SENDETERMIN So, 29.09.13 | 23:35 Uhr

Denis Scheck empfiehlt ... Ernst Jünger

Ernst Jünger

Autor Ernst Jünger
Schriftsteller Ernst Jünger (links) und der Karikaturist und Architekt Ernst Maria Lang 1996 beim jährlichen Treffen der Träger des bayerischen Maximiliansordens in der Münchner Residenz. | Bild: dpa / Frank Mächler

Brasilien ist Gastland der Buchmesse, die nächste Woche in Frankfurt beginnt. Natürlich überschlagen sich die deutschen Verlage mit Angeboten aus der klassischen und zeitgenössischen Literatur dieses Landes. Als erstes möchte ich Ihnen hier in Rio de Janeiro aber den deutschesten aller Autoren des 20. Jahrhunderts empfehlen: Ernst Jünger.

Ernst Jünger: "Atlantische Fahrt"
Ernst Jünger: "Atlantische Fahrt" | Bild: Klett Cotta/ DasErste

Und das aus gutem Grund. Die erste Buchveröffentlichung von Ernst Jünger nach dem Zweiten Weltkrieg war die "Atlantische Fahrt", ein Reisetagebuch über eine Brasilienreise 1936, die ihn auch hierher nach Rio de Janeiro führte.
Die Stadt erscheint Jünger "wie eine Riesin mit granitenen Brüsten an der Bucht gelagert", Rio ist ihm eine Schule der Wahrnehmung: "Seit dem Weltkrieg erfaßte ich nicht so wachsam die Wirklichkeit", schreibt Jünger am 21. November 1936. Heute gelesen, erweist sich das Buch als Königsweg zu gleich zwei literarischen Kontinenten, von denen wir wenig wissen: Südamerika und mehr noch Ernst Jünger.

Die insgesamt elf Überarbeitungen und sieben veröffentlichte Fassungen seines Romans "In Stahlgewittern" stehen für sein Ringen um die Bewältigung seiner Erfahrung als Soldat im Ersten Weltkrieg – sie zeigen aber auch einen Schriftsteller, der redigiert und retouchiert, mal sein Mäntelchen in den Wind hängt, mal dem Zeitgeist energisch die Stirn zeigt. 

Eine sensationelle historisch-kritische Ausgabe von "In Stahlgewittern" ermöglicht nun, dem Schriftsteller Ernst Jünger bei der Arbeit und bei Selbsterfindung über die Schultern zu schauen. Wir werden Zeuge, wie in der Schilderung des Grabenkriegs aus "Helden" schlichte "Männer" werden, wie der Text in den 20er-Jahren ins Nationalistische frisiert wird, um genau diese Wendung 1934 energisch zu korrigieren.

Ernst Jünger: "In Stahlgewittern"
Ernst Jünger: "In Stahlgewittern" | Bild: Klett Cotta/ DasErste

Kaum ein Schriftsteller vermag so zu polarisieren wie Ernst Jünger. Er nötigt uns die Auseinandersetzung mit Kategorien ab, über die wir lieber nicht nachdenken: das Heldische zum Beispiel, den Kampf, das Opfer und die Nation, das Individuum in Zeiten, die von Materie und Masse getroffen werden. "Damals, als wir uns in die Trichter pressten", schreibt Ernst Jünger im Rückblick 1979, "wähnten wir noch, der Mensch sei stärker als das Material. Das hat sich als Irrtum herausgestellt."

Was immer man von Ernst Jünger und "In Stahlgewittern" hält: Mit dieser sensationellen Edition ist ein neues Niveau der Auseinandersetzung erreicht. Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" und die "Atlantische Fahrt".

Ernst Jünger: "In Stahlgewittern" und "Atlantische Fahrt"
"Atlantische Fahrt" herausgegeben von Detlev Schöttker, "In Stahlgewittern" von Luisa Wallenwein, Helmuth Kiesel
Erschienen im Verlag Klett-Cotta

Stand: 01.10.2014 10:14 Uhr

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 29.09.13 | 23:35 Uhr