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Zwangsprostituierte

In den Mühlen des Asylverfahrens

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Zwangsprostituierte: In den Mühlen des Asylverfahrens | Video verfügbar bis 14.10.2016

Unter den Flüchtlingen, die in Deutschland auf Asyl hoffen, sind auch Opfer von Zwangsprostitution. Afrikanische Frauen suchen Schutz bei deutschen Behörden. Doch ihre Asylverfahren können quälend lange dauern.

Eine junge Frau aus Nigeria sitzt im Besprechungsraum der Hilfsorganisation "Solwodi" in München. Sie möchte unerkannt bleiben, weil sie immer noch Angst vor ihren Peinigern hat. Wir nennen sie Amara. Noch als Jugendliche wurde sie von ihrer eigenen Familie an Menschenhändler verkauft. Die brachten sie nach Italien, wo sie zur misshandelt, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen wurde.

"Ich dachte, in Europa wird alles gut", sagt Amara. "Aber am Tag nach meiner Ankunft brachten sie mich zum Straßenstrich. Sie sagten nur: Du musst das machen, was die Mädchen machen. Ich verstand  das aber nicht. Dann ließen sie mich einfach stehen. Die Mädchen waren seltsam angezogen, seltsame Hosen, halb nackt. Als ich fragte, was los ist, lachten sie mich aus: Das ist Europa!"

Armut macht sie zur leichten Beute

Zehntausende Frauen aus Nigeria teilen Amaras Schicksal. Ihre Geschichte beginnt meistens in einem der Armenviertel des Landes, wo viele von weniger als einem Euro pro Tag leben müssen. Das macht sie zur leichten Beute für Menschenhändler. Manche werden von der eigenen Familie in deren Hände gegeben.

"Als ich älter wurde, hat meine Mutter mir gesagt, dass ich nach Europa gehen werde. Ich war so glücklich", sagt Amara. "Ich dachte: Europa, da wird mein Leben besser und auch für meine Familie wird sich alles ändern. Sie haben gesagt, ich soll dort babysitten."

Vor ihrer Abreise müssen die Opfer wie Amara in einer Voodoo-Zeremonie einen Schwur leisten. Das macht sie gefügig und schüchtert sie ein. Ihnen wird klar gemacht: Ihre Reise ist teuer – und wenn sie die Schulden nicht begleichen, stößt ihnen etwas zu.

Manche der Frauen werden mit dem Flugzeug nach Europa gebracht, viele werden auch auf die gefährliche Fahrt übers Mittelmeer geschickt. Mindestens 50.000 Minderjährige aus Nigeria gelangten auf diese Weise schon nach Europa. Dort stellen sich die Versprechungen auf ein besseres Leben und Arbeit als Babysitter oder Friseurin als Lügen heraus.

Zentrum der Zwangsprostitution: Italien

Nach ihrer Ankunft werden die Frauen in Bordellen oder auf dem Straßenstrich zur Prostitution gezwungen – kontrolliert von afrikanischen Zuhälterinnen. Auch in Deutschland sind solche Fälle bekannt. Das Zentrum der Zwangsprostitution ist jedoch Italien – und es werden immer mehr Opfer: Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der aufgegriffenen Frauen aus Nigeria dort um 300 Prozent an. Jede von ihnen muss unter dem Druck der Zuhälterinnen frei erfundene, riesige Summen für ihre Reise abarbeiten – oft an die 50.000 Euro.

Bei Amara war es sogar noch mehr: 70.000 Euro wollten die Menschenhändler von ihr. Als sie nach ihrem ersten Tag kein Geld vom Straßenstrich zurückbrachte wurde sie geschlagen und vergewaltigt. Danach war ihre Angst so groß, dass sie sich nicht mehr traute, ohne Geld zurückzukommen.

"Von den Freiern habe ich, 10, 20 oder 30 Euro bekommen. Und am Wochenende schaffst du zehn, vielleicht elf Freier am Tag", sagt sie.

Fünf Jahre hält sie durch. 40.000 Euro arbeitet sie ab. Einmal wird sie schwanger und muss abtreiben – denn schwanger sind die Frauen für die Menschenhändler wertlos. Dann flieht Amara in eine andere Stadt in Italien, jobbt als Babysitter. Sie lernt einen Mann kennen und wird schwanger mit Zwillingen. Doch ihre Peiniger tauchen wieder auf und bedrohen sie. Ein Bekannter rät ihr zu Flucht nach Deutschland. Sie kommt nach München.

