SENDETERMIN So, 25.11.12 | 23:35 Uhr

Atlas eines ängstlichen Mannes

Die Sehnsucht nach der Ferne, eine Reise einmal rund um den Planeten – der Österreicher Christoph Ransmayr lässt uns teilhaben an den großen und kleinen Wundern einer unendlich facettenreichen Welt.

Christoph Ransmayr

Christoph Ransmayr

Christoph Ransmayr entwirft uns in 70 autobiografischen Erzählungen ein Panorama, das den ganzen Erdball umfasst. In vierzig Notizbüchern hat er Material von seinen Reisen mitgebracht, die sich fast über ein halbes Jahrhundert verteilen. Nun will er uns davon berichten, voller Demut für das Erlebte. Dabei konzentriert sich der Schriftsteller allein auf das, was er selbst gesehen hat. Detailfreudig und beseelt schildert er seine Reiseabenteuer, Entdeckungen von Landschaften und Städten, Begegnungen mit Tieren und Menschen.

Es sind traurige und lustige Begebenheiten dabei, die Konfrontation mit Sterbenden, Augenblicke der Todesangst, aber auch Glücksmomente voller Lebensfreude. Ganz ohne Wehmut vermittelt Ransmayr im "Atlas eines ängstlichen Mannes" dem Leser, wie unbedeutend wir Menschen im Organismus der Natur sind und wie vergänglich im ewig währenden Weltenlauf.

Christoph Ransmayr, "Atlas eines ängstlichen Mannes"

Christoph Ransmayr, "Atlas eines ängstlichen Mannes", S.Fischer Verlag

Immer mehr Menschen reisen an immer mehr Plätze der  Welt. Keine Ecke auf unserem Globus, die noch nicht besucht wurde. Natürlich informiert sich der wagemutige Tourist vorher, was er sehen und erleben will und achtet sehr darauf, dass er nichts verpasst.

Ihm hilft dabei, vorher schon sicher zu stellen, dass  sein Unternehmen ein Erfolg wird: Freunde von Lonely Planet und Wikitravel haben vorher die Route für ihn erforscht, er braucht nur noch nachzureisen und kann sicher sein, alle Highlights zu erwischen.

Christof Ransmayr ist keiner von denen, die auch noch diese ausgetretenen Pfade bevölkern. Er ist ein Reisender, der die  Welt auf Kreuz- und Querpfaden erfahren will und dabei in offener Naivität sieht und hört und wirken lässt, was um ihn herum geschieht. Chile, Russland, die Osterinseln, Brasilien, die Arktis, Österreich – er ist mit dieser Methode schon viel rumgekommen. Spricht mit jedem, den er trifft oder der auf ihn trifft,  interessiert sich, nimmt auf, registriert. Stets bleibt er dabei im Hintergrund, lässt die Menschen unbeeinflusst handeln und die Dinge geschehen. Nie bewertet er, nie greift er ein. Kategorien wie gut, richtig, empfehlenswert, verbesserungswürdig,  Muss oder No Go gibt es bei ihm nicht.

Herausgekommen ist mit diesem Ansatz natürlich kein Reiseführer der besonderen Art, nach dem sich andere richten können. Das, was der Beobachter Ransmayr berichtet, ist nicht wiederholbar. Die hohe Attraktivität dieser Geschichten für uns Leser besteht darin, dass über unsere Welt auf so großartig-wundersame, intime und zurückhaltende Weise erzählt wird – der Leser genießt diese einmalige Chance und giert danach, immer mehr davon zu erfahren. Ransmayr ist ein brillanter Erzähler, ein Genauer, kein Übertreiber. Er lässt nur Wörter zu, die passen. Ransmayr erlebt, wir  können teilhaben. Ein Genuss!

Christoph Ransmayr ist ein oft grimmig dreinschauender, bald sechzigjähriger Österreicher, der mit  seinem Buch "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" bekannt wurde. Er reist viel, betätigt sich in diversen literarischen Richtungen und hat inzwischen viele Preise für seine Werke erhalten.

"Atlas eines ängstlichen Mannes" erscheint im S.Fischer Verlag.

Stand: 27.01.2013 23:31 Uhr