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Denis Scheck über Sprachexorzismus



Ein Plädoyer gegen jede Art von "politisch-korrektem" Sprachexorzismus

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Denis Scheck über Sprachexorzismus  | Video verfügbar bis 28.01.2018
Denis Scheck
Denis Scheck

Eine kurze Anmerkung zu der Frage, ob in Kinderbuchklassikern wie Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf"-Romanen oder Otfried Preußlers "Kleiner Hexe" Begriffe wie Neger oder Negerkönig entfernt werden sollten: Wer heute in Deutschland von Negern spricht, ist ein Holzkopf. Aber Sprache ist etwas Lebendiges, und auch Kinderbücher sind Literatur. Gerade junge Leser sollen lernen, dass der Gebrauch der Sprache einem steten Wandel unterliegt.

Die Alternative hat George Orwell in seinem Roman "1984" beschrieben, in dem die Angestellten des "Wahrheitsministeriums" permanent die Vergangenheit umschreiben und auf diese Weise auslöschen. Daran glauben offenbar die Lektoren der Verlage Oetinger und Thienemann, die ihre Autoren Astrid Lindgren und Otfried Preußler umschreiben. In Deutschland heute gibt es Ausländerhass, Rassismus und Neonazis. Das ist eine Schande. Es gibt aber auch feigen vorauseilenden Gehorsam vor den Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit.

Das hat schlechte Tradition. 1818 veröffentlichte ein Mann namens Thomas Bowdler eine Ausgabe von Shakespeares Werken, in der alle Stellen entfernt waren, die man, so Bowdler, "nicht mit Anstand im Kreis der Familie vorlesen kann". Die Zeitgenossen Bowdlers reagierten mit so großem Spott auf den Tugendbold, dass sein Name als Verb "to bowdlerise" noch heute im Englischen jedes Unternehmen beschreibt, einen Text von anstößigen, vulgären oder sonstwie unzüchtigen Stellen zu säubern. Vielleicht sollte man im Deutschen auch zwei neue Verben einführen und in Zukunft davon sprechen, ein Buch zu "oetingern" oder zu "thienemannen" …

Stand: 20.06.2013 16:54 Uhr

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