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Zu oft, zu viel

Schluss mit überflüssigen Operationen

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Zu oft, zu viel - Schluss mit überflüssigen Operationen | Video verfügbar bis 07.10.2016

Dass Sylvia Rehse wieder ohne Probleme klettern kann, hätte sie vergangenes Jahr nicht zu hoffen gewagt. Ein Sturz vom Felsen und ihr Kletterurlaub endete im Krankenhaus. Ein Kreuzbandriss. Der Arzt rät zur Operation. Für Sylvia Rehse ist das ein Schock: "Es wäre eben auch mit einem langen Heilungsprozess einhergegangen. Ungefähr ein halbes Jahr, mehrere Monate die ich auch in meinem Beruf nicht hätte tätig sein können." Die 34-jährige lässt ihren OP-Termin platzen und holt sich eine zweite Meinung ein bei Prof. Julia Seifert im Unfallkrankenhaus Berlin.

Die Orthopädin und Unfallchirurgin stellt fest, dass Sylvia Rehses Kreuzband nicht komplett gerissen ist. Eine OP ist überhaupt nicht nötig, meint Seifert: "Wenn man gut Krankengymnastik macht, das Knie beübt und vor allen Dingen die Muskeln aufbaut, ist es sehr häufig so, also in 80 Prozent der Fälle, dass wir diese Kniegelenke nicht operieren müssen."

Operateure bei der Arbeit
Die OP-Zahlen steigen stetig

Das ist kein Einzelfall. Sascha Pöppel, Familienvater aus Bad Homburg, hatte einen schweren Bandscheibenvorfall. Arbeiten und sogar laufen war unmöglich. Auch sein Arzt rät sofort zur OP. Für den 30jährigen geht das alles zu schnell. Er will eine zweite Meinung und stellt sich im Schmerzzentrum Rhein-Main vor. Das Team hier ist sich einig, dass eine OP sich umgehen lässt mit einer Intensivbehandlung: Physio- und Schmerztherapie, psychologische und ärztliche Betreuung. Pöppel erzählt: "Als ich dann hier angefangen habe, ist es Stück für Stück immer besser geworden. Ich habe eigentlich schon nach drei Wochen gemerkt, es geht mit dem Bewegen ohne Schmerzen."

"Der ökonomische Druck ist da"

Solche Erfolge haben sie hier bei 90 Prozent der Fälle mit OP-Empfehlung. Die ärztliche Zweitmeinung hat Sascha Pöppel und Sylvia Rehse vor einer unnötigen OP bewahrt. Diese Chance nutzen noch viel zu wenige. Das ist fatal, denn der ökonomische Druck in Kliniken wird immer größer. Wird auch deshalb zu viel operiert? Genau das hat der Gesundheitsökonom der Universität Duisburg-Essen, Prof. Jürgen Wasem, 1.400 Chefärzte gefragt.

Zweitmeinungsverfahren orthopöädische OP
Zweitmeinungsverfahren orthopöädische OP - eine Meinung

Die Antworten sind alarmierend. 39 Prozent geben zu, in ihrem Fachbereich wird aus wirtschaftlichen Gründen zu viel operiert. In der Orthopädie sagt das sogar fast jeder zweite Arzt, sagt Wasem: "Da wo es Grauzonen gibt, da wo man abwägen kann, ob man noch wartet und es sich eventuell von selbst erledigt oder ob man operiert. Da ist auf jeden Fall der ökonomische Druck da. Lieber rasch operieren als gar nicht.

