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Denis Scheck kommentiert die Spiegel-Top-Ten

Belletristik-Bestseller

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Denis Scheck kommentiert die Spiegel-Top-Ten | Video verfügbar bis 17.06.2017

Buchcover "Ein plötzlicher Todesfall"

Buchcover "Ein plötzlicher Todesfall", Carlsen

Platz 10
Joanne K. Rowling: Ein plötzlicher Todesfall
Der erste Roman für Erwachsene von J.K. Rowling schildert den Wahlkampf um einen plötzlich freigewordenen Gemeinderatssitz in einer englischen Kleinstadt, und Rowling hat nach Harry Potter-Romanen sichtlich Spaß daran, neue Erzählformen auszuprobieren, neue Wortfelder zu beackern und neue Milieus zu schildern. "Ein plötzlicher Todesfall" ist ein nach meinen Maßstäben mehr als ordentlicher Unterhaltungsroman, auch, wenn er ein paar Seiten zu lang geraten ist. Die halbe Welt hat dieses Buch dennoch verrissen. Ich kann mir das nur durch literaturkritischen Sozialneid erklären.
(Deutsch von Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol, Carlsen Verlag, 576 Seiten, 24,90 €)

Buchcover "Abgeschnitten"

Buchcover "Abgeschnitten", Droemer

Platz 9
Sebastian Fitzek und Michael Tsokos: Abgeschnitten
Wenn Sie nach fast 400 Seiten am Ende dieses Gemeinschaftswerks eines erfolgreichen Rechtsmediziners und eines erfolgreichen deutschen Thrillerautors die Sätze lesen: "Mann, war das geil gewesen, in seine Augen zu sehen, als er das Messer spürte und wusste, dass er jetzt sterben würde. Stadler hatte immer noch einen Ständer.", dann wissen Sie, dass Erfolg nicht alles ist – weder im Leben noch in der Literatur.
(Droemer, 400 Seiten, 19,99 €)

Platz 8
Charlotte Link: Im Tal des Fuchses
Die Deutsche Charlotte Link schreibt in England angesiedelte Thriller, wogegen nichts zu sagen wäre. Schade nur, dass sie, vor allem in den hölzernen Dialogen, auch die englische Satzstellung zu übernehmen scheint, die abstruse Handlung enervierend dehnt und statt mit Figuren mit Klischees arbeitet. Bitte tun Sie nicht lesen diese dumme Buch!
(Blanvalet Verlag, 576 Seiten, 22,99 €)

Platz 7
David Safier: Muh
Die Handlung: Enttäuscht von einem untreuen Stier, büxt eine norddeutsche Kuh namens Lolle mit ihren besten Freunden nach Indien aus. Der Bezugsrahmen: Fleischkonsum ist leider nun einmal eine der wirklich harten philosophischen Fragen unserer Zeit, Safiers Behandlung des Themas frivol. Das Urteil: Dieser Roman ist nicht seicht, dieser Roman ist nicht mal eine Erwähnung im Wasserstandsbericht wert.
(Kindler, 336 Seiten, 16,95 €)

Platz 6
Carlos Ruiz Zafon: Der Gefangene des Himmels
Zafon erzählt in der zweiten Fortsetzung seines Weltbestsellers "Der Schatten des Windes" eine packende Rachegeschichte aus dem Barcelona der Franco-Zeit, für die "Der Graf von Monte Christo" Pate stand. Seine desillusionierten Protagonisten sagen schöne Sätze wie: "Die Fahnen kommen mir vor wie uralt riechende bunte Fetzen, und ich brauche bloß zu sehen, wer sich alles in sie hüllt und sich den Mund mit Hymnen, Wappen und Reden füllt, und schon krieg ich Dünnpfiff." Dennoch kreist diese hübsch bizarre phantastische Erzählmaschinerie letztlich um eine leere Mitte: literarische Zuckerwatte.
(S. FISCHER, 416 Seiten, 22,99 €)

