SENDETERMIN So, 01.10.17 | 23:35 Uhr | Das Erste

Jean Echenoz: "Unsere Frau in Pjöngjang"

Jean Echenoz: "Unsere Frau in Pjöngjang" | Video verfügbar bis 01.10.2022

Die Franzosen haben ja Schauspieler wie den unvergleichlichen Jean-Paul Belmondo, der einmal in einem Film von Godard seine Coolness beweisen und ein andermal in einem albernen Historienschinken auftreten konnte, ohne dass es seinem Ruhm abträglich war. In der Literatur ist es dort nicht anders, der geniale Boris Vian etwa begründete seine literarische Karriere mit einem skandalumwitterten Sex-and-Crime-Roman, ehe er als Avantgardist unsterblich wurde. Und so ist nicht verwunderlich, dass Jean Echenoz es heute ohne weiteres schafft, einen modernen Agentenroman zu schreiben – und dieses Genre damit gleichzeitig zu persiflieren.

"Die Sache"

"Ohne Constance anzusprechen oder sie auch nur zu begrüßen, musterte der General sie lange vom Kopf bis zu den Füßen, mit einem kleinen Umweg über seinen Zigarillo. Constance hatte schon früher erlebt, dass man sie solchermaßen inspizierte, doch diesmal erfolgte die Untersuchung ohne alle medizinischen noch libidinösen Absichten. Dann wandte er sich an Objat: Sie hatten recht, sagte Bourgeaud, ich glaube, sie könnte für die Sache geeignet sein.
Entschuldigung, jetzt wurde Constance doch etwas ungeduldig, von was für einer Sache reden Sie bitte? Sehr einfach, antwortete der General, wir werden Sie einsetzen, um Nordkorea zu destabilisieren."

Ein amüsantes Spiel des Autors

Jean Echenoz
Jean Echenoz: "Unsere Frau in Pjöngjang"

Wir sind immerhin schon auf Seite 175 dieses hübschen Romans angelangt, wenn wir lesen, wie die Protagonistin Constance endlich auch erfährt, was "die Sache" ist. Entführung, Observation, Mord, diplomatische Verwicklungen, verrauchte Hinterzimmer, spontaner Sex, ein Versteck auf dem Land und mysteriöse Substanzen in Einwegspritzen gehören wie selbstverständlich zum Repertoire dieser Geschichte. Realismus liegt dabei nicht im zentralen Interesse des Autors. Er betreibt ein amüsantes Spiel, voller Ironie, voll Anspielungen, er verweist, zitiert, mixt, dekonstruiert, kurz, Jean Echenoz führt lustvoll vor, wie ein postmoderner Roman funktioniert. Dass dieser aber auch höchst vergnüglich zu lesen ist, verdanken wir nicht den womöglich blutleeren Absichten eines Theoretikers, sondern der lebendigen Kunst dieses Autors: Ein Virtuosenstück!

(Jean Echenoz: "Unsere Frau in Pjöngjang". Erschienen im Hanser Verlag)

Stand: 01.10.2017 23:35 Uhr

5 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.