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Während ich in den vergangenen Wochen die zehn meistverkauften Romane der Deutschen las, las die Welt ein Gedicht von Günter Grass. Die Welt hat schlecht, die Welt hat miserabel gelesen.
Die politischen Argumente sind ausgetauscht. Kein verständiger Mensch wird bestreiten, dass die Militärmacht Iran Israel bedroht – und die Drohungen der Atommacht Israel gegen den Iran und sein Atomprogramm ein Reflex darauf sind.
Literaturkritisch ist in dieser Debatte um ein Gedicht jedoch etwas passiert, was nicht unwidersprochen bleiben darf: Statt für die Freiheit des Wortes Partei zu nehmen, hat die deutsche Literaturkritik auf Staatsräson gepocht. Statt Abweichler in Schutz zu nehmen, hat man sich in Reihenschluss geübt. Statt ästhetische Maßstäbe anzulegen, hat man sie zugunsten eines politischen Verdikts über Bord geworfen – bis hin zur Abqualifizierung des Gedichts als "ekelhaft" durch Marcel Reich-Ranicki, als sei dies eine literarische Kategorie. Dem deutschen Dichter Durs Grünbein fiel in all seiner Sprachgewalt ein subtiles "Weg du, Günter Grass!" ein. Und von Henryk M. Broder konnte man lernen: "Antisemiten suchen die Nähe der Juden, fühlen sich ihnen verbunden - etwa so, wie Kannibalen von Frischfleisch angezogen werden." Auf diese Weise lässt sich jeder als Antisemit denunzieren. Das ist die Logik von George Orwells "Animal Farm". So läuft er, der typisch deutsche Ausgrenzungsdiskurs.
Keinem Abiturienten hätte man solche grotesken Unterstellungen, böswilligen Fehlurteile und absurden Konjekturen durchgehen lassen wie die, die über Grass' Gedicht in vielen Medien verbreitet wurden. Der Sturm des Unsinns gipfelte in der literaturwissenschaftlich schlicht unhaltbaren Behauptung, "Was gesagt werden muss" sei überhaupt kein Gedicht. Es mag ein schlechtes, es mag ein inopportunes Gedicht sein. Aber es ist nun mal ein Gedicht, ob es uns passt oder nicht, und zwar eines von enormer tagespolitischer Wirksamkeit. Vier der zehn Bestseller in diesem Monat handeln von inszenierten Menschenhatzen. Vielleicht rührt daher mein Eindruck, mit der Debatte um Grass' Gedicht "Was gesagt werden muss" Zeuge der schwärzesten Stunde der deutschen Literaturkritik während meiner bisherigen Lebenszeit geworden zu sein.
Platz 10
Arne Dahl: "Gier"
Arne Dahl weitet seine Schwedenkrimis um Kerstin Holm und Paul Hjelm auf EU-Ebene aus und schildert, wie eine geheime Ermittlungseinheit bei Europol entsteht. Allerdings verheddert sich Arne Dahl dabei heillos in einem absurden Plot um die 'Ndrangheta, Umweltverbrechen in Lettland, China und Schweden und die wahren Hintergründe des 11. Septembers. Selten ließ sich so ein dramaturgisches Desaster im Kriminalroman bestaunen. Besonders übel stößt die angestrengte politische Korrektheit dieses Autors auf: Was dem 19. Jahrhundert der Wulstlippen-Neger war, ist Arne Dahl das freie Unternehmertum. "Der Kapitalismus hat alle und jeden regelrecht überrannt, und das wird er nicht überleben. Die Erde wird Feuer fangen ..." Auch Kapitalismuskritik kann zum Klischee verkommen.
(Deutsch von Antje Rieck-Blankenburg, Piper, 512 S. 16,99 €)
Platz 9
Jussi Adler-Olsen: "Schändung"
Armut adelt, Geld korrumpiert, Macht macht dumm – nirgendwo feiert dieser naive Katechismus so fröhliche Urständ wie in den skandinavischen Trittbrettfahrer-Krimis von Jussi Adler-Olsen. Dass die permanente Verwechslung von Ursache und Wirkung nicht ohne Folgen für den Stil bleibt, lässt sich diesem Thriller über die moralische Verwahrlosung von Angehörigen der dänischen Oberschicht an Sätzen zeigen wie: "Die Villa war von einem Vermögen erbaut worden, das aus dem Kaffeehandel stammte." Ein "mit" ist im Leben eben oft wichtiger als ein "von".
(Deutsch von Hannes Thiess, dtv, 464 S. 14,90 €)
Platz 8
Jussi Adler-Olsen: "Erlösung"
Derselbe Autor, dieselben kruden Moralvorstellungen, dasselbe gewaltpornografische Übermaß.
