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Denis Scheck empfiehlt P. G. Wodehouse

Denis Scheck empfiehlt P. G. Wodehouse | Video verfügbar bis 26.11.2022

Der Mensch ist das sorgende Tier. Kein Schriftsteller hat das klarer erkannt als der, den ich Ihnen heute als erstes empfehlen möchte. P.G. Wodehouse heißt er, eine Zeitlang war er einmal der erfolgreichste Autor der Welt, und charakteristisch für seinen Stil sind Sätze wie diese aus einem Roman entstanden mitten im Ersten Weltkrieg: "Andere Menschen machten sich unentwegt über alles mögliche Sorgen – über Streiks, Kriege, sinkende Geburtenraten,  den zunehmende Materialismus heutzutage und über alle möglichen ähnlichen Themen. Lord Emsworth machte sich nie Sorgen." Diese Sorglosigkeit des Earl of Emsworth ist es, die P.G. Wodehouse auch hundert Jahre später eine in die Millionen gehende Leserschaft weltweit sichert. In keinem Roman von Wodehouse wird gestorben. In keinem werden Herzen gebrochen, gar Existenzen vernichtet. "Always look at the bright side of life" lautet das geheime Mantra dieses Autors. Geboren 1881, gestorben nach einem unglaublich langen und produktiven Leben 1975, ist P.G. Wodehouse hier im amerikanischen Remsenburg auf Long Island beerdigt. Sein Grabmal zieren die Namen seiner berühmtesten Figuren. Der Gentleman Bertie Wooster und sein Butler Jeeves gehören zu Großbritannien wie die Queen, Marmite und der Linksverkehr. Und doch steht die Wiege der britischsten Figuren in der Literatur des 20. Jahrhunderts ausgerechnet in den USA. Er habe über kauzige Adelige geschrieben, bekannte Wodehouse einmal, weil das die einzigen englischen Figuren waren, über das sein amerikanisches Publikum etwas lesen wollte, 

Im Grunde lebte P.G. Wodehouse nach Ende des Zweiten Weltkriegs hier in den USA im Exil. Das hing mit einer katastrophalen politischen Fehleinschätzung zusammen. Wodehouse war 1940 von den Deutschen in Frankreich verhaftet und fast ein Jahr in einem Lager in Oberschlesien interniert. Aus dieser Zeit stammt Wodehouses unvergessliches Bonmot: "If this is Upper Silesia, one must wonder what Lower Silesia must be like." Übersetzt: "Wenn das hier Oberschlesien ist, möchte man nicht wissen, wie Unterschlesien aussieht." Für solche Sätze lieben ihn seine Leser bis heute. Seine britischen Landsleute im Krieg um Sein oder Nichtsein gegen Nazi-Deutschland haben ihn hingegen für sein Verhalten in Deutschland gehasst. Ohne zu bedenken, dass man ihm Kollaboration vorwerfen könnte, hatte sich Wodehouse im Internierungslager bereit erklärt, für das deutsche Außenministerium fünf Radiovorträge zu halten. Obwohl seine Vorträge keinerlei Sympathie mit Nazi-Deutschland erkennen ließen, trafen sie doch den vollkommen falschen Ton für seine britischen Landsleute, deren Soldaten im Kampf gegen Deutschland täglich an der Front starben.

Deshalb war P.G. Wodehouse in Großbritannien viele Jahre seines Lebens ein Verfemter. Der erfolgreichste Unterhaltungsautor der Welt hatte sich einmal in seinem Leben damit verrechnet, was das Publikum von ihm hören wollte. Für mich liegt gerade in dieser Geschichte eine lehrreiche Paradoxie. Also vertrauen Sie mir, ich weiß was ich tue, und lesen Sie P. G. Wodehouse, dessen Werke der Insel Verlag in neuer Übersetzung herausbringt.

Stand: 27.11.2017 12:05 Uhr

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