SENDETERMIN So, 25.11.12 | 23:35 Uhr

Keine Zeit wie diese

von Nadine Gordimer

Armut, Angst, Gewalt und Korruption – 20 Jahre nach dem Ende der  Apartheid seziert Nadine Gordimer die gesellschaftlichen Verhältnisse des modernen Südafrikas.

Nadine Gordimer

Nadine Gordimer

"Keine Zeit wie diese" – Nadine Gordimer beschreibt eine Zeit im Umbruch, die Zeit zwischen den Hoffnungen des Aufbruchs im historischen Kampf gegen das alte Apartheidregime und der Zukunft eines Landes, das im Chaos der politischen Verhältnisse seine Orientierung verliert. Im Mittelpunkt stehen eine junge Familie und deren sozialer Aufstieg in einer von Arbeitslosigkeit, Gewalt und Fremdenhass bedrohten Gesellschaft. Ihr Schicksal verknüpft sich mit den aktuellen politischen Ereignissen in ihrer Heimat.

Die Literaturnobelpreisträgerin zeichnet aus der Perspektive ihrer Protagonisten ein bedrückendes Portrait Südafrikas, dessen Einwohner trotz aller sozialen Errungenschaften durch die nach wie vor ungelösten Probleme desillusioniert sind. Am Ende steht die alles entscheidende Frage: Bleiben oder Gehen?

Nadine Gordimer, "Keine Zeit wie diese"

Nadine Gordimer, "Keine Zeit wie diese", Berlin Verlag

Jabulile ist die schwarze Tochter vom Stamme der Zulus, Steve der weiße Sohn eines Christen und einer Jüdin. Im gemeinsamen Kampf gegen das alte Regime lernten sie sich in Swasiland kennen und haben im Untergrund heimlich geheiratet. Außer ihrer Liebe zueinander verbindet sie nun der Wunsch nach einem sozialen Aufstieg, Jabulile  als Rechtanwältin und Steve als Chemiker an der Universität. Mit ihren beiden Kindern ziehen die ehemaligen Revolutionäre in ein Haus der Vorstadt, das früher von wohlhabenden Weißen bewohnt wurde.

Doch während Jabulile und Steve alles versuchen, ihren Kindern in Südafrika eine friedliche Zukunft zu sichern, scheinen die aktuellen Probleme ihrer Heimat immer größer zu werden: Korrupte Politiker, eine durch den Präsidenten Zuma ausgelöste verhängnisvolle Diskussion über die Bekämpfung von Aids, Landkäufe chinesischer Investoren, Studentenproteste, Analphabetismus, Massenarbeitslosigkeit und Fremdenhass. Mit den Flüchtlingsströmen aus Zimbabwe nehmen in der Metropole Johannesburg die sozialen Spannungen und das Elend in den Slums zu. Die Angst vor Gewalt durch die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich verunsichern das junge Ehepaar und lassen sie daran zweifeln, dass sich ihr Land auf dem richtigen Weg befindet.

Die Liebe der beiden ehemaligen Genossen im Kampf gegen die Apartheid gerät in Turbulenzen, als Jabulile davon erfährt, dass Steve seit einem Aufenthalt in London plant, mit der Familie nach Australien auszuwandern.  Schließlich ist auch Jabilule bereit, Freunde, Familie und ihre afrikanischen Wurzeln hinter sich zu lassen.

In "Keine Zeit wie diese" zieht Nadine Gordimer ein bedrückendes Resumée nach dem Sieg des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC). Seit 60 Jahren verarbeitet Nadine Gordimer in ihrem literarischen Werk auch eigene Erfahrungen. Die in Südafrika geborene Tochter jüdischer Eltern war seit ihrer Kindheit mit der Apartheidpolitik konfrontiert. Als Künstlerin hat sie sich später gegen Rassismus und für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung engagiert. Dem ANC trat sie bei, als dieser noch verfolgt wurde, weigerte sich aber mit der Begründung, in erster Linie Künstlerin zu sein, dort auch politische Verantwortung zu übernehmen. Obwohl die beiden Kinder Nadine Gordimers im Ausland leben und sie selbst vor einigen Jahren das Opfer eines Raubüberfalles wurde, hat sie nie daran gedacht, ihre Heimat zu verlassen.

So bleibt die vielfach dekorierte Schriftstellerin auch in ihrem neuen, 15. Roman eine aufmerksame und sensible Chronistin des gesellschaftlichen Wandels Südafrikas, das wie kaum ein anderes Land auf diesem Planeten mit den Herausforderungen der Globalisierung konfrontiert ist.

"Keine Zeit wie diese" erscheint im Berlin Verlag.

Stand: 28.01.2014 13:42 Uhr