SENDETERMIN So, 21.02.16 | 23:35 Uhr | Das Erste

Abbas Khider: "Ohrfeige"

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Abbas Khider: "Ohrfeige" | Video verfügbar bis 21.02.2021

Über den Verlust von Heimat, ein Leben in der Fremde, Ausländerparagraphen und Behördenwillkür. In „Ohrfeige“ erzählt Abbas Khider gleichzeitig ernüchternd und humorvoll vom alltäglichen Chaos in Asylbewerberheimen.

Die Geschichte

Alles beginnt mit einer Ohrfeige, einer Knebelung und der Gelegenheit, endlich seine eigene Geschichte zu erzählen. Abbas Khiders Romanheld hat nach drei Jahren in Deutschland viel los zu werden: Nach einer lebensgefährlichen Flucht aus dem Irak landet er nicht im ersehnten Frankreich, sondern in der bayerischen Provinz.

Frustration pur

Die deutsche Bürokratie macht ihm das Leben zur Hölle. In verschiedenen Asylbewerberheimen erlebt er Apathie, Aggression und Kriminalität. Und schließlich wird sein Asylantrag nach dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein abgelehnt: "Alles, was ich erreicht habe, ist ein gigantisches Nichts. Der einzige, der sich freut, ist mein Schlepper Abu Salwan", konstatiert deprimiert der Held des Romans.

Der Autor

Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, kam selbst im Jahr 2000 als Flüchtling aus dem Irak nach Deutschland. Als vermeintlicher Regimegegner war ervon den Schergen Saddam Husseins ins Gefängnis gesteckt und gefoltert worden. Seine Erfahrungen von Flucht und Migration sind in alle seine vier Bücher eingeflossen.

Hochaktuell

Zwar spielt die Flucht von Khiders Romanhelden in "Ohrfeige" um die Jahrtausendwende, einer Zeit, in der man noch nicht von einer Massenflucht sprechen konnte, doch wirken die Erlebnisse seines Protagonisten Karim Mensy hochaktuell: Auch Mensy erlebt sich und seine Mitflüchtlinge als Entwurzelte, als Außenseiter, die – sprachliche Isoliert – einer kafkaesken Bürokratie ausgesetzt sind. Um sich im Exil einigermaßen behaupten zu können, scheint ein Kontakt zur kriminellen Szene unvermeidlich: Schlepper, Vermittler für Schwarzarbeit, Mafiosi, Zuhälter sind immer mit im Spiel.

Abbas Khiders Romanheld resümmiert: "Wir konnten nichts anderes tun als warten und wurden von Tag zu Tag dämlicher." Und weiter: "Zu gern wollten wir sein wie sie: Einkaufen, im Café sitzen, Getränke bestellen und mit einer der vielen jungen Kellnerinnen plaudern. Aber wie sollte das gehen? Wir standen mittendrin und doch waren wir meilenweit von allem entfernt. Die Einheimischen gingen shoppen und wir wärmten uns an ihrem Leben."

Abbas Khider "Ohrfeige"
Abbas Khider "Ohrfeige"

Ein Plädoyer in der Flüchtlingskrise

Abbas Khider wirbt dafür, nicht nur eine erlittene Folter als ein berechtigtes Anliegen für ein Bleiberecht anzuerkennen. Auch andere Motive sollten Berücksichtigung finden, zum Beispiel die Verfolgung wegen der geschlechtlichen Orientierung oder wirtschaftliche Motive von existenzieller Bedeutung.

In Khiders Roman "Ohrfeige" haben diese Motive kaum eine Chance auf Anerkennung. Hier sind die Flüchtlinge geradezu gezwungen, sich eine zweite Fluchtgeschichte auszudenken, die mehr Aussicht auf Erfolg hat als die tatsächlichen Hintergründe ihrer Flucht. Der deutsche Staat, das in den Augen der Flüchtlinge gelobte Land, wird in Khiders Roman durch seine von einem unentwirrbaren Paragraphendschungel beherrschte Asylgesetzgebung zum Feind, der mit Schläue und Verstellungbesiegt werden muss.

Stand: 22.02.2016 09:15 Uhr