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Denis Scheck empfiehlt

Wolf Haas

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Denis Scheck empfiehlt ... "Verteidigung der Missionarsstellung" | Video verfügbar bis 25.09.2017
Wolf Haas
Wolf Haas

Der Roman, den ich Ihnen empfehlen möchte, ist die originellste Liebesgeschichte in deutscher Sprache seit Goethes "Werther". Er heißt "Verteidigung der Missionarsstellung" und stammt von dem Österreicher Wolf Haas, der mit seinen sechs Romanen um den Detektiv Simon Brenner vor einigen Jahren schon den deutschsprachigen Kriminalroman revolutioniert hat.

Dass Wolf Haas mit "Verteidigung der Missionarsstellung" übrigens nicht den in zwei Wochen zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse verliehenen deutschen Buchpreis erhält, ja es noch nicht einmal auf die Longlist dieses Preises geschafft hat, ist schlicht ein Skandal.

"Verteidigung der Missionarsstellung", Hoffmann und Campe
"Verteidigung der Missionarsstellung", Hoffmann und Campe, ISBN: 978-3-455-40418-0

Aber wirklich gute Romane setzen sich auch ohne Preise durch. Dieser ist so einer. Wolf Haas erzählt in "Verteidigung der Missionarsstellung" eine Liebesgeschichte und zugleich – wie Italo Calvino vor drei Jahrzehnten in "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" – eine Geschichte über die Liebe zum Erzählen. Es beginnt damit, dass ein wie ein Indianer aussehender junger Deutscher sich in London Hals über Kopf in die Verkäuferin einer Hamburgerbude verliebt – und zwar so sehr verliebt, dass er darüber glatt vergisst, dass er ja eigentlich Vegetarier ist.

Wir folgen diesem jungen Mann bis hierher nach Santa Fe in New Mexico auf der Spruensuche nach seinem Vater, besser gesagt, seinem Erzeuger, und stellen mit Erschrecken fest, dass, wann immer sich dieser Pechvogel verliebt, eine Seuche auszubrechen droht: BSE, Vogelgrippe, Schweinepest, Ehec – alle Epidemien scheinen Folgeerscheinungen der gefährlichen Liebschaften unseres Helden zu sein.

Wolf Haas kennt die typographischen Spielereien der Barockliteratur, zieht zugleich alle Register postmodernen Erzählens und inszeniert so eine Achterbahnfahrt von atemberaubender erzähltechnischer Rasanz, die ihren Höhepunkt in der Mitte des Romans findet, nämlich just, wenn eine Romanfigur beginnt, das Manuskript des bislang geschrieben Romans zu lesen.

Das Ergebnis ist eine Art literarisches Schwarzes Loch, das Buch verzehrt sich in immer kleinerer Typographie quasi bis zur Unlesbarkeit selbst, bis der Autor sein Werk mit dem Ausruf "Du blöder Hund!" um die Ohren gehauen bekommt.

"Verteidigung der Missionarsstellung" ist eine Liebesgeschichte, die Geschichte eines Mannes, der seinen Vater sucht und seine Tochter findet, und gleichzeitig eine hinreißende Geschichte über die Liebe zur Sprache. Dieses Buch enthält ein Maß an Weisheit wie alte Märchen über die Zauberkraft von Namen, das Geheimnis unserer Herkunft und das Versprechen unserer Zukunft.

Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie "Verteidigung der Missionarsstellung" von Wolf Haas, erschienen im Verlag Hoffmann und Campe.

Stand: 11.09.2013 14:18 Uhr