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Denis Scheck empfiehlt "Beren und Luthien" von J.R.R. Tolkien

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Denis Scheck empfiehlt "Beren und Luthien" von J.R.R. Tolkien | Video verfügbar bis 02.07.2022

Als passionierter Leser hat man ja meist zwei, drei Schriftsteller, die einen ein Leben lang begleiten. Folglich interessiert man sich für jeden ihrer Einkaufszettel und jede ihrer Wäschelisten. Für mich ist John Ronald Reuel Tolkien so ein Autor fürs Leben. Aber so erfolgreich Tolkiens Bücher und deren Verfilmungen sind: Wenn der 93jährige Sohn von J.R.R. Tolkien zum 125. Geburtstag seines Vaters in diesem Jahr ein neues Werk aus dem Nachlass herausgibt und im Vorwort freimütig bekennt, dieses Buch enthalte keine einzige Zeile, die man nicht aus früheren Veröffentlichungen schon kenne, könnte man es vielleicht mit einem Achselzucken beiseitelegen und sich sagen: das ist wohl eher was für Tolkien-Freaks. Dies wäre ein Irrtum.

Sein Leben lang hat Tolkien die Geschichte von "Beren und Lúthien" immer wieder umgearbeitet. Er knüpft damit an die in meinen Augen schönste Liebesgeschichte der Weltliteratur an: an den Mythos von Orpheus und Eurydike, deren Liebe stärker war als der Tod, weshalb sie eine zweite Chance bekamen und aus der Unterwelt entlassen wurden. Die überragende Bedeutung dieser Geschichte für den Schriftsteller Tolkien wird klar, wenn man einmal an das Grab von John Tolkien und seiner zwei Jahre vor ihm gestorbenen Ehefrau reist. Auf den Grabstein in Oxford hat Tolkien die Inschrift setzen lassen: "Edith Mary Tolkien, Lúthien – John Ronald Reuel Tolkien, Beren". Ganz offenbar hat Tolkien sich und seine Frau mit der Elbentochter Lúthien und dem Menschenkind Beren von all seinen Geschöpfen am stärksten identifiziert.

J. R. R. Tolkien
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Beren verliebt sich in Lúthien, als er sie im Wald beim Tanzen beobachtet. Seine Liebe ist so existentiell, dass er ohne Zögern die Bedingung ihres Vaters, des Elbenkönigs Thingol, annimmt, der in frivolem Hohn erklärt, eine Heirat zwischen seiner unsterblichen Tochter und dem dahergelaufenen Sterblichen käme nur in Frage, wenn Beren ihm einen der legendären Silmaril-Edelsteine aus der Krone Morgoths bringe. Sein Spott kommt für Beren einem Todesurteil gleich.

Doch Tolkien erzählt nicht nur eine romantische Geschichte von einer Liebe, die so stark ist, dass sie alle irdischen Hemmnisse, ja sogar den Tod überwindet. Christopher Tolkiens wunderbar detailscharfe Edition von "Beren und Lúthien" lässt vor allem eines deutlich werden: wie komplex die Entstehungsgeschichte des erzählerischen Kosmos von Mittelerde verlief, wie viele Häutungen in Prosa und Vers die Geschichte von Beren und Lúthien über Jahrzehnte durchlaufen und Zeit J.R.R. Tolkiens Lebens doch nie eine endgültige, den Autor vollauf befriedigende Form gefunden hat. Wir erfahren, welche Rolle "cat content" für Mittelerde spielte, indem wir den großartigen Tevildo, Prinz der Katzen, kennenlernen, kein Geringerer als Sauron hat einen frühen Auftritt, und nicht zuletzt erfreut die poetische Sprachgewalt von Tolkiens Versdichtungen.

Das mitzuerleben, ist eines der großen Leseabenteuer unserer Gegenwart. Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie J. R. R. Tolkiens "Beren und Lúthien", herausgegeben von Christopher Tolkien, erschienen in der deutschen Übersetzung von Helmut W. Pesch und Hans-Ulrich Möhring im Verlag Klett-Cotta.

Stand: 02.07.2017 18:00 Uhr

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