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Fakten-Check – Wahrheit und Mythos in Griechenland

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Der komplette Fakten-Check | Video verfügbar bis 01.07.2016

1. Stimmt es, dass Deutschland von der Krise profitiert?

Faktencheck Griechenland
"Plusminus" checkt Fakten zur Schuldenkrise

Es stimmt: Gerade Wolfgang Schäuble kann sich für seinen Bundeshaushalt freuen. Denn seit Beginn der Finanz- und Euro-Krise spart Deutschland Geld, nämlich Zinsen, die es für seine eigenen Kredite zahlen muss. Die Zinsen der EZB sanken im Zuge der Krise, seit Juli 2008 von 4,25 Prozent auf derzeit 0,05 Prozent. Davon profitiert Deutschland. Ein positiver Effekt – erkannt und ausgerechnet hat ihn als Erster Jens Boysen-Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Jens Boysen-Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft erklärt:

»Durch die Schuld-Titel, die der Bund seit 2009 ausgegeben hat, wurden im Vergleich zum Vor-Krisenniveau 160 Milliarden Euro eingespart.«

160 Milliarden Euro Ersparnis, weil Deutschland seit Jahren als der sichere Hafen für internationale Großanleger gilt. Das ist die eine, überraschende Seite. Auf der anderen Seite bürgt Deutschland mit 85,2 Milliarden Euro für die griechischen Hilfsmaßnahmen. Und die sind wohl verloren. Aber was würde das bedeuten?

Dazu meint der Fachmann Hogrefe:

»85 Milliarden Euro sind sehr viel, das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber es ist, so wie Öffentliche Haushalte aufgestellt sind, ein verkraftbarer Betrag.«

Das Fazit lautet: Gut 85 Milliarden Miese, wenn Griechenland baden geht. Dagegen 160 Milliarden Plus seit Beginn der Euro-Krise. So gesehen profitiert Deutschland.

2. Stimmt es, dass Griechenland mit dem Euro nicht überleben kann?

Nein, das stimmt nicht. Das Überleben mit dem Euro kann auch den Griechen gelingen, wenn sie ihre Reformen weiter umsetzen. Keiner weiß das besser als Jürgen Matthes vom Institut der Wirtschaft in Köln. Sein Fazit: Bei Löhnen und Arbeitsmarkt sind die Griechen schon sehr weit.

Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln erläutert:

»In wirklich relevanten Bereichen hat Griechenland Schritte nach vorne gemacht. Wir haben Ende 2014 gesehen, dass das Wachstum zurückkehrte und die Aussichten für 2015 positiv waren.«

Der Vergleich mit den Krisenländern Spanien und Irland zeigt, dass es dort nach der Krise durch Reformen wieder leicht bergauf geht. Das gleiche Bild sehen wir bei Griechenland. Nach einem längeren Tal geht die Kurve nach oben auf 0,8 Prozent Wirtschaftswachstum 2014. Die Prognosen für 2015 sogar gehen sogar auf 3,5 Prozent.

Die Reformen zwischen 2010 bis 14 kontrolliert und protokolliert hat die sogenannte Troika. Ihre Bilanz: Von 353 Reformen hatte Griechenland 179 erfüllt, 174 stehen noch aus, darunter die wichtige Steuerreform. Griechenland sei auf gutem Weg, sagt auch Klaus Regling, Chef des Euro-Rettungsschirms.

Klaus Regling, Chef des Euro-Schutzschirms meint:

»Auch Griechenland hat eigentlich die Hauptanpassung schon gemacht. Das war schmerzhaft, die Wettbewerbsfähigkeit ist deutlich verbessert worden, weil die Einkommen und auch Pensionen um 30 Prozent gekürzt worden sind. Da muss gar nicht mehr so furchtbar viel passieren.«

Wohlgemerkt: Das gilt bis Ende 2014. Dann haben die Griechen gewählt und es kam mit Alexis Tsipras die neue Linksregierung an die Macht.

3. Stimmt es, dass es einen zweiten Schuldenschnitt längst gibt?

Richtig, antwortet der Experte Thomas Mayer. Er war früher Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Heute ist er Vordenker des Flossbach-von-Storch-Instituts in Köln.

Thomas Mayer, Flossbach-von Storch-Institut führt aus:

»Es wurden die Zinsen reduziert, die die Griechen zu zahlen haben und es wurden die Laufzeiten verlängert. Dieser zweite Schuldenschnitt ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt.«

Zur Erinnerung: Im März 2012 erreichen die Griechen den ersten Schuldenschnitt. Die Ersparnis beläuft sich auf 107 Milliarden Euro, indem alte durch neue Staatsanleihen ersetzt werden. Die sind nur noch die Hälfte wert. Ende 2012 folgt faktisch ein zweiter Schuldenschnitt bei der öffentlichen Hand. Die Tilgung der Kredite wird auf 30 Jahre bis 2045 gestreckt, und das zinsfrei bis 2022 und danach zum traumhaften Zinssatz von unter 2 Prozent.

Mayer erklärt:

»Über einen kalten Schuldenschnitt, also durch Zinsreduzierung und Laufzeitverlängerung, können sie die Griechen um 25 bis 30 Prozent entlasten.«

Mayers Rechnung: Bei den Hilfspaketen in Höhe von 183,4 Milliarden sparen die Griechen so satte 55 Milliarden Euro. So gesehen hat es den zweiten Schuldenschnitt längst gegeben.

4. Stimmt es, dass noch ärmere Euro-Länder für Griechenlands Schulden haften?

Die Antwortet ist eindeutig: ja. Griechenland ist nicht das Armenhaus Europas, sagt Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, er ist Experte für die wirtschaftliche Entwicklung der Euro-Ländern.

Ferdinand Fichtner, vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erklärt:

»Es gibt vielfach Länder, in denen es in einzelnen Punkten deutlich schlechter geht als in Griechenland.«

In Griechenland beträgt die Arbeitslosenquote in diesem Jahr 26,5 Prozent, das Durchschnitts-Einkommen liegt bei gut 1.360 Euro im Monat. Zum Vergleich gehen wir ins Baltikum, nach Estland. Dort liegt die Arbeitslosigkeit zwar nur bei 7,4 Prozent, aber die Menschen sind ärmer. Das Durchschnitts-Einkommen liegt bei 1.200 Euro. Dennoch bürgt jeder Este für griechische Kredite mit 534 Euro. Noch krasser sieht es in der Slowakei aus. Die Arbeitslosenquote beträgt 13,2 Prozent, das Durchschnittseinkommen ist mit 1.125 Euro sehr niedrig. Dennoch bürgt jeder Slowake mit 500 Euro für die Griechen.

Ferdinand Fichtner führt weiter aus:

»Gerade die osteuropäischen Staaten haben noch Schwierigkeiten. Sie sind noch im Übergangsprozess von Planwirtschaft zu Marktwirtschaft. Das bedeutet, dass Pro-Kopf-Einkommen, also die Kaufkraft, viel niedriger sind.«

Selbst in Spanien, einem stark krisengeplagten Land, sind die Rentner ärmer als in Griechenland. Die Arbeitslosenquote ist mit 24,5 Prozent ähnlich hoch, dafür beträgt das Durchschnittseinkommen 1.865 Euro. Und jeder Spanier bürgt mit 830 Euro für Griechenland, obwohl die Reformen ähnlich hart sind. Die tiefen Einschnitte auf dem Arbeitsmarkt sind für jeden einzelnen Spanier deutlich spürbar.

Stand: 17.07.2015 10:16 Uhr