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Stephen Greenblatt

Stephen Greenblatt, "Die Wende" (Bild: Siedler Verlag) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: "Die Wende" von Stephen Greenblatt, Siedler Verlag ]
Wissen Sie, was ein Bücherjäger ist? Einen solchen stellt der Amerikaner Stephen Greenblatt ins Zentrum seines sensationellen, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buches "Die Wende." Sein Name: Poggio Bracciolini. Sein Beruf: Privatsekretär von Baldassare Cossa alias Papst Johannes der 23. Seine Leidenschaft: die Literatur der Römer und der Griechen. Seine Mission: in den vermufften Klösterbibliotheken nördlich der Alpen bislang unentdeckte Handschriften der Antike aufspüren.

Wir begegnen dem Bücherjäger Poggio in Stephen Greenblatts "Die Wende" im Jahr 1417 kurz vor der wichtigsten Entdeckung seines Lebens: einer Abschrift von Lukrez' "De rerum natura". Dieses aus dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung stammende Lehrgedicht über die Natur der Dinge ist ein Schlag ins Gesicht des herrschenden Christentums. Lukrez' Schrift wird zu einem entscheidenden Auslöser dessen, was spätere Jahrhunderte die Renaissance nennen werden: die Wiederentdeckung der Antike.

Sie enthält Botschaften, für die nicht Wenige in der Zukunft auf dem Scheiterhaufen brennen werden: Dass die Welt aus Atomen besteht. Dass der Kosmos keinen Schöpfer hat. Dass die Seele genau so sterblich ist wie der Körper und dass es daher auch kein Leben nach dem Tod gibt. Dass die Menschen weder einzigartig sind noch dass sich das Universum um sie dreht. Dass Religionen ein grausamer organisierter Schwindel sind. Und dass es im Leben darum geht, das Leiden zu verkleinern und den Genuss zu steigern.

Spannend und mitreißend wie Umberto Ecos "Der Name der Rose", schildert der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt das Leben des fanatischen Bücherjägers Poggio Bracciolini, der miterleben musste, wie "sein Papst" auf dem Konzil in Konstanz abgesetzt wird, der in der Kirche "eine Jauchegrube menschlicher Laster" und in Klöstern "Werkstätten von Verbrechern" sieht. "Ich muss alles versuchen, um es zu etwas zu bringen, damit ich nicht länger Herren zu Diensten sein muss und Zeit habe für Literatur", schreibt Poggio zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Dieses Bestreben verbindet uns Leser des 21. Jahrhunderts mit Greenblatts Helden.

Also vertrauen Sie mir, ich weiß was ich tue, und lesen Sie Stephen Greenblatts "Die Wende", erschienen in der deutschen Übersetzung von Klaus Binder im Siedler Verlag.

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 03.06.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendetermin
So, 03.06.12 | 23:45 Uhr