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Autoindustrie: Schwierige Beziehung zwischen Lieferanten und Konzernen

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Druck in der Automobilbranche | Video verfügbar bis 31.08.2017
VW-Logo vor dunklen Wolken.
Wie steht es um die Beziehung zwischen Lieferanten und Autokonzernen?

Der Streit zwischen VW und seinen Zulieferern hat klar gemacht, wie groß der Druck in der Automobilbranche ist. "Plusminus" zeigt, wie sich über die Jahre die Beziehung zwischen Lieferanten und Autokonzernen verändert hat.

Ein sonnendurchfluteter Besprechungsraum, weder Klimaanlage noch Getränke bei 35 Grad im Schatten – ein anonymer Autolieferant schildert seine Erlebnisse mit den Autoherstellern. Dass Zulieferer bei Verhandlungen mit Herstellern oft Nerven wie Drahtseile brauchen, bestätigen "Plusminus" auch weitere Insider.

Demnach würden Autokonzerne beispielsweise mehrere potenzielle Lieferanten gleichzeitig in unterschiedlichen Räumen empfangen. Jeder soll für dasselbe Teil ein Angebot abgegeben. Das erste unterbreitete Angebot wird dem nächsten Anbieter präsentiert, der muss dann günstiger anbieten. Das Verfahren wird solange wiederholt, bis die meisten Bieter ausgestiegen sind. Wer in der ersten Runde am billigsten war, bekommt den Auftrag noch lange nicht, berichten Insider. Die Zulieferer müssten von vornherein ihre Kalkulation offenlegen. Ein Anbieter habe dann vielleicht günstige Fertigungskosten, ein anderer günstige Materialkosten. Daraus werde dann eine virtuelle Kalkulationen erstellt, die die verbliebenen Zulieferer als Zielpreis für weitere Verhandlungsrunden präsentiert bekommen, so der Insider.

Abgesehen von einzelnen großen wie Bosch oder Continental sind die meisten Zulieferer mittelständische Unternehmen. Oft hängt deren Existenz an einzelnen Aufträgen. Sie stehen dadurch extrem unter Druck. "Das Risiko ist, dass die Automobilhersteller es übertreiben und die Zulieferer wie Zitronen ausdrücken", so Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management. "Das kann die Stabilität der Zulieferer gefährden, so dass es dann zu einem Produktionsausfall kommt, aber auch die Qualität der Produkte reduzieren. Und wir sehen in der steigenden Anzahl von Rückrufen, dass manchmal an der falschen Stelle gespart wird."

Ein umkäpftes Geschäft

Ein harter Preiskampf, bei dem es für die Konzerne um Milliarden geht. Denn mittlerweile bleibt ohne die Zulieferteile kaum noch was vom Auto übrig. So produzieren die Zulieferer mehr als 75 Prozent des Autos, wie zum Beispiel Reifen, Felgen, Teile vom Getriebe und Motor. Im Werk der Autokonzerne  findet fast "nur noch" die Endmontage statt. Auch darum versuchen Autobauer, bei jedem Teil maximal zu sparen. Mehrere Insider berichten "Plusminus": Selbst mühsam ausgehandelte Preise stellen sie immer wieder in Frage. Laut einem Insider würden die Hersteller auch nach ein, zwei Jahren Vertragslaufzeit die Zulieferer mit günstigeren Preisen konfrontieren, mit dem Wunsch den Preis anzupassen. Andernfalls wäre der Hersteller gezwungen, den Auftrag anderweitig zu vergeben.

Bei dem Hersteller findet fast nur noch die Endmontage statt.
Bei dem Hersteller findet fast nur noch die Endmontage statt.

Kaum einer traut sich, sich zu wehren. Michael Militzer hat sich in einem besonderen Fall zur Wehr gesetzt. Er gründete und leitete einen Zulieferbetrieb, vertritt heute eine Thüringer Zulieferervereinigung und verklagte vor Jahren Ford. Der Konzern habe Pläne eines Bauteils – entwickelt von seiner früheren Firma – an Konkurrenten weitergereicht, um es billiger zu bekommen. "Ich hab nicht für möglich gehalten, dass man so weit geht", sagt Militzer vom Automotive Thüringen e.V. "Es hat wehgetan, es hat die Firma destabilisiert, es hat die Kennzahlen verändert, es war ein großer Auftrag und es war einfach unfair."

Ford muss seiner ehemaligen Firma Schadenersatz zahlen, urteilte zuletzt das Thüringer Oberlandesgericht – und zwar wegen "der unerlaubten Weitergabe von Systemdaten und Zeichnungen, die zu einem unerlaubten Nachbau [...] führten." Ford bestreitet den Vorwurf und strebt eine Revision des Urteils vor dem Bundesgerichtshof an.

Insgesamt zeigt sich, dass es mehr Probleme in der Branche gibt als seit dem Streit zwischen VW und seinem Zulieferer Prevent bislang öffentlich bekannt. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) sagt, es sei alle nicht so schlimm. Der Verband vertritt beide Seiten – Zulieferer und Hersteller. "Der Wettbewerb ist sehr hart", so Klaus Bräunig vom VDA. "Auf der anderen Seite ist diese Zusammenarbeit, diese Innovationspartnerschaft, weltweit einzigartig und weltweit die erfolgreichste. Davon profitieren Hersteller und Zulieferer."

Schlichter gewünscht

Ist der teils rüde Umgang mit den Zulieferern also der notwendige Preis des Erfolges? Es geht auch anders: "Ein Vorbildmodell ist sicherlich das japanische Zulieferermodell von sehr langfristigen vertrauensvollen Beziehungen", sagt Professor Stefan Bratzel, Center of Automotive Management. "Wo allerdings auch der Hersteller sehr intensiv die Kosten anschaut, aber man gemeinsam nach Kosteneinsparpotentialen sucht und sich am Ende auch die Profite teilt."

In Deutschland ist das – noch – anders. VW und Prevent sollen sich nun geeinigt haben, bei künftigen Konflikten eine Schiedsstelle anzurufen. Der Verein der Thüringer Automobilzulieferer fordert,  eine solche Institution als ständige Einrichtung für die ganze Branche. "Wir brauchen einen Schlichter, der in einer solchen Auseinandersetzung final entscheidet", sagt Mililtzer. Nach seiner Meinung gäbe es dann eine Instanz, die man anrufen könne, bevor ein Zulieferer sich gezwungen sieht, so unnötige Maßnahmen zu ergreifen, wie einen Bandstillstand zu verursachen.

Der Lieferstopp zweier Teilehersteller hatte die Produktion bei VW durcheinander gewirbelt.
Der Lieferstopp zweier Teilehersteller hatte die Produktion bei VW durcheinander gewirbelt.

Hat Prevent mit seiner Aktion nun wirklich die Machtverhältnisse verändert? Das Unternehmen darf VW ja angeblich sechs Jahre weiter beliefern. "Die Frage ist allerdings, ob Prevent sich langfristig damit wirklich einen Gefallen getan hat", so Professor Bratzel. "Ich denke nicht, dass noch Folgeaufträge von VW an Prevent gehen und die anderen Automobilhersteller werden sich auch überlegen, ob sie mit der Prevent-Gruppe wirklich vertrauensvoll zusammenarbeiten können."

Mehrere von "Plusminus" befragte Experten hegen solche Zweifel. In der Branche laufen sogar schon Wetten, wie lange Prevent tatsächlich noch für VW arbeiten darf.

Autoren: Herbert Kordes und Michael Houben

Stand: 23.11.2016 14:22 Uhr

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Mi, 31.08.16 | 21:45 Uhr
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Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.