(Deutsch von Hannes Thiess, dtv, 592 S. 14,90 €)
Platz 7
Dora Heldt: "Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt"
An einer Stelle dieses Romans über eine Frau, die sich aus Angst vor ihrem 50. Geburtstag mit zwei Freundinnen in einem Wellnesshotel verschanzt, sitzt die Hauptfigur in einem Krankenhaus, blättert eine Illustrierte durch und denkt dabei: "Hochadel, Schauspielerinnen, Models, Horoskope, Mode, Make-up und Kreuzworträtsel, warum veränderten sich diese Zeitschriften eigentlich nie?" Die Frage ist berechtigt – muss aber auch unbedingt der einlullender Frauenliteratur á la Dora Heldt gestellt werden.
(Dtv, 336 S., 14,90 €)
Platz 6
Sarah Lark: "Die Tränen der Maori-Göttin"
Sarah Lark ist eine deutsche Autorin, die sich hinter einem englisch klingenden Pseudonym verbirgt. Ihr im Neuseeland um die vorletzte Jahrhundertwende angesiedelter historischer Schmöker ist recht solide gearbeitet – ja, in den Passagen über den unbekannten Flugpionier Richard Pearse geradezu faszinierend. Aber die Courths-Mahler-hafte Sprache Sarah Larks fällt der emanzipatorischen Absicht der Autorin immer wieder in den Rücken, etwa in Sätzen wie: "Es war ja Unsinn, auch nur zu hoffen, dass der erfolgreiche junge Arzt die Freundin seiner Nichte bemerken, geschweige denn ihr Avancen machen würde." Geht's schlimmer?
(Bastei Lübbe, 896 S, 15,99 €)
Platz 5
Jussi Adler-Olsen: "Das Alphabethaus"
Die Handlung dieser fast 30 Jahre umspannenden Kriegsgeschichte albern zu nennen, wäre noch ein Kompliment. Adler-Olsons andere beiden Romane auf dieser Bestsellerliste sind schlecht, sein in Dänemark bereits vor 15 Jahren veröffentlichter Debütroman um Nazi-Offiziere, die sich als Simulanten in einer SS-Psychiatrie bei Freiburg tarnen, ist tatsächlich noch schlechter. Fast glaubt man beim Lesen zu spüren, wie sich das Papier unter der Druckerschwärze vor Scham windet.
(Deutsch von Marieke Heimburger und Hannes Thiess, dtv, 592 S. 15,90 €)
Platz 4
Suzanne Collins: "Die Tribute von Panem: Flammender Zorn"
(Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Klöss, Oetinger, 430 S., 17,90 €)
siehe Platz 1.
Platz 3
Suzanne Collins: "Die Tribute von Panem: Tödliche Spiele"
(Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Klöss, Oetinger, 414 S., 17,90 €)
siehe Platz 1.
Platz 2
Jonas Jonasson: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"
Eine amüsante historische Nummernrevue, das literarische Pendant zum Kinofilm "Forrest Gump": ein intelligenter Gute-Laune-Schmöker.
(Deutsch von Wibke Kuhn, Carl’s Books, 414 S., 14,99 €)
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Bildunterschrift:
Suzanne Collins: "Die Tribute von Panem – Gefährliche Liebe"
]
Platz 1
Suzanne Collins: "Die Tribute von Panem: Gefährliche Liebe"
Und damit zu Platz vier, drei und Platz eins:
Selten haben die Spitzenplätze der deutschen Bestsellerliste eigentümlichere Bücher eingenommen: "Die Tribute von Panem" erzählen von einer Zukunft, in der die Erinnerung an einen über 70 Jahre zurückliegenden Bürgerkrieg in Gestalt von Gladiatorenspielen lebendig gehalten wird: die sogenannten "Hungerspiele", für die die unterlegenen 12 Distrikte der Zukunftswelt jeweils einen Jungen und ein Mädchen zu entsenden haben, die auf Leben und Tod gegen die anderen kämpfen, bis nur einer übrig bleibt.
Der geniale Kniff von Suzanne Collins: Sie schildert die Hungerspiele ganz wie die leicht überdrehte Fortsetzung der glamourösen, auf erbärmlichstes Voyeurtum setzende Castingshows unserer Zeit und rückt damit das über Leichen gehende Rom der Gladiatorenarenen, die Zukunftswelt der Hungerspiele und unsere Gegenwart in eins. Auf diese Weise ist Collins eine brillante Zukunftsvision über unseren anscheinend unstillbaren Durst nach dem Blut des Andersdenkenden gelungen, ein kluger und spannender politischer Roman in Form des Jugendbuchs. Sollten Sie Ihre Kinder ertappen, "Die Tribute von Panem" zu lesen, freuen Sie sich. Sollten Ihre Kinder Sie bei der Lektüre von "Die Tribute von Panem" ertappen, dürfen sich Ihre Kinder freuen.
(Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Klöss, Oetinger, 431 S., 17,95 €)
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 29.04.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.