SENDETERMIN So, 25.11.12 | 23:35 Uhr

Denis Scheck kommentiert die Spiegel-Top-Ten

Sachbuch-Bestseller

Platz 10
Greg Smith: Die Unersättlichen
Zwölf Jahre hat der Südafrikaner Greg Smith für Goldman Sachs an der Wall Street gearbeitet und gelangt nun zu dem überraschenden Befund: denen geht's doch nur um unser Geld! Greg Smith mit seinem unfreiwillig komischen Insider-Enthüllungsbuch allerdings auch. Wer Tugend und hohe moralische Standards bei Investmentbankern erwartet, geht im Bordell auf die Suche nach Unschuld.
(Deutsch von Petra Pyka, Christoph Bausum und Thorsten Schmidt, Rowohlt Verlag, 368 Seiten, 19,95 €)

Platz 9
Philippe Pozzo di Borgo: Ziemlich beste Freunde
Ein bewegendes, ein kitschfreies Buch von einem sehr privilegierten, sehr bedauernswerten Mann über das, was im Leben wirklich wichtig ist: Liebe, Freundschaft, Mut und Zuversicht im Bewusstsein von Krankheit und Tod.
(Deutsch von Dorit Gesa Engelhardt, Bettina Bach und Marlies Ruß, Hanser Berlin, 14,90 €)

Platz 8
Manfred Spitzer: Digitale Demenz
Manfred Spitzer, der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, ist mit diesem Sachbuch über die vermeintlich desaströsen Nebenwirkungen der Computerisierung unserer Lebenswelt ein Paradebeispiel dafür, wie die Überspitzung einer an sich bedenkenswerten These auch kluge Menschen in dämliche Vereinfachung treibt. Sicher ist es eine gute Idee, Computer- und Internetnutzung insbesondere von Kindern einzuschränken. Aber die pauschale Verteufelung von Computer und Internet, wie sie Spitzer hier betreibt, erinnert doch fatal an jene Warnungen von Medizinern im 19. Jahrhundert, die Eisenbahnfahrten mit Geschwindigkeiten von über 30 Stundenkilometern als für das menschliche Hirn unaushaltbar ablehnten.
(Droemer, 368 Seiten, 19,99 €)

Platz 7
Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo: Verstehen Sie das, Herr Schmidt?
Was Wum und Wendelin für die 70er Jahre waren, sind Altkanzler Schmidt und der "Zeit"-Chefredakteur di Lorenzo für das Deutschland der Gegenwart: launige Kommentatoren des Weltgeschehens, nicht immer ganz nachvollziehbar, aber sehr, sehr knuffig. (Wum-Kuss)
(Kiepenheuer&Witsch, 272 Seiten, 16,99 €)

Platz 6
Peter Scholl-Latour: Die Welt aus den Fugen
Achtung, dies ist keine der großen Reisereportagen des brillanten Welterklärers Peter Scholl-Latour, sondern lediglich eine chronologisch angeordnete Abfolge von Interviews, Kommentaren und Texten zu Fernsehdokumentationen. Der Preis für diese Zweitverwertung eigener Schriften ist Redundanz und mangelnde Stringenz. Aber selbst noch in seinen Gelegenheitsarbeiten bietet der 88-jährige Peter Scholl-Latour profunde historische Einsichten, breites Faktenwissen und stichhaltige politische Analysen. 
(Propyläen Verlag, 400 Seiten, 24,99 €)

Platz 5
Rolf Dobelli: Die Kunst des klugen Handelns
In dieser unterhaltsamen Fortsetzung seines ersten Bestsellers legt der Schweizer Rolf Dobelli wieder die Wurzeln unseres vermeintlich rationalen Handelns im Irrationalen frei. 52 Kurzkapitel enttarnen jeweils eine kuriose Abseitsfalle unseres Denkens – von der "Angst vor Reue" bis zur "Neomanie", die dafür sorgt, dass wir Gutes gegen Neues tauschen.
(Hanser, 248 Seiten, 14,90 €)

Platz 4
Florian Illies: 1913: Der Sommer des Jahrhunderts
Das Ende des langen 19. Jahrhunderts erzählt Florian Illies in einer Kette von Anekdoten über ein Figurenensemble, das von Charlie Chaplin über Franz Kafka bis Adolf Hitler reicht und dessen Handeln im Jahr 1913 ein wunderbares Stroboskoplicht auf die kulturelle Pracht der Epoche und das Grauen der Zukunft wirft. Mein Lieblingseintrag, verzeichnet im März 1913 auf Seite 85: "Rainer Maria Rilke hat Schnupfen." Kein historisches Meisterwerk, dafür sind diese Tweets eines Jahres einfach zu unterkomplex, aber ein kurzweiliges Buch.
(S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 19,99 €)

"Die Kunst des klaren Denkens" von Rolf Dobelli, Carl Hanser Verlag

"Die Kunst des klaren Denkens" von Rolf Dobelli, Carl Hanser Verlag, ISBN: 978-3446426825

Platz 3
Rolf Dobelli: Die Kunst das klaren Denkens
Rolf Dobelli veranstaltet in dieser ersten Sammlung seiner Zeitungskolumnen ein amüsantes und erkenntnisträchtiges Gehirnjogging für Fortgeschrittene.
(Carl Hanser Verlag, 256 Seiten, 14,90 €)

Platz 2
Heinz Buschkowsky: Neukölln ist überall
Zum Stichwort bildungsferne Parallelgesellschaft fällt mir seit vielen Jahren als erstes immer Deutscher Bundestag ein. Ich tat mich zunächst schwer mit diesem Buch des Berliner Bezirksbürgermeisters Buschkowsky, was auch am Titel lag, den ich mit Verlaub nach wie vor für schlicht schwachsinnig halte: der Berliner Stadtteil Neukölln ist in Deutschland genauso wenig "überall" wie X das neue U oder Schwarzweiß das neue Bunt ist. Dennoch: Dies ist ein differenziert argumentierendes, faktenreiches und mit vielen Beispielen zum Selberdenken einladendes Buch zur Integrationsdebatte, dessen Höhepunkt auf Seite 138 bis 153 die Schilderung eines Besuchs Buschkowskys bei Thilo Sarrazin und seinem Kater ist. Sicher: Buschkowskys Thesen über Hartz IV als Lebensstil sind ein Aufreger, und gewiss werden sich auch manche Menschen über mein Lob für dieses Buch von Heinz Buschkowsky aufregen. Hier gilt: Erst lesen, dann maulen.
(Ullstein Hardcover, 400 Seiten, 19,99 €)

Platz 1
Manfred Lütz: Bluff! Die Fälschung der Welt
Wer den Tod verdrängt, verpasst sein Leben, sagt der Psychiater Manfred Lütz und listet in flottem Trab durch die modernen Erfahrungsräume und Wissenswelten auf, wie etwa Castingshows und Esoterikschwurbler, Gesundheitsapostel, Körperkultler und Finanzjongleure durch immer raffinierte Täuschungsagenturen und Verdrängungssysteme an der Fälschung unserer Welt arbeiten. Als Alternative empfiehlt der gläubige Christ Lütz die katholische Kirche. Was soll ich als agnostischer Leser dazu sagen außer Ja und Amen?
(Droemer, 189 Seiten, 16,99 €)

Stand: 26.11.2012 19:25 Uhr