SENDETERMIN So, 27.05.18 | 23:35 Uhr | Das Erste

Denis Scheck empfiehlt Svenja Flaßpöhler

PlayFlasspoehler

Seit Monaten erschüttert die #Metoo-Debatte die westliche Welt und ist längst auch in der Literatur angekommen: In diesem Jahr wird wegen des Sex-and-crime-Skandals in der Schwedischen Akademie also kein Literaturnobelpreis verliehen. Philip Roth oder John Updike hätten sich so das als Roman nicht schöner ausdenken können. Um in diesen aufgeregten Zeiten nicht missverstanden zu werden: Vergewaltiger gehören hinter Gitter und die Gleichberechtigung von Mann und Frau muss gesellschaftliche Praxis werden – auch, was den Lohnzettel anbelangt.

Aber die Unschuldsvermutung muss auch im öffentlichen Raum gelten, und Hashtag-Kampagnen sind mitunter von medialem Rufmord und Kesseltreiben schwer zu unterscheiden. Da kommt gerade zur rechten Zeit ein Buch, das wie eine intellektuelle Offenbarung wirkt. Es trägt den provozierenden Titel "Die potente Frau" und stammt von Svenja Flaßpöhler, der Chefredakteurin des "Philosophie"-Magazins.           

Potenz wird im traditionellen Denken Männern zugeschrieben. In "Die potente Frau" dreht Svenja Flaßpöhler den Spieß um und unternimmt den Versuch, nach Simone de Beauvoir in den Sechzigerjahren und Judith Butler in den Neunzigerjahren den feministischen Diskurs auf ein neues Niveau zu heben. Sie setzt dabei auf eine lustvolle Erfahrung des eigenen Leibs, auf die befreienden Potentiale selbstbestimmter Sexualität, auf einen aus diesen Erfahrungen hervorgehenden "Experienzialismus", wie sie das nennt. Svenja Flaßpöhler stört am Hashtag-Feminismus, dass er Frauen eine passive Opferrolle zuweist und so indirekt das wankende Patriarchat stützt.

"Halte still und beklage dich hinterher – ist dieses hilflose Nachtreten wirklich das Verständnis von Selbstermächtigung und Emanzipation, das wir unseren Töchtern mit auf den Weg geben wollen?", schreibt Svenja Flaßpöhler. Und kommt zu dem Schluss: "Anstatt dem Mann die Schuld für das weibliche Verharren in Passivität in die Schuhe zu schieben – beruflich, sexuell, existenziell – kommt die potente Frau in die Lust. Sie begehrt und verführt, befreit sich aus der Objektposition, ist souveränes Subjekt auch der Schaulust. Anstatt die männliche Sexualität zu entwerten, wertet sie ihre eigene auf. (…) Denn niemand kann sie von der Aufgabe entlasten, selbstbestimmt zu handeln. Niemand kann ihr abnehmen, die zu werden, die sie sein will."

"Die potente Frau" ist eine Fundgrube messerscharfer Analysen und eine Fundgrube kluger und origineller Gedanken. So schmal Flaßpöhlers Büchlein ist, es trägt das Potential in sich, für das Verhältnis zwischen Mann und Frau dasselbe zu leisten wie das "Kommunistische Manifest" für das Verhältnis zwischen Kapital und Proletariat getan hat. Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Svenja Flaßpöhlers "Die potente Frau", erschienen im Ullstein Verlag.

Stand: 27.05.2018 23:35 Uhr

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