Zweitmeinungsverfahren Orthopädie
Zweitmeinungsverfahren Orthopädie - zwei Meinungen, weniger OPs

So laufen die Fallzahlen völlig aus dem Ruder. Jedes Jahr wird mehr operiert. Die Gründe sind oft fragwürdig. So ist offenbar der Wohnort dafür entscheidend, wie schnell ein Patient unters Messer kommt, oder nicht. Zum Beispiel das Knie: Patienten in Berlin erhalten halb so oft ein künstliches Knie wie in Bayern. Und das Beispiel Wirbelsäule: Am seltensten finden OPs in Sachsen statt. Absoluter Spitzenreiter ist Hessen, hier landen die Patienten mehr als doppelt so oft im OP. Der Gesundheitsökonom erklärt: "Das ist sicherlich nur zum kleineren Teil medizinisch bedingt. Da spielen ökonomische Anreize auch eine Rolle."

Die Politik zieht die Reißleine

Diesem Vorwurf ist auch Prof. Reinhard Busse, Gesundheitsökonom an der TU Berlin, nachgegangen. Er stellt fest: Ob operiert wird oder nicht hängt ganz offensichtlich auch davon ab, was die Klinik bei der Kasse abrechnen kann: "Dass nämlich da, wo die Vergütung überproportional gestiegen ist, sind auch die Fallzahlen überproportional gestiegen." Und umgekehrt.

Zweitmeinungsverfahren Rücken - eine Meinung
Zweitmeinungsverfahren Rücken - eine Meinung

Zu viel, zu oft, zu schnell operiert – jetzt zieht die Politik die Reißleine mit einer Zweitmeinung vor planbaren OPs von einem neutralen Arzt, der sämtliche Behandlungsmöglichkeiten kennt. Krankenkassen, die Zweitmeinungsverfahren schon anbieten, zeigen eindrucksvoll, wie groß der Effekt sein kann. Wird vor orthopädischen OPs ein zweiter Arzt befragt, wird der Eingriff zu 60 Prozent nachhaltig vermieden. Noch dramatischer sind die Zahlen beim Volksleiden Rücken. Beurteilt hier ein zweiter Arzt den Fall, wird nur noch jeder zehnte Patient operiert. Die Gewinner sind Patienten und Krankenkassen.

Zweitmeinungsverfahren Rücken
Zweitmeinungsverfahren Rücken - zwei Meinungen, weniger OPs

Florian Lanz vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen GKV erklärt: "Eine OP ist teurer als Krankengymnastik beispielsweise. Das heißt, die Beitragszahler, Sie und ich, die am Ende das Ganze über unsere Kassenbeiträge zahlen müssen, auch unser Geld wird dadurch gespart." Zum Vergleich: Eine Bandscheiben-OP kostet meist rund 7.000 Euro. Für eine nachhaltige Rundum-Behandlung mit Physio-, Schmerztherapie und Facharzt sind im Schnitt knapp 3.000 Euro fällig. Das sind enorme Mehrkosten bei OPs.

Die Patienten müssen mitziehen

Jetzt greift die Politik ein. Ohne Gesetz geht es offenbar nicht. So gilt ab Januar für OPs, die besonders häufig stattfinden: Jeder Patient hat das Recht auf eine Zweitmeinung, die Kassen bezahlen sie und die Ärzte müssen darauf hinweisen. Für Julia Seifert vom deutschen Chirurgenverband ist das schon jetzt selbstverständlich, aber manche Ärzte werden umdenken müssen, sagt die Vize-Präsidentin des Berufsverband der deutschen Chirurgen: "Es ist ein bisschen eine Mentalitätsfrage, wie man groß geworden ist in der Chirurgie. Ja, das muss man lernen, das ist eine Kultur, die sich bilden muss."

Das gilt auch für die Patienten. Sylvia Rehse und Sascha Pöppel haben es vorgemacht. Sylvia Rehse erzählt: "Ich würde das immer wieder genauso machen." Und Sascha Pöppel meint: "Ich würd das auch jedem empfehlen, sich einfach mal eine Zweitmeinung einzuholen und sich nicht direkt unters Messer zu legen."

Weniger unnötige OPs – das ist nur zu schaffen, wenn die Patienten mitziehen. Auch sie haben es jetzt in der Hand.

Autor: Katja Sodomann

Stand: 13.10.2015 10:40 Uhr