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Denis Scheck kommentiert die Top Ten: Belletristik

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Die Top Ten: Belletristik | Video verfügbar bis 28.11.2020 | Bild: BR

Diese zehn Bücher liegen derzeit auf vielen Nachttischen von Lesefreunden in Deutschland. Vielleicht auch auf Ihrem? Was Denis Scheck von den belletristischen Werken hält, verrät er Ihnen hier.

Platz 10:

David Safier: „Mieses Karma hoch zwei“

Dass man auch im Seichten ertrinken kann, hat David Safier schon in seinem ersten Reinkarnations-Roman "Mieses Karma" bewiesen. Das Reflexionsniveau dieser Fortsetzung leidet unter der Lachzwang-Komik Safiers, der seine Hauptfigur Überlegungen anstellen lässt wie: "Jedes Mal, wenn ich an Hitler erinnert wurde, fühlte ich mich in meiner Ansicht bestätigt, dass es keinen Gott gab. Wenn Gott existierte, warum hatte er dann auf Hitler nicht einfach einen 1000 Kilo schweren Schokokuss geworfen?" Aus demselben Grund, schätze ich, aus dem Gott selbst nach diesem Roman keinen 1000 Kilo schweren Schokokuss auf David Safier wirft.

Platz 9:

Fred Vargas: "Das barmherzige Fallbeil"

Kommt Ihnen dieses Argument bekannt vor? "Ich sage, dass jeder, der in diesem Augenblick zittert, selber schuldig ist; denn noch nie hat Unschuld die Aufsicht durch Öffentlichkeit gefürchtet." Der erste, der dieses furchtbare Argument für mehr Transparenz, also mehr Überwachung, Kontrolle und Strafe anführte, war der Urheber der "terreur" während der französischen Revolution: der Serienkiller Maximilien de Robespierre. Dieser ist der heimliche Held in diesem Krimi, der auf Island und im Paris Robespierres zu Zeiten des Wohlfahrtsausschusses spielt und mich begeistert wie lange keiner mehr. Ich möchte sogar behaupten, dass Fred Vargas mit ihrer raffinierten Skurrilität, subversiven Eigenwilligkeit und vollkommenen Unausrechenbarkeit die Zukunft des Kriminalromans darstellt.

Platz 8:

Elizabeth George: "Bedenke, was du tust"

Elizabeth George repräsentiert dagegen definitiv die Vergangenheit des Krimis. So sehr ich die ersten Lynley-Romane geliebt habe: Dieser ist trotz neuem Beziehunsgglück für Lynley viel zu breit, viel zu vorhersehbar, viel zu konventionell. Könnte jemand dieser Autorin einmal sagen, dass der Gaul, auf dem sie zu reiten versucht, mittlerweile tot ist?

Platz 7:

Lucinda Riley: "Die Sturmschwester"

Nach dem Tod ihres schwerreichen Schweizer Adoptivvaters erhalten sechs Schwestern Nachricht von ihrer wahren Herkunft – eine siebte verharrt anonym in den Kulissen. Band zwei der zu befürchtenden Heptalogie von Lucinda Riley dreht sich um die Regattaseglerin Ally, die sich eigentlich für Musik interessiert, am Ende schwanger ist und die Asche des verblichenen Erzeugers mit dem Satz über Bord kippt: "'Auf Wiedersehen, Schatz', flüsterte ich und meine Hand wanderte unwillkürlich zu meinem Bauch. Unsere Liebe lebt weiter." Mein Hass auf diese durch und durch synthethische und nervtötende Gefühlsduselei allerdings auch.

Platz 6:

Joachim Meyerhoff: "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"

Gescheit, berührend, enorm unterhaltsam: in diesem dritten Band seines autobiographischen Romanzyklus schildert Meyerhoff seine Zeit an der Theaterschule in München als Untermieter bei seinen saufenden und sterbenden Großeltern. Joachim Meyerhoffs virtuoser Erzählkosmos ist all das, was viele vom norwegischen Langweiler Karl Ove Knausgard behaupten.

Platz 5:

Kerstin Gier: "Silber. Das dritte Buch der Träume"

Dieser Roman besteht hauptsächlich aus Sätzen wie: "Boah, machte Henry beeindruckt. Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Über Graysons Gesicht zog sich ein Grinsen." Dieser dritte Roman von Kerstin Gier um Liv Silber ist nicht schlechter als die ersten beiden. Aber mal ehrlich: Dies könnte eine der vernichtendsten Kritik sein, die ich in meinem Leben als Literaturkritiker formuliert habe.

Platz 4:

Dörte Hansen: "Altes Land"

Man hat den verblüffenden Erfolg dieses Romandebüts einer norddeutschen Autorin mit vielerlei zu erklären versucht: der neuen Sehnsucht nach dem Landleben, dem internationale Trend zum "Nature Writing", dem Vertriebenen-Thema in Form einer Familiengeschichte. Alles richtig. Unterschätzt wird in meinen Augen dabei schlicht das erzählerische Talent Dörte Hansens, das ihr etwa erlaubt, eine Figur überzeugend als "Meisterin der Telefonkunstpause" zu charakterisieren.

Platz 3:

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt: "Die Menschen, die es nicht verdienen"

Ein öder Roman, der sich die Glorifizierung des Durchschnittlichen und des Mittelmaßes auf die Fahnen geschrieben hat – wenig verwunderlich, arbeiten die Autoren doch fürs Fernsehen. Die Infamie dieses Gewaltpornos liegt in der Obszönität, mit der Hjorth und Rosenberg vom moralisch hohen Ross aus das Böse in der Sehnsucht nach dem Besseren verorten. Ergebnis: ein Serienkiller-Roman, in dem ich tatsächlich mehr Sympathie mit dem Täter als mit seinen Opfern empfand.

Platz 2:

Sebastian Fitzek: "Das Joshua-Profil"

Wie kann es sein, dass ein so talentloser, klischeeverhafteter und – mit Verlaub – dummer Autor wie Sebastian Fitzek landauf, landab von der deutschen Kritik als "Thriller-König" bejubelt wird? "Wenn Sie mich kennen, dann wissen Sie, dass ich nie mit dem erhobenen Zeigefinger schreibe", so Sebastian Fitzek in einem sage und schreibe 13 Seiten langen, mit erhobenem Zeigefinger verfassten Nachwort zu seinem mit erhobenem Zeigefinger geschriebenen Pädophilophie-Krimi, dessen Sprache sich liest, als würde der Autor sein Manuskript in Keilschrift auf Steinplatten beim Verlag abgeben. Kleine Kostprobe: "Ich trat aus dem Klo, wünschte dem Kerl den Tod und riss ihm seine Haare so hart nach hinten, dass ich die Kopfhaut reißen hören konnte. Dann schlug ich zu. Einmal. Zweimal. Immer wieder. Im Blutrausch." Sebastian Fitzek markiert für mich die Nulllinie der deutschen Gegenwartsliteratur.

Platz 1:

Jojo Mojes: "Ein ganz neues Leben"

Mit ihrem Roman "Ein ganzes halbes Jahr", einer verkitschten Variante von "Ziemlich beste Freunde" in Schweinchen-Rosa, wurde die Britin Jojo Mojes berühmt. Die Fortsetzung liest sich wie eine Expedition in eine endlose Wüste des Schunds, in dem die einzigen Oasen unfreiwillig komische Sätze bilden wie: "Es war, als hätte ich mich in einen winzigen Kokon zurückgezogen, allerdings einen, in dessen Ecke sich ein verteufelt großer Elefant niedergelassen hatte."

Stand: 30.11.2015 09:06 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
Norddeutscher Rundfunk
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