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Denis Scheck empfiehlt

Douglas A. Anderson

Denis Scheck empfiehlt ...  | Video verfügbar bis 28.01.2018

Douglas A. Anderson (Hrsg.), "Das große Hobbit- Buch"

Douglas A. Anderson (Hrsg.), "Das große Hobbit- Buch", Hobbit-Presse, Klett-Cotta

Die Wiederbegegnung mit Büchern, die man in seiner Kindheit schon einmal gelesen und geliebt hat, ist immer eine Wiederbegegnung mit sich selbst. Was – diesen Kitsch hast Du damals gemocht? Darüber hast Du geweint und gelacht? Das hat Dir imponiert? Von der hast Du geträumt, um den hast du geweint?

Gelegentlich geht's aber genau anders herum, und man erkennt erst mit dem Auge des Erwachsenen, wie kunstfertig doppelbödig und moralisch ambivalent das Buch gestaltet ist, das man da als Kind gelesen hat. So ist es mir unlängst beim Wiederlesen von J.R.R. Tolkiens "Der kleine Hobbit" ergangen, der durch Peter Jacksons aktuelle, in meinen Augen dramaturgisch arg verrutschte Verfilmung gerade wieder im Gespräch ist und die nun in einer von Douglas A. Anderson hervorragend kommentierten neuen Ausgabe erschienen ist. Ich hatte in Erinnerung, dass "Der kleine Hobbit" so eine Art Jugendbuch-Vorgeschichte zu Tolkiens "Der Herr der Ringe" ist, immer noch der beste Roman über den Zweiten Weltkrieg, den ich kenne. Aber "Der kleine Hobbit" bloß eine Art Vorspiel? Wie man sich doch täuschen kann!

Mir gingen beim Wiederlesen buchstäblich die Augen auf. Wir erinnern uns – der Hobbit Bilbo Beutlin schließt sich auf Einladung des Zauberers Gandalf einem Trupp Zwerge unter Führung von Thorin Eichenschild an, um dessen Königreich unter dem Berge von einem Drachen namens Smaug zu befreien oder jedenfalls dessen Schatz zu entwenden. "Zwerge sind keine Helden; sie sind Geschäftsleute mit einer sehr hohen Meinung vom Wert des Geldes", schreibt Tolkien, und dies ist nur einer von zahllosen Hinweisen darauf, dass man den "Hobbit" auch als Kapitalismus-Satire lesen kann. Wie reagiert der Drache Smaug, als Bilbo, geschützt durch den unsichtbar machenden Ring, ihm zum Test einen Pokal stiehlt? "Sein Zorn war unbeschreiblich – ", so Tolkien "ein Zorn, wie man ihn nur bei reichen Leuten erleben kann, die mehr haben, als sie brauchen, und plötzlich etwas verlieren, das sie schon lange besitzen, aber noch nie benutzt oder benötigt haben."

Wäre Tolkien heute bei der Occupy-Bewegung? Das weiß ich nicht. Aber ich weiß nun, dass sich Tolkiens "Hobbit" bei meiner neuerlichen Lektüre als eine grandiose Geschichte über Venturekapitalisten namens Zwerge erwies, an deren Ende Sätze stehen wie "Nieder mit den Geldsäcken!" und die letzten Worte des im Tod von seinem Geiz bekehrten Thorin Eichenschild: "Gäbe es solche nur mehr, die ein gutes Essen, einen Scherz und ein Lied höher achten als gehortetes Gold, so wäre die Welt glücklicher."

Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie "Das große Hobbit-Buch" in der von Douglas A. Anderson kommentierten Ausgabe, erschienen in der deutschen Übersetzung von Wolfgang Krege und Lisa Kuppler in der Hobbit Presse im Klett Cotta Verlag.

Stand: 20.06.2013 16:56 Uhr

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