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Don Winslow im Interview: "Vierzig Prozent sind Recherche"

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Don Winslow im Interview: "Vierzig Prozent sind Recherche" | Video verfügbar bis 27.01.2019

In der Druckfrisch-Jubiläumssendung hat Denis Scheck den Autoren Don Winslow interviewt. Hier das zugehörige Protokoll:

Denis Scheck: Sie sind ein viel besserer Schütze als ich.

Don Winslow: Musste für diesen Dreh wirklich eine Tontaube dran glauben?

Der US-Thriller-Autor Don Winslow
US-Thriller-Autor Don Winslow

Das will ich hoffen – nehmen Sie doch bitte Platz. Nach der Definition des guten alten Samuel Johnson ist Rache eine Tat der Leidenschaft, während Vergeltung ...

eine Tat der Gerechtigkeit ist.

Und Ihr Roman handelt von Gerechtigkeit.

Ein Mann, der Gerechtigkeit sucht.

Ein Mann, der miterleben muss, wie seine Frau und sein Sohn bei einem Flugzeugabsturz sterben, der von Al Quaida, islamischen Terroristen verursacht wird. 

Islamischen Terroristen. Ja, dieser Mann ist Sicherheitschef eines Flughafens. An Weihnachten setzt er seine Frau und seinen Sohn für einen Familienbesuch in ein Flugzeug, das abstürzt. Die Fluggesellschaft, die Regierung, die Versicherung – alle erklären dem Mann, es habe sich um einen Unfall gehandelt. Er findet heraus, dass das nicht stimmt, und sucht Gerechtigkeit.

Sogar die amerikanische Regierung ist an der Vertuschung des Anschlags beteiligt, weil sie nicht bereit ist, erneut den Preis zu zahlen, den sie für die Ausschaltung Osama bin Ladens zahlen musste, wo für die Tötung dieses einen Menschen Tausende ihr Leben lassen mussten.

Stimmt. Aber der Protagonist meines Buchs, Dave Collins, ist bereit, diesen Preis zu zahlen. Er schlägt dabei einen interessanten Weg ein. Er trommelt die Familien der Opfer zusammen und bringt sie dazu, ihm die Entschädigungszahlungen der Versicherung anzuvertrauen. Mit diesem Geld stellt er eine Privatarmee auf und sucht Gerechtigkeit.

Eine Figur namens Miriam sagt in ihrem Roman, dass sie letzten Endes davon überzeugt sei, dass es die Guten und die Bösen gäbe, und wir seien die Guten. Glaubt der amerikanische Staatsbürger Don Winslow noch, dass die Amerikaner die Guten sind?

Ich glaube, dass westliche Werte wie Demokratie und Toleranz die guten Werte sind. Wenn Sie angegriffen werden, wenn uns Massenmörder wegen dieser Werte attackieren, ja, dann stehen wir auf der richtigen Seite.

Der interessante Kontrast für Ihre Leser besteht ja darin, dass wir Sie in Deutschland nun kennen als Autor von Büchern über ultracoole Surfertypen, hippe Drogendealer und den kalifornarische Lifestyle. Nun wenden Sie sich einem ganz anderen Thema zu und schreiben aus der Perspektive eines kreuzbiederen Law-and-Order-Manns.

Ja, das ist wirklich mal was Neues für mich, normalerweise stehe ich auf der anderen Seite des Zauns. Aber dieses Sich-von-Zeit-zu-Zeit-Neuerfinden ist ja auch etwas sehr Amerikanisches, etwas Westliches, sich etwas Neues vorzunehmen. Letzten Endes habe ich ja immer noch einen Krimi geschrieben, aber eben mal aus einer anderen Perspektive. Dieses Recht nehme ich schon für mich in Anspruch. Und ich glaube, dass es auch dem Leser Spaß macht. Meine Aufgabe ist es, gut zu schreiben und nicht unbedingt immer das Gleiche.

Ihre Schwester schreibt glaube ich Liebesromane. Sind Sie je auf den Gedanken gekommen, mit ihr zu tauschen? Dass Sie mal einen Liebesroman schreiben und Ihre Schwester einen Krimi?

Nein. Ich glaube, da wäre sie auch nicht scharf drauf. Wir sind beide Genreautoren. Ich schreibe Krimis, sie Liebesromane, und sie macht das sehr gut. Ich habe einige ihrer Bücher gelesen, die sind toll. Aber ich wäre da nicht gut drin.

Don Winslow
"Ich schreibe Krimis"

Sie haben eine Zeit lang als Privatdetektiv gearbeitet. Was hat der Schriftsteller Don Winslow vom Privatdetektiv gelernt?

Etwa vierzig Prozent dessen, was ich mache, besteht in Recherche. Als Privatdetektiv macht man das zu hundert Prozent. Man lernt, Fragen zu stellen. Man lernt, mit Material umzugehen. Man lernt, widersprüchliche Aussagen einzuordnen und die Wahrheit herauszufinden. Tausende Dokumente auszuwerten, sich unterschiedlicher Quellen zu bedienen, skeptisch gegenüber dem zu sein, was man da zu hören und zu lesen bekommt, schließlich eine plausible Rekonstruktion des Tathergangs zu erstellen, das habe ich aus meiner Zeit als Privatdetektiv gelernt.

