SENDETERMIN So, 25.09.16 | 23:35 Uhr | Das Erste

Denis Scheck empfiehlt Joost Zwagerman

Denis Scheck empfiehlt Joost Zwagerman - "Duell" | Video verfügbar bis 25.09.2021

Haben Sie manchmal das Gefühl, die Welt der modernen Kunst wäre reiner Betrug? Ein Sammelbecken avancierter Hütchenspieler, Hochstapler, Bauernfänger? Dann ist das Buch, das ich Ihnen heute als allererstes empfehlen möchte, genau das richtige für Sie. Es heißt "Duell" und wurde von dem Niederländer Joost Zwagerman geschrieben. In seinem Heimatland war dieses schmale Büchlein ein Sensationsbestseller und hat sich fast eine Million mal verkauft, was angesichts der Gesamtbevölkerung der Niederlande von knapp 17 Millionen schon etwas heißen will. Aus Anlass des Ehrengasts Niederlande und Flandern der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hat es der Weidle Verlag nun von Gregor Seferens wortmächtig ins Deutsche übersetzen lassen. 

Alles dreht sich um ein Bild      

Mark Rothko, geboren 1903 in Lettland, gestorben 1970 in New York, ist ohne Zweifel einer der Malerfürsten des 20. Jahrhunderts. Ein Werk von ihm mit dem Titel "Untitled Number 18" steht im Mittelpunkt des Romans. Eine junge niederländische Künstlerin ist in Zwagermans Novelle darauf spezialisiert, exakte, handwerklich perfekte Kopien von Meisterwerken der Kunstgeschichte anzufertigen. Ihre Kunst fragt weniger nach dem Unterschied zwischen Original und Kopie, als dass sie auf die malerische Perfektion der Bilder aufmerksam machen möchte: sie analysiert Farbschicht um Farbschicht, betreibt quasi Leinwandarchäologie und feiert gerade durch den Akt der Rekonstruktion die geniale Einmaligkeit des ersten Entwurfs.

"Das Wunder von Rothko war, dass er die heilige Dreieinigkeit, so wie sie jahrhundertelang abgebildet worden war, zu aufwolkenden Farbflächen eingedampft hatte. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist waren in seinem Oeuvre zu ätherischen, mal gelben, mal grünen, blauen, roten, weißen, ganz gleich in welcher Farbe gemalten Feldern reduziert, Farben, die geradewegs in die Seele des Betrachters schwebten und ihn dort berührten", schreibt Joost Zwagerman. 

Ein Diebstahl mit Folgen

Blöd nur, dass diese Künstlerin ausgerechnet die erste Ausstellung eines ehrgeizigen frisch ernannten Amsterdamer Museumsdirektors nutzt, um das 30 Millionen Euro teure Mark Rothko Gemälde "Untiteld Number 18" zu klauen und in einer dadaistischen Kunstaktion weltweit in sozialen Einrichtungen wie Bibliotheken von Altenheimen oder Klassenzimmern quasi inkognito auszustellen. Der junge Museumsdirektor will sich das nicht gefallen lassen und beschließt, den Rothko auf eigene Faust zurückzuholen. Apropos Faust: Das Buch beginnt mit einer unvergesslichen Szene, in der seine Faust in der Millionen teuren Rothko-Leinwand landet und diese durchschlägt. Können Sie sich vorstellen, wie sich der Museumsdirektor danach fühlt? Wie es weitergeht, müssen Sie schon selbst lesen. Ich verspreche Ihnen aber: Noch nie war ein Crashkurs in moderner Kunstgeschichte so aufregend und amüsant zu lesen wie in dieser perfekten Novelle.           

Eine perfekte Novelle

Ich wünschte so sehr, ich könnte Ihnen dieses wunderbare Buch, eine Schule des Sehens und eine grandiose Meditation über Handwerk, Originalität und Genie, zu Lebzeiten des Autors empfehlen. Aber Joost Zwagerman litt unter starken Depressionen und hat sich leider letztes Jahr das Leben genommen. Welcher Verlust sein Freitod für die Literatur bedeutet, wird ermessen, wer "Duell" gelesen hat. Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie "Duell" von Joost Zwagerman, erschienen in der deutschen Übersetzung von Gregor Seferens im Weidle Verlag.

Stand: 25.09.2016 23:35 Uhr

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