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Aktuelles Datum: 22.05.2012

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten

Sachbuch-Bestseller

Platz 10

Richard David Precht: "Wer bin ich und wenn ja wie viele"

"Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?" von Richard David Precht, Goldmann Verlag (Bild: Goldmann Verlag) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: "Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?" von Richard David Precht, Goldmann Verlag, ISBN: 978-3442311439 ]
Wie konnte aus diesem anspruchsvollen Überblick über zentrale Probleme von Philosophie und Hirnforschung einer der größten deutschen Sachbuch-Bestseller der letzten Jahrzehnte werden? Zum einen liegt es an Richard David Prechts Fähigkeit, die moralischen Kernfragen unserer Zeit bündig zu formulieren. Zum anderen aber auch an dem durch die allgegenwärtige schamlose Oberflächlichkeit und Seichtheit ausgelösten Brüllhunger der deutschen Öffentlichkeit nach Substanz.
(Goldmann, 398 Seiten, 14,95 €)

Platz 9

Joachim Fuchsberger: "Altwerden ist nichts für Feiglinge"

Zwar fällt es schwer, einer grundsympathischen Entertainerlegende wie Fuchsberger etwas übel zu nehmen, aber dies ist kein klar konzipiertes, durchgearbeitetes Buch, sondern ein ölig und anekdotenseelig angemachter Seniorenteller altbackenster Binsenweisheiten.
(Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, 19,99 €)

Platz 8

Kevin Dutton: "Gehirnflüsterer"

Dies ist der seltene Fall eines guten und interessanten Sachbuchs darüber, was bei einer gelingenden Überredung in unserem Gehirn genau abläuft. Aber leider ist dieses Buch durch eine misslungene Übersetzung seltsam verschwommen, thematisch unscharf, ja unverständlich geworden. Und das liest sich dann so: "Gab es tief im Urgestein der Überzeugungskunst verborgen, ein Elixier der Beeinflussung? Eine geheime Kunst, Menschen in eine Art 'Flipnosis' zu versetzen, sie quasi zu hypnotisieren und ausflippen zu lassen, sie um ihren Verstand zu bringen." Alles klar? Sobald dieses Buch auf Deutsch vorliegt, lasse ich mich gern überreden, es noch mal zu lesen.
(Angeblich deutsch von Klaus Binder und Bernd Leineweber, dtv, 320 Seiten, 14,90 €)

Platz 7

Margot Käßmann: "Sehnsucht nach Leben"

Zwölf Aufsätzlein der Ex-EKD-Vorsitzenden zu Themen wie Mut, Trost, Liebe und Geborgenheit versammelt dieses leider illustrierte Büchlein. "Ich denke, jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wo die eigenen Kraftquellen liegen", schreibt Margot Käßmann darin. Aus dem Mund einer FDP-Vorsitzenden klänge das akzeptabel, für eine protestantische Theologin aber ist das bis zur Selbstaufgabe lasch und opportunistisch: ein Offenbarungseid.
(Adeo, 176 Seiten, 17,99 €)

Platz 6

Thorsten Havener: "Denk doch, was du willst"

Wie Kevin Dutton schreibt auch Thorsten Havener über Methoden, andere Menschen tun zu lassen, was man will, und wie man sich gegen solche Manipulationsversuche durch Aufklärung schützt. Dabei ist Havener ganz klar im Vorteil, denn der studierte Dolmetscher schreibt auf Deutsch – und das auch noch meistens ziemlich witzig. Auch wenn nicht zu übersehen ist, dass dies schon das dritte und deshalb etwas aufgeblähte Buch zum Thema aus der Feder Haveners ist, habe ich daraus eine Menge gelernt.
(Wunderlich, 256 Seiten, 17,95 €)

Platz 5

Martin Wehrle: "Ich arbeite in einem Irrenhaus"

Das beste an diesem Buch ist sein Titel, allerdings sind Wehrles ausgedacht wirkende Fallgeschichten himmelweit entfernt von der schlagenden Eindringlichkeit der großen Romane zum selben Thema – zum Beispiel Joseph Hellers Meisterwerk "Was geschah mit Slocum?"
(Econ, 284 Seiten, 14,99 €)

Platz 4

Dieter Nuhr: "Der ultimative Ratgeber für alles"

So chaotisch dieses Buch auch konzipiert ist, Nuhrs Werk unterscheidet sich vom allgegenwärtigen Comedy-Trash durch seine unerwartete Formulierungskunst, etwa wenn er deutsche Spielplatzmütter als "ordnungspolitische Mächte" bezeichnet. So ein Einfall reicht, um einen ganzen Tag gute Laune zu haben.
(Lübbe, 460 Seiten, 12,99 €)

Platz 3

Heribert Schwan: "Die Frau an seiner Seite"

Heribert Schwan zeichnet das berührende Psychogramm einer als Zwölfjährigen von russischen Soldaten Vergewaltigten, die in ihrem Ehemann Helmut Kohl Halt im Leben sucht und findet, bis sie diesen Halt Ende der 90er Jahre wegen der Spendenaffäre verliert. Bemerkenswert faktenreich und stingent erzählt, schießt Heribert Schwan nur gegen Ende eine Spur übers Ziel hinaus, wenn er aus dem Gegenstand seiner Biographie eine heilige Hannelore zu machen versucht.
(Heyne, 320 Seiten, 19,99 €)

Platz 2

Gaby Köster und Till Hoheneder: "Ein Schnupfen hätte auch gereicht"

Gaby Köster hat vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten. Dafür gebührt ihr Mitleid. Nicht aber für dieses unsägliche, in der Stillage vulgären Dauergekreisches geschriebenen Buch, dessen Komik allein aus den zahllose Katachresen herrührt, also einem Metaphern-Mischmasch, etwa wenn Köster schreibt: "Er hat so manches Mal die Grenze des seelisch Ertragbaren mit mir ausgelotet, überschritten und hat mit Tränen bar bezahlt. So wie ich." Und ich.
(Scherz, 264 Seiten, 18,95 €)

Platz 1

Philipp Lahm und Christian Seiler: "Der feine Unterschied"

Bücher von und über Fußballspieler zählen nicht zu meinen Lieblingslektüren. Diese von der Boulevardpresse absurd skandalisierte, in Wahrheit routiniert sachlich geschriebene und harmlose Fußballerautobiographie hat aber einen geheimen Höhepunkt: Die Schilderung einer schwulen Liebeserklärung und wie Philipp Lahm Spekulationen über eine homosexuelle Beziehung in Köln begegnet. Allein diese Passage macht das Buch zu einer würdigen Abituraufgabe eines Deutsch-Leistungskurses, und Philipp Lahm erweist sich einmal mehr als genialer Abwehrspieler.
(Kunstmann, 269 Seiten, 19,90 €)

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 25.09.2011. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendetermin
So, 25.09.11 | 00:00 Uhr

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW