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Falken

von Hilary Mantel

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Falken von Hilary Mantel | Video verfügbar bis 28.01.2018

Hilary Mantel

Hilary Mantel

Die erste Frau, die den angesehensten Literaturpreis Angelsachsens schon zweimal erhalten hat, verrät, warum sie historische Stoffe in der kreativen Freiheit nicht einschränken. Nach "Wölfe" erscheint mit "Falken" am 25.02.2013 der zweite Teil der Cromwell-Trilogie auf Deutsch.

Denis Scheck: Für beide Romane sind Sie mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnet worden. Wenn Ihnen eine Märchenfee erschienen wäre, hätten Sie sich gewünscht, den wichtigsten angelsächsischen Literaturpreis gleich zweimal zu gewinnen?

Hilary Mantel: Ich glaube, in einem sind wir Autoren uns einig: Der Man-Booker-Preis ist der Preis, der zählt, der prestigeträchtigste und international renommierteste.

Denis Scheck: Die Lebensgeschichte von Thomas Cromwell selbst trägt ja fast märchenhafte Züge. Wie wird aus dem Sohn eines Schmieds aus Putney die rechte Hand des Königs?

Hilary Mantel: Genau diese entscheidende Frage steht im Zentrum des Buches. Wie hat er das geschafft? Er kam aus armen Verhältnissen, besaß keine Schul- oder Universitätsbildung, riss mit 15 von zu Hause aus und kämpfte in der französischen Armee, bereiste ganz Europa, kam zurück nach England, ließ sich als Rechtsanwalt nieder und begann einen immer höher führenden Aufstieg, bis er es schließlich zum Grafen von Essex und der rechten Hand des Königs gebracht hatte. Eine vergleichbare Karriere hatte es bis  dahin noch nie gegeben. Und genau dafür habe ich mich interessiert – für die Frage: Was für einem Menschen könnte so etwas gelingen?

Denis Scheck: Sind Sie als Autorin historischer Romane eine Art Anti-Historiker?

Hilary Mantel: Nein, ich glaube, meine Rolle ergänzt die des Historikers oder des Biographen. Von denen erfahren Sie, was geschehen ist, und von mir, wie es sich angefühlt hat, während es geschah.

Denis Scheck: Sie haben mal gesagt, sie erfänden so wenig wie möglich.

Hilary Mantel: Ja, die Wahrheit ist kostenlos. Und die wahre Geschichte, die Fakten, sind immer interessanter als alles, was man sich ausdenken kann. Es gibt aber Stellen, wo einen die Fakten verlassen, wo man auf eine Lücke stößt – und diese Lücken kann man mit sachkundiger Phantasie ausfüllen. Aber ich erfinde oder spekuliere nicht einfach wild drauflos, sondern nur auf Grundlage der besten Quellen, an die ich herankomme.

Denis Scheck: Stellen Sie die Wahrheit also einfach dar oder erfinden Sie die Wahrheit?

Hilary Mantel: So gut es mir möglich ist, halte ich mich so dicht an der Wahrheit wie ihr Schatten. Zwangsläufig kommt es dabei zu gewissen Verzerrungen. Es gibt eine Schnittmenge zwischen dem, was wahr und was ausgedacht ist. Und je größer diese Schnittmenge ist, umso besser für die Ehrlichkeit und Integrität des Romans.

Denis Scheck: Thomas Morus, Thomas Cromwell und Heinrich VIII. waren Menschen, die von religiösen Wahrheiten besessen waren. Für sie wurden religiöse Wahrheiten zu Herrschaftsmethoden. Sie selbst sind als Katholikin aufgewachsen. Wann haben Sie Ihren Glauben verloren?

Hilary Mantel: Da war ich etwa zwölf. Ich wachte eines morgens auf, und Gott war nicht mehr da. Aber wenn man als Katholik aufgewachsen ist, verlässt einen das meiner Meinung nach nie ganz. Ich interessiere mich immer noch sehr für Glaubensfragen, gläubige Menschen faszinieren mich, und ich war mir der unsichtbaren Dimensionen des Lebens, wenn ich das mal so ausdrücken darf, immer sehr bewusst. Das kommt von einer frühen religiösen Erziehung, wenn man die Idee entwickelt, dass es eine größere Welt gibt, die unserer sehr nahe ist, die wir aber nicht sehen können. Für einen Schriftsteller, der immer im Reich des Unsichtbaren zugange ist, stellt das eine gute Ausbildung dar.

