SENDETERMIN So, 01.11.15 | 23:35 Uhr | Das Erste

Denis Scheck kommentiert die Top Ten: Sachbuch

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Die Top Ten: Sachbuch | Video verfügbar bis 01.11.2020

Im vergangenen Monat haben sich die Deutschen von folgenden zehn Sachbüchern auf der Spiegel-Bestseller-Liste einen Wissensgewinn erhofft. Aber auch zurecht? Das sagt Ihnen Denis Scheck.

Platz 10:

Richard David Precht: "Erkenne die Welt"

Wer sich öfters vor Fernsehkameras aufhält und über einen höheren IQ als ein Wackeldackel verfügt, den überfällt offenbar eine große Sehnsucht nach Substanz, vergleichbar den Heißhunger-Attacken nach Cannabis-Konsum. Das Sinndefizit des Fernsehphilosophen Richard David Precht muss gewaltig sein. Denn es bedarf einer auf drei Bände angekündigten Geschichte der abend­ländischen Philosophie, um es zu füllen. Der erste Band liest sich anregend und im besten Sinne gelehrt: Ich wünschte, dieses Buch wäre mir mit fünfzehn in die Hände gefallen!

Platz 9:

Manfred Lütz: "Wie Sie unvermeidlich glücklich werden"

Auch der Psychoanalytiker Manfred Lütz tummelt sich in seinem lesenswerten neuen Buch in der Philosophiegeschichte. Ihm geht es aber "nicht vor allem um Wissen, sondern um Erkenntnis, Selbsterkenntnis", und um die Einsicht, dass Glück, anders als die herrschende Ideologie der Selbstoptimierer es meint, eben nicht nur eine Funktion von Disziplin ist, sondern nur in der Auseinandersetzung mit, Zitat, "Leid, Schuld, Kampf und Tod" zu haben ist. Entstanden ist etwas sehr Deutsches und sehr Katholisches: ein "Glücksbuch, das vor Glücksbüchern warnt".

Platz 8:

Wilhelm Schmid: "Gelassenheit"

Ein lesenswerter kurzer Text darüber, wie man alltägliche Ängste vor Alter und Tod bewältigen kann.

Platz 7:

Astrid Lindgren: "Die Menschheit hat den Verstand verloren"

Die Tagebücher Astrid Lindgrens aus den Jahren 1939 bis 1945 geben Einblick, wie eine intelligente, politisch interessierte junge Frau aus dem neutralen Schweden den Zweiten Weltkrieg wahrnimmt, wie viel sie, die einen "Schmuddeljob" als Briefzensorin verrichtet, vom Holocaust weiß, und wie dieses Wissen um das Grauen in der Welt doch nicht schützt vor den Schlachtfeldern des Privatlebens, wenn man vom Ehemann betrogen wird: "Blut fließt, Menschen werden zu Krüppeln, überall Elend und Verzweiflung. Und ich kümmere mich nicht darum", schreibt Lindgren 1944. Und weiter: "Nur meine eigenen Probleme interessieren mich. … Ein Erdrutsch ist über mein Leben hereingebrochen, und ich bleibe einsam und frierend zurück." Lindgrens Tagebücher sind ein berührendes und aufschlussreiches Dokument, das eine ungewohnte Sicht auf den Zweiten Weltkrieg und auf das Werden einer Autorin wirft.

Platz 6:

Navid Kermani: "Ungläubiges Staunen"

Diese 40 Bildbeschreibungen eines Moslems zu Schlüsselwerken der christlicher Kunst sind das schönste Buch, das je auf einer deutschen Bestsellerliste stand. Weil es sich nicht präziser ausdrücken lässt, sei hier ausnahmsweise einmal der Klappentext des C. H. Beck Verlags zitiert: "Die Islamisierung des Abendlands – sie findet hier statt, und sie ist wunderbar." Genau.

Platz 5:

Tilmann Lahme: "Die Manns"

Tilmann Lahme wählt für seine Familienaufstellung von Katia und Thomas Mann und ihren sechs Kindern die Form einer 1922 beginnenden Chronik. Das lässt viel Platz, um die tausenden, hier erstmals ausgewerteten Familienbriefe zu Wort kommen zu lassen, die sich vor einigen Jahren erst im Zürcher Thomas-Mann-Archiv fanden und die einen aufschlussreichen Blick in die Familienfinanzen erlauben. Auch wenn sich nichts grundstürzend Neues aus "Die Manns" erfahren lässt und der literarische Deutungshorizont konsequent ausgespart bleibt, wird doch kein Leser dieses Buch über die erste literarische Familie Deutschlands ohne Gewinn verlassen.

Platz 4:

Franz Alt und der Dalai Lama: "Der Appell des Dalai Lama an die Welt"

Wir wollen weniger Religion wagen! Die Botschaft des Dalai Lama hör ich gern, allein, ihre Darreichungsform in diesem Interviewband mit Franz Alt ist verquatscht redundant.

Platz 3:

Hamed Abdel-Samed: "Mohamed. Eine Abrechnung."

Abel-Sameds will, Zitat, "keine neue Biographie Mohameds, sondern meine ganz persönliche Annäherung an das Leben des Propheten" schreiben, "ein Psychogramm Mohammeds" zeichnen. Aber die überlieferten historischen Fakten stützen Aussagen wie "Mohammed war süchtig nach Macht und Anerkennung", "Mohamed war ein Kontrollfreak" oder "Mohamed konsumierte Frauen wie ein durstiger Mann, der Salzwasser trinkt" einfach nicht. So sehr ich dem Autor zustimme, wenn er dem Islam "keinen Luther, sondern einen Erasmus, einen Voltaire und viele 'Charlie Hebdos'" wünscht, mit diesem Buch erweist Hamed Abdel-Samed weder der Aufklärung noch sich einen Gefallen.

Platz 2:

Peter Wohlleben: "Das geheime Leben der Bäume"

Warum man eine lauschige Bank am besten unter den Kronen von Walnussbäumen aufstellt, wieso Mammutbäume in Europa nicht über 50 Meter wachsen und weshalb Buchen sich gegen Douglasien immer durchsetzen: aus diesem Schatzhaus von einem Buch, geschrieben von einem ökologisch engagierten Forstwirt, lässt es sich erfahren.

Platz 1:

Henning Mankell: "Treibsand"

Die Textminiaturen dieses Bandes sind entstanden, nachdem Henning Mankell Anfang 2014 von seiner Erkrankung an Lungenkrebs erfahren hat, der er vor wenigen Wochen erlag. Mankell beschönigt nichts: "An Krebs zu erkranken ist eine Katastrophe im Leben eines Menschen. Erst nachher weiß man, ob man in der Lage war, sich ihr zu stellen." Mankell erinnert sich an Kapitän Nemo, der seine Nautillus in einen Sarg verwandelt, an den ersten identifizierbaren Künstler unter den Höhlenmalern Südfrankreichs vor 30.000 Jahren und ringt verzweifelt darum, "den Glauben an die Vernunft mit den tragischen Lebensbedingungen, denen der Mensch unterworfen ist" zu verbinden. "Treibsand" ist Henning Mankells einsichtsreiches literarisches Vermächtnis.

Stand: 02.11.2015 10:37 Uhr