraschall, zwei Blutanalysen, Narkose und Verbandsmaterial bezahlt sie innerhalb von zwei Wochen 900 Euro. Dann bricht sie die Behandlung ab, weil sie kaum noch Geld hat. Claudia Ballschmiedter holt sich bei einem anderen Tierarzt eine zweite Meinung ein und bekommt von ihm über Tapsis vorangegangene Behandlung Erstaunliches zu hören: "Der hat dann zu mir gesagt, dass das nicht so war. Der zweite Tierarzt hat zu mir gesagt, das war Abzocke." Offenbar hat er Recht, denn kaum ist die Sonde entfernt, frisst Tapsi wieder.

Teure Impfungen

Auch Melanie Lebrecht aus Bad Camberg bei Frankfurt hat schlechte Erfahrungen mit Tierärzten gemacht. Sie hält gleich fünf Hunde. Mit ihrer Hilfe will "Plusminus" herausfinden, wie Tierärzte ihre Kunden zur Kasse bitten. Wir gehen zum Impfen. Laut Impfpass brauchen drei ihrer Tiere eine Auffrischung bei Tollwut, Staupe und Hepatitis. Maximal 30 Euro dafür gelten als angemessener Preis.

Eine Frau geht mit fünf Hunden spazieren.
Die fünf Hunde von Melanie Lebrecht können ganz schön ins Geld gehen – erst recht, wenn sie an den falschen Tierarzt gerät.

In der ersten Praxis will man die Hunde gleich einer Sechsfach-Kombi-Impfung unterziehen – für 57,50 Euro pro Hund?

Ganz anders klingt es bei der zweiten Praxis: "Wir machen die drei Sachen, die Sie wollen. Das ist ausreichend. Kostet 42 Euro pro Hund."

In der dritten Praxis wird wieder zur Sechsfach-Kombi-Impfung geraten, diesmal für stolze 63 Euro.

Nicht ungefährlich

Solche Mehrfach-Kombi-Impfstoffe sind lukrativ für Tierärzte und die Pharmaindustrie, berichtet uns der Hamburger Tierarzt Dirk Schrader. Sie enthalten Impfstoffe für seltene Krankheiten, die in Deutschland kaum auftreten. Deshalb ist ihr Nutzen begrenzt. Und nicht nur das: Sie können sogar schädlich für den Hund sein, wie uns Schrader erklärt: "Sie können zum Beispiel erleben, dass bei diesen gedrängten wiederholten Impfungen das Immunsystem ataktisch wird, also außer Gefecht gesetzt wird."

Goldgrube für Tierärzte

Sogar die Internationale Haustierarztvereinigung spricht sich gegen die Sechsfach-Kombi-Impfungen aus. Doch bei deutschen Tierärzten werden sie immer beliebter. Dirk Schrader weiß auch, warum das so ist: "Weil klar ist, dass man mit wenig Arbeit viel Geld verdient. Das heisst also, eine Spritze geben und, zackzack, der Nächste. Das ist für manche fast schon, als ob man eine Goldgrube entdeckt hat."

Schild mit der Aufschrift "Kleintierpraxis" an einer Hauswand
Kombi-Impfungen sind einträglich für Tierärzte. Aber nicht alle machen daraus ein Geschäft.

Offenbar auch für zwei der Tierärzte, die wir getestet haben. Wir fragen nach in der ersten Praxis. Dort bestätigt uns Dr. Silke Hornung: "Ja, Impfungen sind etwas, wo man mit wenig Aufwand etwas mehr verdient."

Auch in der anderen Praxis ist man sich bewusst, wie lukrativ das Impfen sein kann. Dort erfahren wir, dass der Impfstoff eigentlich nur um die sieben bis zehn Euro kostet und für das Injizieren nochmal zehn Euro anfallen, alles in Allem insgesamt also nur rund 20 Euro.

Nur in der Praxis von Nadja Hitzig wurde uns die vernünftige Impfung mit den Kern-Impfstoffen empfohlen. Auch sie sieht in den Impfungen eine wichtige Einnahmequelle für Tierarztpraxen? Bei ihr auch? "Da müsste ich mehr Geld nehmen."

