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Denis Scheck empfiehlt Hergé

Denis Scheck empfiehlt Hergé | Video verfügbar bis 01.10.2022

Guten Abend und herzlich willkommen zum guten Buch zur späten Stunde.

Das Buch, das ich Ihnen als erstes heute vorstellen möchte, ist ein Comic. Eines der zu Recht berühmtesten Comics der Welt: "Tim und Stuppi" von Hergé. Unauslöschlich eingeprägt ins visuelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts hat sich Hergés geniales Comic durch eine Kunst der Reduktion, die er durch seine "ligne claire", die "klare Linie" seines Zeichenstils entwickelte.

Gerade mal 21 Jahre war George Remi, als er sich den Reporter Tim und seinen weißen Foxterrier Struppi ausdachte und sie rund um die Welt schickte. Nun ist bei Carlsen eine schmucke Kassette erschienen, die beim Wiederlesen daran erinnert, daß Hergés "Tim und Struppi" dank des dauerfluchenden Vollalkoholikers Kaptän Haddock nicht zuletzt ein Sprachereignis ist: "Gurkennase! Mückenhirn in Aspik! Karnevals-Seeräuber! Schafsnasen! Dorftrottel! Rollschwanzaffen! Vegetarier! Politiker! Hunderttausend Höllenhunde!" Mit den Flüchen Kapitän Haddocks läßt sich sprechen lernen.

Hergé
Hergé

Über Tim und Struppi sprechen heißt über Politik sprechen. Nichts und Niemand kommt durch das Zeitalter der Extreme, ohne von den Ideologien, die das 19. und 20. Jahrhundert bestimmten, berührt und gegebenenfalls beschmutzt zu werden. Die ersten drei Alben von "Tim und Struppi" zeigen die Geburt eines unsterblichen Comichelden – und gleichzeitig wie stark jenes Zeitalter kontaminiert war von Rassismus und Kolonialismus, Antisemitismus, Antikommunismus und Antiamerikanismus. "Tim im Land der Sowjets", "Tim im Kongo" und "Tim in Amerika" atmen den Ungeist jenes stockreaktionären katholischen Konservativismus, in dessen Kampfblatt "Le Vingtième Siècle" Tintin 1929 das Licht der Welt erblickten.

Erst die Begegnung mit einem chinesischen Austauschstudenten in den 1930er Jahren ließ Hergé umdenken und führte ab "Der blaue Lotus" zu einer weniger feindseligen Darstellung fremder Kulturen. War Hergé ein Rassist? Nach heutigen Standards unbedingt. Aber nehmen wir uns mit unseren kümmerlichen Einsichten und Erkenntnissen doch nicht zu ernst. Zeigen wir ein wenig Demut vor dem ethischen und moralischen Fortschritt, der nach uns kommen wird. Besitzen wir die Größe, die Größe Hergés zu feiern, ohne seine Verfehlungen zu verschweigen.

Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Hergés "Das Gesamtwerk" in der schönen Jubiläumskassette, erschienen im Carlsen Verlag

Stand: 01.10.2017 23:35 Uhr

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