Stimmt es, dass Sie Ihr erster Fall als Privatdetektiv in ein Kino am Times Square in New York führte?

Sie recherchieren aber auch nicht schlecht. Sind Sie auch Privatdetektv?

Als Literaturkritiker eher ein öffentlicher …

Das mit dem Kino stimmt. Ich habe da als Manager gearbeitet, denn ich bin nach New York gezogen, um Schriftsteller zu werden. Binnen weniger Tage war ich ein vom Hungertod bedrohter Schriftsteller, und deshalb suchte ich mir eine Stelle als Kinomanager, die mich zu meinem ersten Fall von Unterschlagung führte, und bei dieser Detektei bin ich geblieben.

Und stimmt auch, dass Sie bis heute in Kinos nichts essen?

Richtig, jedenfalls nichts, was nicht komplett in Plastik eingeschweißt ist.

Warum?

Zumindest damals sammelten die Angestellten den Müll im Kino ein, die Popcorn- und Getränkebecher. Und die Becher, die nicht allzu schlimm eindellt waren, wischten sie ab und verkauften sie erneut, wobei sie das Geld dafür in die eigene Tasche steckten. Und da soll ich mich anstellen, um so einen schmutzigen Becher zu kaufen? Nein danke.

Als Sie in New York als Schriftsteller begannen, stand da für Sie schon felsenfest, dass Sie im Krimi- und Thrillergenre schreiben wollten? Oder hatten Sie ein ganz anderes Ziel?

Angefangen habe ich als Dramatiker. Aber dann ertappte ich mich dabei, dass ich in meiner Freizeit Raymond Chandler, Elmore Leonard,  James Ellroy, James Cromley las ...

Die Großen des amerikanischen Krimis.

Ich habe während der Observierungen immer wieder die Nase ins Buch gesteckt …

Hoffentlich sind Ihnen da nicht viele Verdächtige durch die Lappen gegangen …

Ich war nicht schlecht. Als ich also erzählende Literatur schreiben wollte, dachte ich: mit Verbrechen kenne ich mich aus, ich liebe diese Literatur, ich liebe Krimis im Kino, French Connection, den habe ich als Kind gesehen und war einfach hin und weg, später dann Bullit … Und da stand für mich fest: so will ich schreiben.

Jede westliche Gesellschaft hat ja ihre eigenen Erfahrungen mit Waffen. Eines steht aber fest: in den Vereinigten Staaten verlieren sehr viel mehr Menschen ihr Leben durch Schußwaffen als in anderen westlichen Staaten, einfach weil so viele Waffen im Umlauf sind. Warum haben etwas aufgeklärtere Positionen über Waffenbesitz im öffentlichen Leben den USA keine Chance?

Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass wir in diesem Bereich kleine Fortschritte machen. Denn die Statisken lassen ja keinen Widerspruch zu. Wenn man nur die Tatsachen betrachtet und die Emotionen und kulturellen Unterschiede mal beiseite lässt, dann gelangt man ganz zwangsläufig zu vernünftigen Ansichten über die Regulierung des zivilen Waffenbesitzes. Ich sehe einfach nicht ein, warum irgend jemand ein Sturmgewehr besitzen muss. Schon der Begriff Sturmgewehr impliziert ja den Zweck so einer Waffe.

Die Waffenlobby NRA ist in den USA ja fast so mächtig wie der ADAC in Deutschland …

Dann lassen Sie uns mal kurz über die NRA reden. Der Legende nach finanziert sich die NRA ja durch die Beiträge von Sportschützen, einzelnen Waffenbesitzern und Menschen, die jagen oder Trapp schießen. Das ist aber eine Lüge. 78 Prozent ihres Etats stammt von der Waffenindustrie. Wenn man sich solche Zahlen und Fakten in aller Ruhe ansieht, dann treten kulturelle Mythen in den Hintergrund. Ich bin für eine Regulierung des Waffenbesitzes.

[...]

Der Soundtrack passt ja ideal zu meinem Roman: Hubschrauber, Gewehrfeuer … Das haben Sie wirklich ideal vorbereitet …

Haben Sie je so wie Hemingway gedacht, Sie müssten bestimmte Erfahrungen machen, um darüber schreiben zu können?

Als Jugendlicher habe ich natürlich Hemingway gelesen. Wir alle haben Hemingway geliebt. Der Koch auf meinen ersten Safaris war als kleiner Junge bei den Safaris dabei, von denen Hemingway in "Die grünen Hügel Afrikas" schreibt. Ein Mann namens Katoja, der zwei Worte Englisch sprach: Jonny Walker!

Die muss ihm Hemingway beigebracht haben.

Genau. Und abends saß ich mit diesem alten Mann zusammen, der mir Anekdoten über Hemingways Safaris erzählt hat. Kann das Leben schöner sein?

Stand: 03.11.2015 09:41 Uhr

Sendetermin

Mo, 27.01.14 | 00:05 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.