Die Opfer sind schwer zu finden

Amara ist nicht die einzige, die hierher geflohen ist. In Flüchtlingsunterkünften hoffen die Frauen auf eine bessere Zukunft. Die Opfer der Menschenhändlern sind in mitten der Flüchtlingsströme. Sie brauchen spezielle Hilfe, doch es ist schwer sie zu finden. Gabi Höbenreich-Hajek von der internationalen Hilfsorganisation Solwodi in München betreut solche Frauen, die häufig hoch traumatisiert sind.

"Die Geschichten sind so dramatisch, dass man die nicht in einem Beratungsgespräch erfassen kann. Oft sind es 8 bis 10 Beratungssitzungen, in denen man dann die eigentliche Geschichte erfährt, denn aufgrund der schwere ihrer Schicksale, die sie hinter sich haben, sind sie nicht bereit, sich zu öffnen", sagt Gabi Höbenreich-Hajek.

Infobus Hilfsorganisation Solwodi
Infobus der internationalen Hilfsorganisation Solwodi

Dabei stehen ihre Chancen auf Asyl in Deutschland besser, wenn klar ist, dass sie Opfer von Menschenhändlern wurden. Zusammen mit Amnesty International und dem Münchner Flüchtlingsrat fährt Gabi Höbenreich-Hajek deshalb mit einem Infobus die Asylbewerberheime ab und spricht aktiv Frauen an, die ihr auffallen. Dabei stößt sieimmer wieder auf ein Problem: Die Sammelunterkünfte bieten leider wenig Schutz für Frauen und es gibt den Verdacht, dass Prostitution oder vielleicht sogar Zwangsprostitution dort weitergehen.

"Es hat mir mal eine Bewohnerin erzählt, dass sexuelle Dienstleistungen für 10 Euro angeboten werden", sagt Gabi Höbenreich-Hajek. "Verifizieren kann ich das nicht, weil niemand offen darüber sprechen würde."

Prostitution in Flüchtlingsunterkünften?

Aus Unterkünften in mehreren deutschen Städten wurden schon ähnliche Beobachtungen gemeldet. In München gingen bei der Polizei Hinweise aus der Bevölkerung dazu ein. Doch  die Ermittlungen liefen bislang ins Leere.

Wenn Frauen wie Amara über ihr Schicksal vor der Ankunft in Flüchtlingsunterkünften berichten, werden die Menschenhändler und Zuhälterinnen kaum gefasst.

Thomas Baumann, Polizeisprecher in München erklärt: "Die Fälle, die bekannt sind von Flüchtlingen, handeln meistens im Ausland oder der Täter sitzt im Ausland. Diese Fälle werden natürlich sehr ernst genommen und werden über die Staatsanwaltschaft auch an die Behörden im Ausland weitergegeben."

Quälendes Warten auf Schutz

Für Amara und andere Opfer beginnt hier derweil das Warten auf Asyl und Sicherheit. Bei Amara sind es jetzt schon zweieinhalb Jahre. Die Organisation Solwodi erlebt immer wieder, dass es lange dauern kann.

"Für die Klientinnen bedeutet dies, dass sie immer unsicher sind, dass sie immer Angst haben, dass unter Umständen doch kein Schutz gewährleistet wird", sagt Gabi Höbenreich-Hajek von Solwodi.

Wir fragen das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, warum bei Amara zweieinhalb Jahre nichts passiert ist? Das Amt sagt: ein Einzelfall. Sonst gehe es schneller:

"Das Asylverfahren ist wegen der zwischenzeitlichen zweimaligen Schwangerschaft und ihrem insgesamt labilen Gesundheitszustand als ein ganz besonderes Verfahren nicht mit den anderen Verfahren zu vergleichen."   

Für Amara geht das Bangen weiter, in Nigeria sieht sie keine Zukunft  mehr. Und wegen des Voodoo-Zaubers hat sie auch heute noch Albträume und Angst.

Bericht: Reinhard Weber, Wolfgang Kerler

Stand: 15.10.2015 09:11 Uhr