Wachsender Konkurrenzdruck

Der Grund für die teuren Impfungen ist nicht unbedingt Habgier: Gerade unter Tierärzten gibt es viele Idealisten, die Tiere wirklich mögen und sich aufopfern. Doch der Konkurrenzdruck zwischen den Haustierpraxen wird immer härter. Vor 15 Jahren arbeiteten dort 4.400 Tierärzte. 2015 waren es schon mehr als 6.000 – ein Anstieg von 36 Prozent.

Der Präsident der Bundestierärztekammer Dr. Uwe Tiedemann beschreibt die Entwicklung: "Die Zahl der Tiere hat in den letzten 15 Jahren zwar deutlich zugenommen, bei Katzen um 100 Prozent, bei Hunden um 50 Prozent, aber trotzdem wollen ja alle etwas von dem Kuchen abhaben, um überleben zu können.

Dackel Lion geht zum Arzt

Wie unterschiedlich die Preise sein können, soll ein weiterer Test zeigen. Unsere Lockvögel sind Lion und seine Betreuerin Daniela Gröschke vom Tierheim Eilenburg bei Leipzig. Von einem Tierarzt unseres Vertrauens wird Lion durchgecheckt. Wir wollen herauszufinden, was ihm fehlt und wie teuer eine sinnvolle Behandlung wäre.

Lion hat sogenannte Dackellähme im Anfangsstadium. Das ist nicht ungewöhnlich für einen elfjährigen Hund. Die Krankheit lässt sich leicht diagnostizieren und mit Schmerzmitteln kostengünstig lindern. Mehr als 30 Euro sollte der Besuch beim Tierarzt für Lion nicht kosten.

Die erste Tierärztin tastet den Hund ab, misst Fieber und verschreibt ihm ein Schmerzmittel. "Das sollte reichen. Mehr würde ich jetzt nicht machen", lautet ihr Urteil. Mit einem Rechnungsbetrag von 24,80 Euro ist sie recht günstig.

Ähnliches erleben wir in der zweiten Praxis, wo Lion der gleichen Prozedur unterzogen wird. Mit 32,07 Euro liegt die Rechnung auch hier im vertretbaren Rahmen.

Praxis drei ist wie aus einer anderen Welt: eine große, moderne Tierklinik mit allerlei Errungenschaften des technischen Fortschritts, wie wir im Internet erfahren haben. Wir sind gespannt, ob Lion in den Genuss dieser Möglichkeiten kommt – obwohl er sie ja eigentlich gar nicht braucht. "Wir machen jetzt ein Röntgenbild. Da können wir am besten sehen, was dem Lion fehlt", wird uns erklärt. Inklusive Röntgenbild zahlen wir hier für die Behandlung 114,13 Euro und damit vier Mal mehr als in der preiswertesten Praxis. Der Chef der Klinik will vor der Kamera nichts sagen, verweist im Gespräch aber auf die tolle Ausstattung, die der Kunde natürlich mitbezahlen müsse.

Große Spannen bei Gebühren

Tierarzt Dirk Schader
Tierarzt Dirk Schader kritisiert die Praktiken einiger Kolleginnen und Kollegen.

Laut Gebührenordnung können Tierärzte ihre Preise weitgehend selbst festlegen. Eine Impfung etwa darf zwischen 28 Euro und fast 85 Euro kosten. Eine Frakturbehandlung zwischen 171 und 515 Euro. Und das Einschläfern zwischen 17 und 51 Euro. Am einfachsten aber lässt sich Geld mit unnötigen Therapien machen, wie Tierarzt Dirk Schrader bei Kollegen erlebt hat: "Wegen Quatsch mit Soße werden Untersuchungen, Radiologie und Sonografie gestartet. Man kann das ja alles machen, aber wie gibt man dem Tierhalter nicht das Gefühl, dass er ausgeraubt wird?"

Lion jedenfalls hätte die gleichen Schmerztabletten in unserem Test sehr preiswert – aber auch recht teuer bekommen.

Autoren: Matthias Weidner, Christin Simon, Deborah Zocher

Stand: 13.04.2017 12:30 Uhr

Sendetermin

Mi, 12.04.17 | 23:25 Uhr
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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Mitteldeutschen Rundfunk produziert.