Denis Scheck: Als kleines Kind haben Sie den Teufel gesehen, darüber haben Sie geschrieben.

Hilary Mantel: Nicht gesehen, wahrgenommen trifft's wohl eher. Als Achtjährige habe ich im Garten meines Elternhauses etwas gespürt, an einem wunderschönen Tag mit blauem Himmel, habe ich die Anwesenheit von etwas gespürt … (PAUSE) Ich will nicht sagen, dass ich es gesehen, gehört oder gerochen habe, aber ich empfand den überwältigenden Eindruck, dass da etwas Böses anwesend war. Es war ein Gefühl der Angst, wie ich es nie zuvor und nie danach erlebt habe. Ich weiß nicht, was es war. Es geht mir nicht aus dem Kopf, und ich versuche, es zu beschreiben, aber ich kann es nicht ganz erklären. Es ist, wie es ist. Ganz gewiss hatte es einen Einfluss auf mein Leben und wie ich denke.

Denis Scheck: Inwiefern?

Hilary Mantel: Binnen eines Vormittags hat sich meine Welt verdunkelt. Die Idee, dass das Böse nicht nur etwas ist, was in den Menschen vorhanden ist, sondern möglicherweise eine äußere Macht sein könnte,  ist keine sonderlich moderne, sondern eher eine mittelalterliche Vorstellung. Aber damit musste ich mich auseinandersetzen, und wahrscheinlich hat es mir dabei geholfen, mich bei Bedarf in einen Menschen des 16. Jahrhunderts hineinzuversetzen.

Denis Scheck: Autoren historischer Romane stehen vor der Schwierigkeit, dass jeder weiß, wie die Geschichte endet. Wie sorgt man unter diesen Umständen für Spannung?

Hilary Mantel: Der Trick besteht darin den, den Leser die Wirklichkeit der Figuren akzeptieren zu lassen. Die Figuren wissen ja nicht, was kommt. Statt also wie ein Historiker zurückzuschauen, muss der Leser mit den Figuren nach vorn in die offene Zukunft blicken.

Denis Scheck: Sie wählen dafür ein überraschendes Stilmittel, indem Sie im Präsens schreiben. Eine simple, aber ungeheuer schwere Form.

Hilary Mantel: Diese Entscheidung habe ich schon im ersten Absatz auf der ersten Seite des ersten Romans getroffen, also von "Wölfe". Ich hatte eigentlich nicht vor, die Romane im Präsens zu verfassen, aber als ich zu schreiben begann, wurden mir zwei Dinge klar: Die Kamera steht hinter dem Auge von Thomas Cromwell, und alles geschieht in der Gegenwart, alles läuft ab wie ein Film im Kino. In dieser einen Sekunde war im Grunde alles beschlossen, alles folgte aus dieser einen Entscheidung.

Denis Scheck: Hat Hilary Mantel wie Ihr Held im Buch Ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen?

Hilary Mantel: Ich hatte sehr viel Glück, war manchmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Vielleicht ist jeder seines Glückes Schmied, das will ich nicht beurteilen. Mein Familienhintergrund ist für einen Schriftsteller wohl nicht sehr typisch, ich stamme aus einem Arbeiterhaushalt, war die erste in meiner Familie mit einem höheren Schulabschluss, aber ich war immer ehrgeizig und verstehe den Ehrgeiz anderer. Ich bin mir nicht sicher, ob ich als kleines Kind schon gedacht habe, dass es mein Schicksal sei, Schriftstellerin zu werden. Aber ich wollte jemand sein, der zählt.

Denis Scheck: Glauben Sie, Sie hätten glücklicher werden können, wenn Sie etwas anderes außer Schreiben gemacht hätten?

Hilary Mantel: Ich weiß nicht, ob einen Schreiben glücklich macht. Es versetzt einen in einen Zustand permanenter Aufgewühltheit. Als stünde am Ende des Tages immer Punkt Punkt Punkt …

Denis Scheck: Sollte das auch auf Ihrem Grabstein stehen?

Hilary Mantel: Fortsetzung folgt? Ja!

 

Stand: 20.06.2013 16:56 Uhr