Platz 5
Nele Neuhaus: Böser Wolf
Brüchig charakterisiert die Logik in diesem schlicht gestrickten Regionalkrimi um einen Päderastenclub aus der deutschen High Society wohl am treffendsten. Seine Probleme mit Ursache und Wirkung, Kausalketten und stringenter Argumentation äußern sich selbst auf Satzebene. "Sie hat die Schule abgebrochen, als sie fünfzehn war, und ging auf den Strich, um sich ihre Drogensucht zu finanzieren. Irgendwann landete sie im Milieu." Irgendwann? Und wo war sie bitte davor?
(Ullstein Hardcover, 480 Seiten, 19,99 €)

Platz 4
Ken Follett: Winter der Welt
Seit seinem Debut mit dem furiosen Spionagethriller "Die Nadel" zeigt die literarische Entwicklung von Ken Follett leider steil nach unten. Seine Ritter-Rost-Mittelalterromane können mich ebenso wenig überzeugen wie dieser Mittelband einer Trilogie, in der Follett versucht, das ganze gewaltgesättigte 20. Jahrhundert ausgerechnet in Form dreier Familiengeschichten zu erzählen. Diese Inkongruenz zwischen gewähltem Stoff und Form ist so naiv, als wollte man einen Ozeandampfer bauen, indem man ein Gummiboot maßstabsgetreu vergrößert.
(Deutsch von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher, Bastei Lübbe, 1024 Seiten, 29,99 €)

Platz 3
Tommy Jaud: Überman
Ein Mann wird zum Millionär durch Verkauf einer Website, verliert alles wieder durch eine Fehlspekulation mit rumänischen Waldanleihen und wird kurz vor Weihnachten mit einer größeren Steuerschuld konfrontiert. Wenige Tage verbleiben ihm, auf die Schnelle einen Haufen Geld zu verdienen. Tommy Jaud zeigt den cholerischen Kleinbürger als rasenden Roland, als randalierenden Choleriker, und Jaud weiß, dass Timing für Komik alles entscheidend ist. Entstanden ist ein fast akzeptabler Roman, aber eben nur fast. Jauds selbstverliebte Wiederholungen von Worterfindungen wie "Brillenhobbit" oder Stammtisch-Witzischkeiten wie "Vollhorst" oder "Spaßpräsident" nerven.
(Scherz Verlag, 368 Seiten, 16,99 €)

Platz 2
Timur Vermes: Er ist wieder da
Der Erfolg dieses Romans scheint mir eher in seinem Packaging als in seinen literarischen Qualitäten zu liegen. "Er ist wieder da" treibt müde Scherze mit einem im Deutschland der Gegenwart wiederauferstandenen Adolf Hitler. Leider bleibt der Humor pubertär, die politische Phantasie bräsig, der erhobene Zeigefinger allgegenwärtig. Unterm Strich ist dieses Buch ein Produkt eben jener zynischen Medienindustrie, die es vermeintlicht anprangert.
(Eichborn Verlag, 400 Seiten, 19,33 €)

Platz 1
P. C. Cast: Verloren (House of Night 10)
Die von einem amerikanischen Mutter-Tochter-Autorenteam verfasste "House of Night"-Serie erzählt Hanni-und-Nanni-Geschichten um Freundschaft, erste Liebe und Liebesverrat in den Kulissen eines Vampir-Internats. Auch wenn diese bereits zehnte Fortsetzung nun wirklich keinerlei literarische Ansprüche erhebt, müsste sich die Prosa ja nicht unbedingt lesen wie mit dem Faustkeil geschrieben. Gereimte Zaubersprüche etwa klingen so: "Kinder ihr kennt mein Begehr ! / Fallt über diesen Mann her / Und saugt sein unsterbliches Blut / Mehr und mehr und mehr!" Weniger ein Roman als ein Unfall.
(FISCHER FJB, 496 Seiten, 16,99 €)

Stand: 27.12.2012 13:32 Uhr

Sendetermin

So, 16.12.12 | 23:35 Uhr