SENDETERMIN So, 28.01.18 | 23:35 Uhr | Das Erste

Denis Scheck empfiehlt Flannery O'Connor: "Keiner Menschenseele kann man noch trauen. Storys"

PlayFlannery O'Connor
Denis Scheck empfiehlt Flannery O'Connor: "Keiner Menschenseele kann man noch trauen. Storys" | Video verfügbar bis 28.01.2023 | Bild: picture alliance / AP Photo

Die Schriftstellerin, die ich Ihnen vorstellen möchte, wurde nur 39 Jahre alt, hatte einen extremen Vogeltick, hielt deshalb unter anderem über hundert Pfauen und war die meiste Zeit ihres Lebens todkrank. Sie hat nie geheiratet, war erzkatholisch und war dennoch oder gerade deshalb eine Meisterin der Ironie. Ihr Name: Flannery O' Connor. Ihre Heimat: die amerikanischen Südstaaten, genauer gesagt Savannah, Georgia. Ihre Ambition: Weltliteratur schreiben. Ihr "claim to fame" oder einfacher und besser gesagt, warum ich sie liebe: dass man von ihr lernen kann, wie man ein glückliches Leben führt, auch wenn einem das Schicksal ein Scheißblatt zugespielt hat.

Flannery O'Connor, geboren 1925, gestorben 1964, wusste früh, dass sie todkrank war, und besaß vermutlich deshalb einen wunderbaren Sinn für Humor und einen Blick fürs erzählenswert Skurrile. Das hebt ihre Erzählungen heraus aus allem, was in ihrer Lebenszeit geschrieben wurde. Natürlich hat sie von William Faulkner gelernt, und natürlich leben ihre Geschichten oft von ihrer besonderen Auffassungsgabe für die Absurditäten aller Wichtigtuer, Würdenträger oder sich sonstwie für Auserwählte Haltende – und davon gibt’s im Bible Belt der USA, der evangelikalen Südstaaten-Sperrzone für alle Gedanken der Aufklärung bis heute genug.

Cover von Flannery O'Connors Buch "Keiner Menschenseele kann man noch trauen"
Flannery O'Connor: "Keiner Menschenseele kann man noch trauen" | Bild: Arche Verlag

Die eigentümliche Spannung der Geschichten Flannery O'Conners ergibt sich aus der historischen Umbruchsituation zwischen einstiger Pflanzerherrlichkeit und abgewirtschafteter Wirklichkeit nach Ende des amerikanischen Bürgerkriegs: Im Grunde erzählt Flannery O' Connor immer vom Alltag, nämlich vom alltäglichen Rassismus in den Südstaaten, vom Zusammenprall zwischen Atheisten und Gläubigen und vom langen Atem der Geschichte. Das macht sie mit einem scharfen Auge für die ins Abseits Gestellten, seien es Frauen, Schwarze oder vermeintlich schwache Männer – und mit einem hellwachen Bewusstsein für alles, was die siegreichen Nordstaaten den Verlierern so zuschreiben: "Leser aus dem Norden nennen alles, was aus dem Süden kommt, grotesk, außer es ist wirklich grotesk – dann heißt es, es sei realistisch."

Fremder könnte mir eine Autorin des 20. Jahrhunderts kaum sein: Und gerade für diese erquickende Fremdheit liebe ich Flannery O' Connor, die jetzt in einer schönen Neuübersetzung neu zu entdecken ist. Also vertrauen Sie mir und lesen Sie Flannery O' Connor "Keiner Menschenseele kann man noch trauen", deutsch von Anna Leube und Dietrich Leube, erschienen im Arche Verlag.

Stand: 28.01.2018 23:35 Uhr

3 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.