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Gravierende Unwetter – die Angst vor der plötzlichen Flut

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Gravierende Unwetter - die Angst vor der plötzlichen Flut | Video verfügbar bis 29.06.2017

Starkregen beschädigte in den vergangenen Wochen das Hab und Gut vieler Menschen. Welche Möglichkeiten gibt es künftig noch, sein Eigentum dagegen abzusichern?

Seit Wochen bestimmen heftige Gewitter und sintflutartige Regenfälle das Wetter in großen Teilen Deutschlands. Die Schäden, die durch den plötzlichen Starkregen angerichtet werden, gehen in die Milliarden. Gut, wer dann wenigstens eine Versicherung hat, die einspringt. Doch die zu finden, wird immer schwieriger. Viele Betroffene stehen nach der verheerenden Wasserflut allein vor den Trümmern ihrer Existenz.

Dunkle Wolken über dem Rheinland
Die jüngsten Unwetter verursachten große Schäden.

So auch die Familie Dresen aus Wachtberg in der Nähe von Bonn. "Wir hatten schon mal einen Hochwasserschaden 2013 und  haben allen Mut zusammengefasst und gesagt, komm wir schaffen das, wir bauen das noch einmal neu auf", sagt Lisa Dresen. "Wir waren jetzt auch fast fertig, und dann kommt man am nächsten Tag hierhin, sieht wie alles kaputt ist." Lisas Schwester Julia war alleine im Haus. Sie ist froh noch zu leben. Das Wasser war schon im Haus, als sie den Hund rettete. Das Hab und Gut der Familie ist weg. Selbst Kleidung haben Freunde gespendet. Das Haus – einsturzgefährdet.

Viele Kommunen haben Problematik unterschätzt

Hohe Temperaturen und viel Wasserdampf in der Luft begünstigen die Wetterlage für gewaltige Gewitter. Wassermassen suchen sich ihren Weg quer durch die Stadt und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Und es wird mehr: "Auch im Flachland muss man mit Starkregen rechnen. In den nächsten 30, 40 Jahren wird durchaus von einer deutlichen Verstärkung dieses Starkregengeschehens gesprochen", sagt Andreas Becker vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

Überflutete Straßen
Durch den Starkregen standen Ende Mai ganze Straßenzüge unter Wasser.

Noch nie gab es so viele Schäden in so kurzer Zeit, sagt die Versicherungsbranche. Ende Mai und Anfang Juni seien in zwei Wochen Schäden von rund 1,2 Milliarden Euro verursacht worden. Im gesamten Jahr 2015 seien es zwei Milliarden Euro gewesen. Das sind nur die versicherten Schäden. Der gesamtwirtschaftliche Schaden dürfte den Experten zufolge deutlich höher ausfallen.

Ein Grund: Viele Kommunen haben das Problem völlig unterschätzt. Dabei müssten gerade sie viel mehr machen. "Die Kommunen haben eine große Verantwortung, weil hier zum Beispiel die Bauweise von Tiefgaragen entschieden wird oder auch der Verlauf von Straßenzügen. Auch das Thema Versiegelung ist natürlich etwas, das in kommunaler Hand auch entschieden wird", sagt Barbara Köllner vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz.  Stärkeres Engagement scheitere aber häufig an den knappen Kassen. Familie Dresen hat nach dem letzten Starkregen selbst teure Schutzmaßnahmen getroffen. Vergeblich. Das Haus ist nicht mehr bewohnbar. Der Schaden wird auch nicht ersetzt. Denn eine Versicherung hatten sie nicht. Nicht das sie keine gewollt hätte. Laut der Familie hätte die monatliche Rate aber 700 € und die Selbstbeteiligung 40.000 Euro betragen. Für die Dresens nicht zu stemmen.

Sind Gebäude schwerer zu versichern?

Fest steht: Die Versicherer kalkulieren ihr Risiko sehr genau. Sie haben ein sogenanntes Zonierungssystem für Überschwemmungen entwickelt: Das teilt alle Gebäude hausnummerngenau in vier Gefährdungsklassen ein. Eins ist die risikoärmste, vier die risikoreichste Zone, in denen Überschwemmungen statistisch gesehen einmal in zehn Jahren auftreten. In einer Stichprobe kam die Verbraucherzentrale in Rheinland-Pfalz zu eindeutigen Ergebnissen: Wer in Risikozone vier lebe, habe es immer schwerer sich gegen Elementarschäden zu versichern. Und: "Ein Haus was immer bisher in Zone eins geführt wurde und auch nach Ansicht der Versicherung völlig ungefährdet war, hat nun nach einem unvorhersehbaren Starkregen plötzlich eine Bachzone zusätzlich bekommen, ist damit bei einem Drittel der Gesellschaften überhaupt nicht mehr versicherbar", so Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Geröll in Braunsbach
Nach dem Unwetter: Geröll, beschädigte Autos und zerstörte Häuser bleiben zurück.

Das weist der Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) entschieden zurück. Allerdings gibt auch er an: "In den höchstgefährdeten Überschwemmungsgebieten kann es Gebäude geben, bei denen der Versicherungsschutz schwierig oder unwirtschaftlich ist." (Quelle: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft)

Deutschlandkarte für Starkregen

Wie aber will man Gefährdungsgebiete für Starkregen identifizieren? Er kann eigentlich überall auftreten. Trotzdem arbeiten der Deutsche Wetterdienst und der GDV an einer Deutschlandkarte für Starkregen. Mit Hilfe von Radardaten. Ob die Versicherungswirtschaft diese Daten nutzen wird um später höhere Prämien durchzusetzen? Im Naturgefahren-Report des GDV heißt es vielsagend: "Ein […] Ziel der Forschung ist, den risikogerechten Versicherungsschutz für Starkregen zu optimieren."

Verbraucherschützer interpretieren das so: "Das kann keine Prognosekarte sein. Ich kann doch nie sagen dort und dort wird es Starkregen geben", sagt Wortberg. "Ich kann höchstens vermuten, dass man damit Zahlen schaffen will, auf deren Basis man sagt, dass man andere Prämienberechnungen durchsetzen kann."

Tornados in Schlewsig-Holstein
Experten rechnen zukünftig mit extremen Wetterlagen.

Julia und ihre Familie wollen das Haus und das Grundstück aufgeben. Aber sie wollen was für ihre Nachbarn tun: "Für mich wäre eigentlich das schönste, wenn man die Fläche nutzen kann und ein Rückhaltebecken auffängt, dass dann 20 Leute weiter im nächsten Dorf quasi gerettet sind", sagt Julia Dresen.

Die Kommunen sind gefragt. Die nächste Sturzflut kann jederzeit kommen.

Autoren: Sejla Didic-Pavlic und Sonja Kolonko

Stand: 15.08.2016 18:29 Uhr

Sendetermin

Mi, 29.06.16 | 21:55 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.