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Denis Scheck empfiehlt Francis Spufford: "Neu York"

Denis Scheck empfiehlt Francis Spufford: "Neu York" | Video verfügbar bis 29.10.2022

Wenn Nebel vom Hudson in die Stadt dringt und die Werbung in den Schaufenstern ausblendet, kann man sich an manchen Straßenecken manchmal einbilden, hundert oder auch zweihundert Jahre in die Vergangenheit New Yorks zurück versetzt zu werden. Doch ganz so weit, wie uns Francis Spufford in seinem Roman "Neu York" in die Geschichte dieser Stadt mitnimmt, soweit reicht keine optische Illusion: der Engländer Francis Spufford siedelt seinen Roman "Neu York" im zwanzigsten Jahr der Regentschaft von George II. im Jahr 1746 an. New York oder vielmehr eben Neu-York ist schon damals eine quirlige Metropole: ganze siebentausend Einwohner sorgen für urbanes Leben, auf dem Broad Way weiden Kühe, in der Wall Street bieten Obstverkäufer ihre Waren an, holländisch ist unter den ersten Familien der Stadt durchaus noch Umgangssprache, am Stadttor an der Südspitze Manhattans zeigt man stolz die Skalps der von verbündeten Indianerstämmen getöteten Franzosen, und in den Dampfbädern in den Badehäusern in der William Street schwitzen sich die Seeleute die Kälte aus den Knochen.

Cover von Francis Spuffords Roman "Neu York"
Cover von Francis Spuffords Roman "Neu York"

In diese stinkende, korrupte und doch wunderbar lebendige Stadt Neu-York kommt am 1. November 1746 ein ebenso pfiffiger wie geheimnisvoller junger Mann mit einem Wechsel, der auf den sagenhaften Betrag von eintausend Pfund ausgestellt ist. Wer ist dieser gutaussehende Fremde? Was will er mit so viel Geld in der neuen Welt anstellen? Welche Interessengruppen stehen hinter ihm? Der Papst? Ein europäisches Königshaus? Eine Großbank? Bald ist Neu York erfüllt von den absurdesten Gerüchten rund um den Krösus aus Europa – und doch ist keines so phantastisch wie die Wahrheit, die nach und nach in diesem Roman enthüllt wird.

Francis Spufford legt in seinem facettenreichen Roman Schicht um Schicht den Gründungsmythos jenes Landes bloß, das sich erst dreißig Jahre später von seinem Mutterland lossagen wird. Im Zentrum: die Rassefragen und das Verbrechen der Sklaverei, dessen dunkle Schatten noch über den Vereinigten Staaten von heute liegen. Und wie nebenbei erzählt der Wortmagier Spufford in der reichsten Sprache seit Henry Fielding und Thomas Pynchon eine hinreißend traurige, hinreißend schöne Liebesgeschichte.

Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Francis Spuffords "Neu York", erschienen in der Übersetzung von Jan Schönherr im Rowohlt Verlag.

Stand: 30.10.2017 00:05 Uhr

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