SENDETERMIN So, 23.02.14 | 23:45 Uhr

"Wassermusik"

von T.C. Boyle

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T.C. Boyle: "Wassermusik" | Video verfügbar bis 24.02.2019 | Bild: WDR

Von Hexen, Kannibalen und Überlebenskünstlern – wie kaum ein anderer versteht es T.C. Boyle skurrile Geschichten zu erzählen von eigen- und einzigartigen Menschen mit ihren außergewöhnlichen Leidenschaften. "Wassermusik" ist eine solche Geschichte. Sie schildert die Abenteuer des schottischen Entdeckungsreisenden Mungo Park, der sich Ende des 18. Jahrhunderts aufmacht, um den Verlauf des sagenhaften Nigers zu erkunden.

Während Mungo Park tatsächlich lebte, ist die parallel dazu von Boyle entworfene Figur des schlitzohrigen Trickbetrügers Ned Rise aus London rein fiktiv. Mit Hilfe seiner Figuren zeichnet Boyle ein bestechend scharfes Bild der damaligen Londoner Gesellschaft und entfaltet das exotische Panorama der grandiosen, wilden Natur Afrikas. 1981 erstmals erschienen, ist T.C. Boyles "Wassermusik" heute nicht mehr wegzudenken aus dem Kanon der amerikanischen Literaturklassiker.

T.C. Boyle
T.C. Boyle | Bild: dpa

"Am Fuße einer flachen Anhöhe – keine dreihundert Meter vom Lager entfernt – sind die Brunnen. Mungo hört das Brüllen der Rinder, die sich um die abendliche Tränke drängen. Als er näher kommt, kann er die runden Rümpfe und die wilden, spitzen Hörner sehen, die wie ein wogender Wald aufragen und in den Himmel stechen. Die Kühe – eher übergewichtige Gazellen als Zuchtrinder – stampfen und stoßen und brüllen nach Wasser. Er könnte mit ihnen brüllen. Er ist so durstig, dass er lauter schreien und kreischen und heulen könnte als alle Dämonen der Hölle."

Mungo – das ist Mungo Park (1771-1806), der schottische Landarzt und Afrikareisende, der um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert im Auftrag der britischen "African Association" den Lauf des sagenumwobenen Niger entdecken will. Dieser Fluss ist zu jener Zeit noch weitgehend unerforscht. Zwar entspringt er an der den Europäern schon bekannten afrikanischen Westküste, nimmt dann aber einen Verlauf nach Osten in das Landesinnere, um irgendwo im Unbekannten zu münden. Es ist gefährlich, dem Flusslauf zu folgen: Die Gegend ist von Malaria und anderen Tropenkrankheiten verseucht. Weiße Besucher, die ihnen nicht zum Opfer fallen, müssen die kriegerischen, islamischen Stämme fürchten, die sich mit Vorliebe auf europäische Christen stürzen. Vor Mungo Park waren alle bisherigen Entdecker frühzeitig an ihrer Mission gescheitert.

"Wassermusik" von T.C. Boyle
"Wassermusik" von T.C. Boyle | Bild: Hanser Literaturverlage

Der ehrgeizige Schotte ist ein mutiges "Träumerle". Den Ruhm vor Augen beginnt er die Forscherfahrt, hartnäckig und naiv stürzt er sich in jede fremde Situation und zweifelt dabei nie am glücklichen Ausgang seines Abenteuers. Er will  als Held nach England zurückkehren, was seine bei aller Forscherromantik coolen Auftraggeber jedoch nicht hindert, stets ein Auge auf den Zugang zu ungeahnten Schätzen und kolonialer Macht zu haben.

Mungo kehrt nach zwei Jahren tiefster Entbehrungen, nach erfolgreichem Überlebenskampf gegen Mauren, Sandstürme und Fieber tatsächlich nach London zurück, wo sich sein Kindertraum erfüllt: Ab sofort ist er – ohne den Niger in seinem Lauf wirklich entdeckt zu haben – der als Held gefeierte Forscher und Autor des Bestsellers "Travels in the Interior of Africa".

Acht Jahre später wird er eine weitere Forschungsreise starten mit der Absicht, beim zweiten Anlauf endlich das Geheimnis des Niger zu lüften.

Außer der Geschichte des Mungo Park, der ja wirklich existierte, laufen parallel noch zwei weitere Geschichten mit, vom Autor mit eben so viel Sympathie beleuchtet  wie der Protagonist selber.

T.C. Boyle hat diese strukturell ziemlich simple Abenteuergeschichte mit viel Schwung, überbordender Phantasie, skurrilen Einfällen, bildgewaltigen Details und nie versiegendem Humor geschrieben – so lustvoll, dass man als Leser in den Strudel von Vulgarität, standhafter Liebe, Dreck und Kakerlaken, Kuhscheiße und Rosenblüten mit hineingezogen wird.

Der damals 33-jährige Autor, der diese brausende Ode an das  Leben schon 1981 verfasste, hat mit diesem Roman gleich zu Beginn seiner literarischen Karriere ein so grandioses Werk vorgelegt, das es alle seine nachfolgenden Bücher noch heute überstrahlt.

Wesentlichen Anteil an der Qualität der aktuellen deutschen Ausgabe hat Dirk van Gunsteren, von dem die großartige Übersetzung stammt.

Stand: 29.03.2014 15:28 Uhr

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