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Denis Scheck empfiehlt "Geständnisse" von Kanae Minato

Denis Scheck empfiehlt "Geständnisse" von Kanae Minato | Video verfügbar bis 19.03.2022

Guten Abend und herzlich willkommen zum guten Buch zur späten Stunde.

Als allererstes heute Abend möchte ich Ihnen ein zeitgenössisches Buch aus Japan vorstellen, dessen Handlung auf den ersten Blick krass vulgär wirken mag, das aber zum Subtilsten gehört, was ich seit langem gelesen habe. Es ist eine Geschichte über einen Mord an einer Vierjährigen, begangen durch zwei 13-jährige Schüler.

In der Realität lösen solche Verbrechen in mir als Zeitungsleser und Medienkonsument normalerweise den Drang aus, wegzusehen oder wegzuhören. Weiterzublättern und weiter zu scrollen: Ich möchte nicht als Voyeur stupider Gewalt in irgendeiner Weise dem auf Aufmerksamkeit zielende Kalkül der Täter Folge leisten und so noch deren perversen Durst nach Ruhm stillen. Das Faszinierende am Roman "Geständnisse" der jungen japanischen Autorin Kanae Minato ist, dass sie genau solche erkenntnistheoretischen Überlegungen zum Ausgangspunkt ihres Psychothrillers macht.

Eine Lehrerin, die Mutter der ermordeten Vierjährigen, hält am letzten Schultag vor ihrer Klasse eine Rede. In dieser Rede erklärt sie zunächst, warum sie überhaupt Lehrerin wurde, verkündet dann, dass sie gekündigt hat, beschuldigt zwei ihrer Schüler des Mordes an ihrer Tochter und fährt daraufhin fort zu erzählen, warum sie nicht die Polizei verständigt, sondern statt dessen diese beiden Schüler aus Rache mit dem HIV-Virus infiziert hat.

Dies ist der Auftakt für ein Buch, das um Fragen kreist nach Vorsatz und Verantwortung, und dies in Form eines mörderisch spannenden Rondos aus verschiedenen Erzählperspektiven: Wir erfahren aus Sicht der Schwester, der Mutter des Opfers wie eines der Täter, ja der beiden möglichen Mörder selbst ihre Version der Ereignisse. Der große Reiz von Kanae Minatos "Geständnisse" liegt letztlich darin, einmal einen Roman um Schuld und Sühne außerhalb des jüdisch-christlichen Moralkodexes zu lesen.

Weil dies hier in einer Erzählung um die sogenannten "Hikikomori" geschieht, Schüler, die am Leistungsdruck in japanischen Schulen zerbrechen, sich in sich selbst verkapseln und sich in ihren Zimmern einschließen, liefert dieses kleine schöne Buch über den Ursprung des Bösen in uns sowohl Unterhaltung wie Innenansichten aus einem faszinierenden Land, über das wir viel zu wenig wissen.

Ob dieses Land das Böse ist oder Japan, wird jede Leserin, jeder Leser selbst für sich beantworten müssen. Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Kanae Minatos Roman "Geständnisse", erschienen in der deutschen Übersetzung von Sabine Lohmann bei C. Bertelsmann.

Stand: 19.03.2017 18:30 Uhr

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